Bildnachweis: ChatGPT (OpenAI).
Die Debatte um Europas industrielle Zukunft hat sich durch die geopolitischen Verschiebungen verändert. Längst geht es nicht mehr nur um Transformation, Nachhaltigkeit oder Defossilierung, wobei das natürlich für Umwelt- und Klimaschutz außerordentlich wichtige Ziele sind. Eine weitere Frage heute lautet: Wie viel Handlungsmacht bleibt Europa mit Blick auf den asiatischen Raum, dort v. a. China, und die USA? Wo entstehen neue Produktionskapazitäten? Wer bestimmt die Standards und die Preise, wer schafft Märkte, wer kann auch im Krisenfall liefern? Von Dr. Viola Bronsema
Nach dem EU-Biotech Act I, der sich vor allem dem Gesundheitssektor widmet, soll der geplante EU-Biotech Act II die industrielle Biotechnologie und das Biomanufacturing stärken, und so Europas Resilienz, wirtschaftliche Sicherheit, strategische Autonomie und eigene Produktionsfähigkeit zukünftig gewährleisten. Mit dem geplanten zweiten Biotech-Gesetz kann auf lange Sicht die Versorgungssicherheit durch Landwirtschaft und die Herstellung „alternativer“ Proteine verbessert, die Chemie weiter defossiliert sowie die Kreislaufwirtschaft verstärkt und die technologische Souveränität erhöht werden. Der Biotech Act II ist deshalb so wichtig, da er zeigen wird, ob Europa bereit ist, seine industrielle Substanz zu verteidigen – oder weiter zusieht, dass Innovationen zwar noch hier entwickelt, aber anderswo skaliert und vermarktet werden.
Die neue industrielle Realität
Fast täglich werden uns die Abhängigkeit Europas und Deutschlands von Lieferketten vor Augen geführt. Ob Dürre und Niedrigwasser großer Flüsse, blockierte, gefährliche Meerengen, Strafzölle oder instabile Weltregionen. All diese Gegebenheiten führen zu Mangel und steigenden Preisen für Lebensmittel und fossile Rohstoffe sowie Engpässen z. B. für chemische Grundstoffe oder Düngemittel. Mittels Biomanufacturing, der industriellen Fertigung mit lebenden Systemen wie Bakterien oder Hefen basierend auf Biomasse oder Rest- und Abfallströmen, können Biokraftstoffe, Biopharmazeutika, organische Säuren (z. B. Zitronen- oder Milchsäure), Enzyme, Aminosäuren für Futtermittel, Biopolymere (wie PLA oder PHA), alternative Proteine (z. B. Mykoprotein oder fermentierte Milchproteine), sowie biobasierte Chemikalien, Tenside, Schmiermittel, Kosmetikrohstoffe, Textilfasern, Düngemittel, Biopestizide oder Baumaterialien produziert werden. Durch Biomanufacturing kann der Bedarf an fossilen Rohstoffen reduziert und gleichzeitig nachhaltige, kreislauffähige Wertschöpfungssysteme geschaffen werden. Wie wichtig diese vielseitige biotechnologische Produktionsmethode ist, haben China und die USA längst erkannt.
Der Biotech Act II ist deshalb so wichtig,
da er zeigen wird, ob Europa bereit ist,
seine industrielle Substanz
zu verteidigen.
Vergleich zu China und den USA
China hat Biomanufacturing im aktuellen 15. Fünfjahresplan gleichzeitig als Zukunftsbranche und als Kerntechnologie verankert. Ziel des Plans ist es, die technologische Souveränität und Resilienz in diesem und weiteren Bereichen zu verstärken. Die USA pumpen nach wie vor zig Millionen Dollar in nationale Biomanufacturing-Hubs, auch wenn für die aktuelle Regierung weder Klimawandel noch -schutz eine Rolle spielen. Die staatliche Finanzierung von Biomanufacturing in den USA folgt einer geopolitischen und wirtschaftlichen Gesamtstrategie, Es wird mit Blick auf die nationale Sicherheit und die Unabhängigkeit von ausländischen Lieferketten gefördert.
