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Während politische Programme und Förderinstrumente die Bioökonomie in Europa stärken, bleibt die industrielle Umsetzung vieler Technologien hinter den Erwartungen zurück. Der European Circular Bioeconomy Fund – ECBF reagiert darauf mit einem Rebranding, einer stärkeren Präsenz in Frankreich und der Vorbereitung eines zweiten Fonds. Über diese Veränderungen beim ECBF sprachen wir mit Dr. Michael Brandkamp, Mitgründer und General Partner des Fonds. Voin Urs Moesenfechtel

Plattform Life Sciences: Herr Dr. Brandkamp: Das Logo und die Webseite des ECBF erscheinen nun in einem deutlich modernisierten Design; mit warmen, erdigen Farbtönen und kräftigen Akzenten in Rot-Orange und hellem Grün. Was steckt inhaltlich hinter diesen sichtbaren Veränderungen?
Dr. Brandkamp: Die Bioökonomie insgesamt braucht mehr Dynamik. Das Thema ist strategisch hoch relevant, wirkt in Teilen aber noch zu wenig in Bewegung. Genau hier setzt unser neuer Auftritt an: Wir wollen sichtbar machen, dass es um unternehmerische Energie und die Skalierung neuer Lösungen geht. Auf politischer Ebene hat sich in den vergangenen Jahren zwar viel getan, die Bioökonomie wird in europäischen Strategien stärker adressiert, und auch der ECBF findet dort Erwähnung. Aber entscheidend bleibt die Umsetzung: Die Überführung von Innovationen in wirtschaftliche Aktivität verläuft weiterhin langsamer als erwartet. Unser Rebranding ist vor diesem Hintergrund kein Selbstzweck, sondern soll genau diese nächste Phase unterstreichen.
Welche inhaltlichen und strategischen Neuerungen gehen mit dem Rebranding einher?
Wir entwickeln uns weiter und bauen die Plattform aus. Dazu gehört auch, dass wir neue Partner stärker in die Führung einbinden – etwa mit Stéphane Roussel und Isabelle Laurencin. Stéphane bringt eine Kombination aus naturwissenschaftlichem Hintergrund und industrieller Erfahrung mit. Er ist Chemiker und hat unter anderem das Corporate-Venture-Geschäft von Solvay Ventures aufgebaut. Heute ist er Chief Investment Officer bei ECBF und übernimmt eine zentrale Rolle, auch beim Ausbau unserer Aktivitäten in Frankreich. Isabelle ergänzt das Team insbesondere im Bereich Fondsentwicklung und Impact-Strategie. Isabelle war globale Leiterin für Climate-Tech-Venture-Capital bei der IFC (World Bank Group) und verantwortete die strategische Ausrichtung in diesem Bereich. Zuvor leitete sie bei Triodos Investment Management einen 70-Millionen-Euro-Venture-Capital-Fonds mit Fokus auf die nachhaltige Transformation des europäischen Ernährungssystems. Für Plug and Play gründete sie zudem einen Accelerator für nachhaltige Technologien in der Textilindustrie. Derzeit ist sie Partnerin bei ECBF.
Ein wichtiger Schritt ist der zweite Fonds, den wir derzeit mit einem ähnlichen Volumen wie den ersten Fonds vorbereiten – also mit rund 300 Millionen EUR. Der Hard Cap liegt etwas darüber, etwa bei 400 Millionen Euro. In der aktuellen Marktsituation halten wir diese Größenordnung für sinnvoll. Der erste Fonds investiert noch bis etwa Ende des Jahres, und danach folgt der nächste. Für Investoren ist dabei sowohl Kontinuität als auch Weiterentwicklung wichtig. Genau das wollen wir abbilden – mit erfahrenen Partnern, aber auch mit neuen Impulsen im Team.
Der Investmentfokus wird sich gegenüber dem ersten Fonds also nicht verändern?
Der zweite Fonds baut grundsätzlich auf den Erfahrungen des ersten auf, aber wir justieren den Scope leicht nach. Ursprünglich lag unser Fokus sehr stark auf der Schnittmenge von Circular Economy und Bioökonomie. Jetzt öffnen wir den Ansatz etwas stärker für Circularity-Themen insgesamt – also etwa Recycling, Ressourceneffizienz oder neue industrielle Prozesse. Gleichzeitig bleibt Europa unser Kernmarkt.
Also ein etwas pragmatischerer Ansatz… an welche Grenzen stieß der bisherige?
