Bildnachweis: ARGE Dietrich | Untertrifaller mit ALINE HIELSCHER ARCHITEKTUR.
Titelbild: Visualisierung der Fassade des Innovation Hub. Copyright: ARGE Dietrich | Untertrifaller mit ALINE HIELSCHER ARCHITEKTUR
Mehr als 100 Unternehmen, nahezu ausgelastete Flächen – und der Weinberg Campus in Halle (Saale) wächst weiter: Ein neuer Innovation Hub wird im Januar 2027 eröffnet; die Planungen für zwei weitere Neubauprojekte sind abgeschlossen, erste vorbereitende Maßnahmen laufen bereits. So entstehen neue Flächen für forschungsintensive Start-ups, KMU und Industrieunternehmen. Doch gerade in den Life Sciences verändern sich Technologien, Kapitalbedarf und Raumanforderungen schnell. Wie plant man also heute einen Technologiepark, der auch 2030 zu den Unternehmen passen soll, deren Bedürfnisse man noch nicht kennt? Dazu sprachen wir mit Dr. Edgar Boczek, Head of Venture & Innovation Management am Technologiepark Weinberg Campus in Halle (Saale). Von Urs Moesenfechtel
Als 1993 das erste Technologie- und Gründerzentrum (TGZ) am Weinberg Campus in Halle eröffnete, war keineswegs ausgemacht, was daraus werden würde. Das „TGZ I“ sei daher im Stil eines Wohnhauses errichtet worden. Man wollte sich eine spätere Umnutzung offenhalten, erzählt Dr. Boczek, der die Unterstützung und Vernetzung von Startups am Campus verantwortet. Die Vorsicht erwies sich schnell als unnötig: Wenige Monate nach der Eröffnung waren die 3.800 m² Mietfläche vollständig vergeben.

Der Platz wurde also schnell knapp, das TGZ wuchs weiter. „Lego-mäßig“, wie Dr. Boczek sagt: Gebäudeteil kam zu Gebäudeteil. Heute umfasst das TGZ neun Gebäude mit nahezu komplett ausgelasteten Flächen. Auf dem inzwischen 134 Hektar großen Campus arbeiten rund 6.000 Menschen; die Martin-Luther-Universität Halle, zahlreiche außeruniversitäre Forschungsinstitute und mehr als 100 Unternehmen haben sich dort angesiedelt; seit der Gründung haben mehr als 300 Start-ups den Standort genutzt. Heute stellt sich nicht mehr die Frage, ob der Technologiepark funktioniert, sondern wie er weiterwachsen soll. Diesmal braucht es aber einen größeren und flexibleren Baustein, der nicht schon bald den nächsten Anbau nötig macht.
Bauen für das Unbekannte
Der derzeit entstehende Innovation Hub, der am 01.01.2027 eröffnet wird, ist dafür der nächste große Schritt. 16,9 Mio. EUR werden investiert; 14,7 Mio. davon stammen vom Bund und dem Land Sachsen-Anhalt. Auf 4.900 m² entstehen 52 Büros sowie 15 Fertigungslabore und Werkstätten für Bioeconomy, Robotik und IT/KI. Im Hub lassen sich Einheiten einzeln mieten oder kombinieren, Wände versetzen und technische Medien anpassen. Die Räume können so immer wieder an neue Anforderungen angepasst werden, die in fünf oder zehn Jahren ganz andere sein können als heute. Doch nicht jede künftige Anforderung lässt sich durch flexible Raumaufteilung auffangen. Für spezialisierte Laborinfrastruktur aller naturwissenschaftlichen Nutzungsqualitäten (Bio, Biochemie, Chemie, Physik), Büroräume und Konferenzflächen für Life Science & Bioeconomy sind zwei weitere Neubauten geplant: das Business Development Center (BDC) und das Center for Sustainable Materials and Energy (CSME). Zusammen mit dem Innovation Hub bilden sie die nächsten großen Ausbauschritte des TGZ mit einer Gesamtinvestition von 150 Mio. EUR. Nach Dr. Boczeks Angaben sollen so bis 2030 zu den bestehenden Flächen perspektivisch knapp 20.000 m² hinzukommen.