Die Umfrage des vom US-Verteidigungsministerium unterstützten BioMADE-Instituts zeigt: Eine klare Mehrheit der Amerikaner (56 %) will mehr biobasierte Produkte aus US-Produktion in Handel und Lieferketten – Gegenstimmen gibt es kaum (5 %). Noch deutlicher ist der Konsens bei der Forderung nach staatlichen Investitionen: 60 % sehen darin den Schlüssel, um Abhängigkeiten zu verringern und die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Auch hier liegt die Ablehnungsrate bei nur 5 %. 59 % sagen außerdem, dass die USA dafür kämpfen müssen, ihre Führungsrolle zu behalten und nicht hinter China, Indien und der EU im Bereich der Biofertigung zurückzufallen. Der Willen und der Einsatz für das Biomanufacturing in den USA und China ist also offenkundig.
Biotech Act II für Europa
Der noch für 2026 geplante EU Biotech Act II muss Biomanufacturing daher als zentrale Säule etablieren, um die volkswirtschaftlichen Chancen der Bioökonomie voll auszuschöpfen. Die Interessensvertretungen BIO Deutschland und CLIB haben im Juni verschiedene Maßnahmen für den Biotech Act II in einem Positionspapier zusammengefasst, um das Biomanufacturing in Europa wettbewerbsfähig zu gestalten. Ein ganz wichtiger Baustein dafür ist die Priorisierung von Finanzierung und Skalierung durch ein Important Project of Common European Interest (IPCEI) im Bereich Biotechnologie. IPCEIs sind länderübergreifende Förderprojekte, die große technologische oder gesellschaftliche Herausforderungen, die für ganz Europa wichtig sind, lösen helfen sollen.
Mindestens vier EU-Länder müssen sich beteiligen. Die üblichen beihilferechtlichen Regeln gelten nicht. Dieses IPCEI hat auch für die Bundesregierung Vorrang, ist in der Hightech Agenda Deutschland nachzulesen. Dort steht bei „Biotechnologie“ unter Ziel 2. „Wir werden eine prominente Rolle beim zukünftigen EU IPCEI Biotech einnehmen, um auch das Biotech-Ökosystem in Europa zu fördern und die Innovation in den Markt zu bringen“. In der zur Agenda gehörigen Roadmap vom Mai ist dieses Ziel auch mit einer Zielmarke versehen, nämlich der Steigerung des Umsatzanteils biobasierter Chemikalien am Gesamtumsatz auf 15 % (derzeit 11 %). Das Bundeswirtschaftsministerium hat sich auch schon seit letztem Jahr in die Vorbereitung zu einem solche IPCEI eingebracht. Die Industrie hat Projektskizzen dafür erarbeitet. Umso enttäuschender war deshalb der Blick in den aktuellen Entwurf des Haushaltsplans für 2027, in dem für dieses Projekt überraschend keine Mittel mehr vorgesehen sind.

Das IPCEI Biotechnologie ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Baustein, der Europa zu einem wettbewerbsfähigen Biomanufacturing-Standort entwicklen kann. Dazu gehören u. a. auch Änderungen in der Regulatorik der Zulassung neuer biotechnologischer Produkte, Marktanreizinstrumente, die eine flächendeckende Marktdurchdringung ermöglichen, oder eine Verbesserung der Wettbewerbsbedingungen für Genom-editierte Pflanzen und Mikroorganismen. Nur so werden die Mitgliedsstaaten der europäischen Union ausreichend Biomasse, Produktionsorganismen und Biomoleküle zur Verfügung zu haben. Mehr dazu kann in dem Positionspapier nachgelesen werden: www.biodeutschland.org
Macht oder Ohnmacht?
Biomanufacturing ist kein Thema, das man „irgendwann“ angehen kann. Jede Verzögerung bedeutet verlorene Marktanteile, verlorene Investitionen, verlorene Souveränität – und wachsende Abhängigkeit. Die Ausgestaltung des Biotech Act II wird zeigen, ob Europa bereit ist, Regulierung, Kapital und Marktmacht so einzusetzen, dass eigene Biomanufacturing-Kapazitäten entstehen. Zu kleine Schritte oder befürchtete Rückschritte wie beim IPCEI führen unweigerlich zu weiteren Standortnachteilen und dem Verlust technologischer Souveränität. Europa steht vor der Wahl: Gestalter oder Abhängiger der Biotech-Revolution sein. Deutschland steht in der Verantwortung, jetzt nicht auszuscheren.
Autor/Autorin

Dr Viola Bronsema
Dr. Viola Bronsema ist Geschäftsführerin des BIO Deutschland e.V.