Es gibt immer Trade-offs. Fondsmanager hätten gern möglichst viel Freiheit, während Investoren eine klare Fokussierung erwarten. Spezialisierung ist wichtig, weil man nur so das notwendige Know-how und belastbare Netzwerke aufbauen kann. Gleichzeitig darf der Investmentrahmen nicht zu eng sein. Wir erweitern ihn daher etwas – ohne ihn beliebig zu machen. Wir arbeiten weiterhin mit zwei zentralen Bereichen. Der erste ist Bioökonomie im engeren Sinne – also etwa Agrar, Ernährung oder Ökosysteme wie Forestry und Blue Economy. Der zweite Bereich ist Circularity, etwa neue Materialien, industrielle Prozesse oder Green Chemistry. Diese Struktur gibt uns genügend Fokus, lässt aber auch Raum für unterschiedliche Anwendungen. Unsere Investoren teilen die Mission, Innovationen im Bereich der Circular Bioeconomy voranzubringen. Gleichzeitig haben wir unser Impact Framework weiterentwickelt und werden in Zukunft den Impact unsere Investments mit der „Theory of Change“-Methodologie bewerten. Dazu gehört auch, dass wir in einzelnen Fällen Themen an der Schnittstelle von Ernährung und Gesundheit berücksichtigen können.
Können Sie das an Beispielen festmachen?
Ein Beispiel ist Nuritas, ein Unternehmen, das mithilfe von Künstlicher Intelligenz bioaktive Peptide aus Nahrungsquellen identifiziert. Diese können beispielsweise in funktionellen Lebensmitteln oder im Gesundheitsbereich eingesetzt werden. Der Beitrag zur Bioökonomie steht dabei im Vordergrund, auch wenn sich daraus zusätzliche gesundheitliche Anwendungen ergeben.
Ein weiterer Schritt ist die Eröffnung eines Büros in Paris. Wird der ECBF damit stärker französisch?
Nein, eher stärker europäisch. Unser Ziel ist es, Unternehmen aus verschiedenen Regionen zusammenzubringen und europaweit zu skalieren. Frankreich verfügt aber über ein sehr aktives Ökosystem im Bereich Bioökonomie und Deep Tech. Und: Frankreich hat ein sehr aktives Förderumfeld und ein gut entwickeltes Innovationsökosystem. Deutschland ist aber ebenfalls stark unterwegs, etwa über Instrumente wie den Zukunftsfonds oder Programme des European Investment Fund. Frankreich hat jedoch in einigen Bereichen früher begonnen und profitiert heute davon. Paris ist inzwischen ein Standort auf Augenhöhe mit London oder Berlin. Für ein zweites Office in Paris spricht für uns aber vor allem auch, dass bereits mehrere unserer Portfoliounternehmen aus Frankreich stammen – etwa Elicit Plant, Ecoat, RED Horticulture und Weenat. Zudem ist ein Teil unseres Teams in Frankreich ansässig. Stéphane Roussel wird im Pariser Büro eine führende Rolle übernehmen, gemeinsam mit unserem Investment Director Guillaume Gras. Außerdem arbeiten Kolleginnen wie Charlotte Rossignol von dort aus. Wir erweitern das Team durch den Standort nicht unmittelbar. Es geht zunächst darum, unsere bestehenden Aktivitäten vor Ort stärker zu bündeln.

Gibt es Unternehmen aus dem Portfolio, die diese Entwicklung besonders gut zeigen?
Ein Beispiel ist Ecorobotix aus der Schweiz, das Technologien für präzise und ressourcenschonende Landwirtschaft entwickelt. Das Unternehmen wächst derzeit sehr stark. Ein weiteres Beispiel ist VegDog aus München, ein Hersteller pflanzenbasierter Tiernahrung. Und OroraTech, ebenfalls aus München, arbeitet mit satellitengestützten Systemen an der Früherkennung von Waldbränden – ein Thema, das weltweit an Bedeutung gewinnt.
Können Sie schon sagen, welche Investoren den neuen Fonds unterstützen werden?
Dazu ist es noch zu früh. Wir befinden uns derzeit in Gesprächen, aber konkrete Namen können wir noch nicht nennen.
Bleibt es also bei Ihrem bisherigen Ansatz als Growth-Investor in späteren VC-Phasen?
Ja. Wir investieren weiterhin in Series-A- bis Series-C-Runden, mit einem Schwerpunkt auf B und C. Dabei erwerben wir Minderheitsbeteiligungen an Unternehmen, die bereits einen klaren Product-Market-Fit haben und skalieren können – auch wenn sie noch nicht profitabel sind. Wir werden allerdings auch künftig nicht allein sehr große Tickets stemmen. Unser Ansatz ist es, gemeinsam mit starken Co-Investoren zu investieren und belastbare Syndikate aufzubauen. Gleichzeitig verfügen wir mit unserem Fonds über ausreichende Mittel für Folgefinanzierungen – aktuell mehr als 100 Millionen Euro.
Werden diese Mittel ausschließlich für das bestehende Portfolio eingesetzt?
Ja. Der erste Fonds konzentriert sich auf sein Portfolio und dessen Weiterentwicklung. Der zweite Fonds wird ein neues Portfolio aufbauen. Der entscheidende Punkt bei allem ist der Übergang von Technologie zu Produktion. Viele Lösungen funktionieren technisch, erreichen aber nicht schnell genug industrielle Größenordnungen. Genau dort entscheidet sich letztlich, ob aus Innovation auch wirtschaftliche Relevanz wird.
Das Investorenprofil zu ECBF finden Sie hier.
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.