Das Tetris des Wachstums
Mehr Flächen lösen allerdings nicht automatisch das grundsätzliche Platzproblem. Unternehmen wachsen, benötigen zusätzliche Einheiten oder ziehen um. Mit jedem Entwicklungsschritt verändert sich die Konstellation. Dr. Boczek vergleicht diese Aufgabe deshalb mit einem Tetris-Spiel: Für jedes Unternehmen muss immer wieder neu die passende Lücke gefunden werden.
Ein Beispiel dafür, wie Wachstum über die TGZ-Flächen hinaus am Weinberg Campus weitergehen kann, ist WACKER Biotech. Das Unternehmen übernahm 2014 die in Halle ansässige Scil Proteins Production GmbH, baute seine Aktivitäten vor Ort deutlich aus und bezog schließlich ein eigenes Gebäude auf dem Campus. Mit dem 2024 eröffneten mRNA-Kompetenzzentrum setzte WACKER Biotech diesen Wachstumskurs fort. Mehr als 100 Mio. EUR investierte das Unternehmen in den Ausbau und schuf dabei mehr als 100 neue Arbeitsplätze.
Wie unterschiedlich die Anforderungen bereits heute sind, zeigen die folgenden Unternehmen am Weinberg Campus
|
Dieses Tetris wird aber längst nicht nur mit Quadratmetern gespielt. Ein wachsendes Unternehmen braucht schließlich auch Kapital, Industrie- und Entwicklungspartner, Kundenzugang, wissenschaftliche Expertise und erfahrene Begleitung. Das TGZ bringt all das als „One-Stop-Shop“ zusammen. Über das Accelerator-Programm Startup Elevator und die Venture Labs betreut es derzeit 30 Start-ups aus den Bereichen Life Sciences, Bioökonomie und digitale Innovation. Die Gründerteams erhalten individuelles Coaching und Mentoring in kaufmännischen, technischen und regulatorischen Fragen. Erfahrene Fachleute aus Unternehmertum, Industrie, Investment und Wissenschaft begleiten ihre Entwicklung – darunter etwa Jon Flynn, ehemaliger Head of AI bei Google. Bei Finanzierung und Förderung greift das TGZ auf ein branchenspezifisches Netzwerk zurück, zu dem unter anderem der High-Tech Gründerfonds, das Business Angel Netzwerk Mitteldeutschland BAM! und bmp Ventures sowie Förderinstitutionen auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene gehören. Kontakte zu Unternehmen wie WACKER Biotech und UPM Biochemicals sowie zum IT-Dienstleister GISA unterstützen die Start-ups bei Kooperationen und beim Marktzugang. Hinzu kommen die enge Einbindung in das Innovationsökosystem aus Universität und außeruniversitären Forschungsinstituten am Weinberg Campus sowie die nationale und internationale Vernetzung über die de:hub Initiative der Bundesregierung.
Flexibilität als Prinzip
Bei Flächen und Gebäuden setzt Halle also auf Anpassungsfähigkeit; bei Finanzierung, Industrie- und Forschungskontakten ebenso. Doch wie offen kann der Standort auch inhaltlich bleiben, wenn sich wenig vorhersagen lässt, welche Technologien künftig an Bedeutung gewinnen? Hier setzt der Campus auf ein breites, aber nicht beliebiges Technologieprofil. Life Sciences und Bioökonomie gehören ebenso dazu wie Materialwissenschaften, Green Chemistry und digitale Technologien. Auch der Accelerator „Startup Elevator“ bildet diese Bandbreite mit Life Sciences, Bioökonomie und Digital Innovation ab. Die verschiedenen Felder sind eng miteinander verbunden. Aber auch dieses Profil lasse sich nicht festschreiben, so Dr. Boczek. Schon heute seien die Unternehmen am Campus keinem einzigen Technologiefeld zuzuordnen. Und auch künftig müsse Raum für neue Entwicklungen bleiben. „Wir müssen natürlich schauen, was kommt“, so Dr. Boczek.

Das größere Spielfeld
Hinter den Grenzen des Weinberg Campus eröffnet sich ein noch größeres Spielfeld. Sachsen-Anhalt verbindet Biotechnologie und Pharma mit industrieller Bioökonomie, einer starken Chemie- und Produktionslandschaft sowie der Universität und den Forschungseinrichtungen von Max Planck, Fraunhofer, Leibniz und Helmholtz. Für den Weinberg Campus eröffnet das eine Perspektive, die weit über die neuen Gebäude hinausreicht. Ein Unternehmen, das hier wächst, muss seine nächste Entwicklungsstufe also nicht zwangsläufig an einem anderen Standort außerhalb Sachsen-Anhalts oder Mitteldeutschlands suchen. Ziel ist, dass Wachstum nicht zum Wegzugsgrund wird.
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.





