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Die Zahl der öffentlich bekannten aktivistischen Kampagnen in Europa ist im vergangenen Jahr um 43 % gestiegen. Nach einer Publikation von Skadden, basierend auf Daten von Activistmonitor, gab es 2025 insgesamt 116 mehr Kampagnen als 2024. 30 davon richteten sich gegen Unternehmen in Deutschland, was einem Anstieg der aktivistischen Kampagnen um 67 % gegenüber 2024 entspricht. Wir beleuchten die Trends, die den Aktionärsaktivismus prägen, warum mit einem weiteren Anstieg in Deutschland zu rechnen ist, welche neuen Taktiken aktivistische Investoren nutzen und wie sich Unternehmen vorbereiten können. Von Christof Schwab und Cas Sydorowitz
Dabei ist zu berücksichtigen, dass zahlreiche Reports über Aktivismus unterschiedliche Trends identifizieren und prognostizieren. Dies liegt an Unterschieden in der herangezogenen Datenbasis bzw. den Limitierungen, die einzelne Analysten für ihre Berichte anwenden.
Ausländische Aktivisten auf Vormarsch
Laut der Skadden-Befragung gingen 43 % der Kampagnen von ausländischen Aktivisten aus. Im Jahr 2024 lag dieser Anteil nur bei 26 %. Aktivisten aus dem Vereinigten Königreich und den USA spielen dabei eine dominante Rolle, wobei das Vereinigte Königreich selbst ebenfalls ein beliebtes Ziel von ausländischen Aktivisten ist – das Land verzeichnete 34 Kampagnen und damit nur einen leichten Anstieg gegenüber 33 Kampagnen im Vorjahr.
Die Unternehmen wurden zudem nach ihrer Einschätzung befragt, wie sich Aktionärsaktivismus in den kommenden zwölf Monaten entwickeln wird. Eine deutliche Mehrheit der im Rahmen dieser Untersuchung befragten Unternehmen erwartet demnach einen Anstieg des Aktionärsaktivismus.
Neue aktivistische Trends?
Governance-Schwächen wie Overboarding und Defizite hinsichtlich Diversity bleiben die am häufigsten genutzten Hebel aktivistischer Investoren, um Einfluss auf Vorstand und Aufsichtsrat zu nehmen. Dies erleichtert es Aktivisten, die Unterstützung indexnaher und passiver Investoren zu gewinnen, die sich häufig eng an den Analysen und Empfehlungen von Proxy Advisors orientieren.
Die Ziele aktueller Kampagnen konzentrieren sich allerdings zunehmend auf Portfolio- und M&A-Aspekte sowie auf die Einflussnahme auf Board-Besetzungen. ESG-Aktivismus verliert dagegen an Bedeutung.
Dr. Karl Döding und Dr. Jannes Drechsler veröffentlichten einen Artikel in der ZHR, in dem sie sich ebenfalls mit der zunehmenden Bedeutung aktivistischer Aufsichtsräte auseinandersetzen. Demnach waren immer mehr Kampagnen erfolgreich. Die Wahl des aktivistischen Investors Jeffrey Ubben in den Aufsichtsrat der Bayer AG im Jahr 2024 sowie die Wahl von Scott Ferguson von Sachem Head in den Aufsichtsrat der Delivery Hero SE stellten dabei erst den Beginn mehrerer erfolgreicher Kampagnen dar.
Aktivismus – ein temporäres Phänomen?
Es ist schwer, langfristige Aussagen zu treffen, wie sich die Zahl aktivistischer Kampagnen entwickeln wird. Kurz- und mittelfristig dürften die Engagements von Aktivisten eher zunehmen. Geopolitische Schwankungen und nach unten korrigierte Wachstumsprognosen dämpfen die Erwartungen für den Aktienmarkt. Investoren stehen unter wachsendem Druck und suchen nach Anlageideen, die eine Outperformance ermöglichen könnten. Dies ist ein attraktives Umfeld für Hedgefonds und Aktivisten, die aktuell Mittelzuflüsse verzeichnen. Eine Zunahme von „activist cases“ wäre eine logische Konsequenz.
Ein weiteres Indiz hierfür ist die Zunahme verliehener Aktien. S&P weist für Europa einen Anstieg von 51 % gegenüber dem Vorjahr aus. So befanden sich im Februar 2026 Aktien im Wert von durchschnittlich 268 Mrd. USD in der Leihe.
Neue Taktiken
Welche neuen Taktiken nutzen aktivistische Investoren? Cas Sydorowitz, Global Head of Georgeson Advisory, Teil von Computershare Investor Engagement, formuliert dazu folgende Erwartungen: „Aktivisten besinnen sich wieder stärker auf grundlegende Faktoren: Corporate Governance, Unternehmensperformance und Kapitalallokation. Zunehmend verfolgen sie das Ziel, einen oder zwei Kandidaten in den Aufsichtsrat oder Verwaltungsrat zu bringen, um darüber Einfluss zu gewinnen. Im Mittelpunkt stehen dabei häufig Maßnahmen zur Verbesserung der Profitabilität, etwa Aktienrückkäufe, Dividenden oder Kapitalmaßnahmen.“ Zu den aktuellen Ansätzen zählen:
- Swarming: Mehrere Aktivisten nehmen gleichzeitig dasselbe Unternehmen, einzelne Organmitglieder oder ein bestimmtes Thema ins Visier.
- Bumpitrage: Ereignisorientierte Aktivisten versuchen, bei bereits laufenden Transaktionen zusätzlichen Wert herauszuholen.
- CEO-Nachfolge: Entscheidungen der Unternehmensführung und eine unzureichende Nachfolgeplanung geraten stärker in den Fokus und können zu einer höheren CEO-Fluktuation beitragen.
- Vergütung als Angriffspunkt: Vergütungspakete werden zunehmend als Stellvertreterthema genutzt, insbesondere wenn Vorstand oder Aufsichtsrat aus Sicht der Investoren nicht ausreichend liefern.
- Fokus auf einzelne Mandatsträger: Investoren richten ihre Aufmerksamkeit häufiger auf einzelne Mitglieder des Aufsichtsrats oder Verwaltungsrats, statt das gesamte Gremium zu bewerten. Das ist schneller, kosteneffizienter und kann eine größere Wirkung entfalten. Unternehmen sollten deshalb ihre Governance-Struktur und potenzielle Angriffsflächen einzelner Gremienmitglieder regelmäßig überprüfen.
Vergleiche statt Proxy Fights
Warum kommt es häufiger zu Vergleichen statt zu Proxy Fights? Nicht jeder aktivistische Investor strebt einen Proxy Fight an. Eine solche Auseinandersetzung ist teuer. Auf beiden Seiten entstehen erhebliche Kosten für Rechtsberater, Kommunikationsberater und Proxy Advisors. Hinzu kommen eine hohe öffentliche Sichtbarkeit und ein erhebliches Risiko des Scheiterns.
Das aktuelle Umfeld aus geopolitischen Spannungen, KI-getriebener Disruption und zunehmender Regulierung erhöht den Druck zusätzlich. Öffentliche Auseinandersetzungen können strategische Initiativen verzögern und Vorstände wie Aufsichtsräte stark belasten.
Eine frühzeitige Einigung kann daher sinnvoll sein, um einen langwierigen, öffentlich ausgetragenen Konflikt zu vermeiden. Wird ein Vergleich jedoch falsch strukturiert, kann das Unternehmen künftig als leichter angreifbares Ziel wahrgenommen werden.
Neue Formate und Kanäle
Aktivisten – und zunehmend auch Unternehmen – passen ihre Kommunikation an neue Mediennutzungsgewohnheiten an. Klassische Formate wie Pressemitteilungen und Whitepaper bleiben relevant, werden aber durch moderne Kanäle ergänzt.
Dazu gehören:
- Erklärvideos und Informationskampagnen: Sie helfen Investoren, komplexe Themen besser zu verstehen und ihre Abstimmungsentscheidungen vorzubereiten.
- Podcasts, Panels und Webinare: Diese Formate eignen sich, um Strategien zu erklären und Vertrauen bei Aktionären aufzubauen.
- Umfassende Social-Media-Kampagnen: Aktivisten nutzen soziale Netzwerke, um Unterstützung zu mobilisieren und öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen.
- Aufbau von Netzwerken: Große Investorenveranstaltungen wie das UK Investor Forum werden genutzt, um Beziehungen zu anderen Investoren aufzubauen und Unterstützer zu gewinnen.
- KI-generierter Nachrichtenfluss: Aktivisten nutzen zunehmend Algorithmen, die aus öffentlich verfügbaren Abstimmungsinformationen Inhalte generieren.
- Investigative Recherchen: Aktivisten setzen mitunter private Ermittler und forensische Buchhalter ein, um Unregelmäßigkeiten, Bilanzthemen oder potenzielle Reputationsrisiken aufzudecken.
Fazit
Unternehmen sollten ihren Investorendialog, ihre Verteidigungsstrategie und mögliche Angriffsflächen frühzeitig analysieren und vorbereiten – unabhängig davon, ob bereits ein konkretes Aktivismusrisiko erkennbar ist. Ein proaktiver Investorendialog, regelmäßige Szenarioanalysen und Defence Drills helfen, das gesamte Team vorzubereiten. So kann das Unternehmen schneller und koordinierter reagieren – sowohl im Fall einer Einigung als auch bei einer längerfristigen öffentlichen Auseinandersetzung.
Quellenangaben:
- https://www.skadden.com/-/media/files/
publications/2026/01/activist_investing_in_
europe_2026.pdf - https://www.spglobal.com/content/dam/
spglobal/mi/en/documents/research-analysis/MI_0326_New%20February%20snapshot%2026%20V2.pdf - https://pure.mpg.de/view/item_3687744





