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US-Investitionskontrollen gegenüber China können die weltweite Biotech-Deal-Landschaft neu ordnen. Für europäische Unternehmen entsteht daraus eine reale, aber an Bedingungen geknüpfte Chance auf mehr Kapital, Partnerschaften und industrielle Wertschöpfung – wenn der EU Biotech Act I und die Hightech Agenda Deutschland richtig umgesetzt werden. Von Dr. Pablo Serrano
Der Biotech Investment National Security Act (BINSA) ist ein im Sommer 2026 in den US-Kongress eingebrachter Gesetzentwurf und damit noch kein geltendes Recht. Seine strategische Bedeutung reicht dennoch über das konkrete Gesetzgebungsverfahren hinaus: Er soll Biotechnologie ausdrücklich in die US-Regeln für das Screening von Auslandsinvestitionen einbeziehen. Damit würde der Transfer von Kapital, Technologien und Know-how in als kritisch eingestufte Staaten – im Zentrum steht China – stärker unter sicherheits- und industriepolitischen Vorbehalt gestellt.
Die Reichweite ist bewusst breit. Erfasst werden sollen pharmazeutische Produkte, biologische Arzneimittel, Wirkstoffforschungs- und Drug-Discovery-Plattformen, klinische Forschungs- und Entwicklungskapazitäten, die Herstellung von Biopharmazeutika sowie das damit verknüpfte geistige Eigentum und Prozesswissen. Im Fokus stehen nicht allein Direktinvestitionen: Auch Lizenzvereinbarungen, Beteiligungen, Joint Ventures, Technologieübertragungen und klinische Entwicklungskooperationen können bei China-Bezug zum Gegenstand einer strengeren Prüfung werden.
BINSA ist damit mehr als ein Instrument zur Begrenzung einzelner Transaktionen. Der Entwurf behandelt Biotechnologie als strategische Infrastruktur. Wer Plattformen, klinische Daten, Herstell-Know-how und GMP-Kapazitäten kontrolliert, verfügt über Fähigkeiten, die für Innovationsführerschaft, Resilienz und Versorgungssicherheit relevant sind. Gerade die ausdrückliche Nennung der Biopharmazeutika-Produktion verschiebt den Blick von Kosteneffizienz hin zu technologischer und geopolitischer Handlungsfähigkeit
Investitionschancen für Europa
Für Europa kann daraus eine neue Deal-Logik entstehen. Wenn US-Pharmaunternehmen und Investoren Lizenzierungen, Co-Development, Beteiligungen oder Produktionspartnerschaften in China mit höheren rechtlichen, politischen und Reputationsrisiken verbinden, steigt der Wert belastbarer Alternativen. Europäische Unternehmen können sich als Partner für Forschung, Entwicklung und Herstellung positionieren – vorausgesetzt, sie verbinden wissenschaftliche Qualität mit IP-Sicherheit, transparenter Eigentümerstruktur und skalierbarer Produktion. Die Folge wäre nicht zwingend eine Abkehr von China, wohl aber eine stärkere Diversifizierung globaler Innovationsnetzwerke. Eine Übersicht der Chancen (und Risiken) durch BINSA für den Biotech-Sektor sind in Tab. 1 zusammengestellt.
Der europäische Rahmen ist entscheidend
Ob sich diese Chance materialisiert, hängt wesentlich vom europäischen Rahmen ab. Der European Biotech Act I zielt darauf, die Innovationslücke in der Gesundheitsbiotechnologie zu schließen: durch ein stärker vernetztes Industrie-, Forschungs- und Produktionsökosystem, leichteren Finanzierungszugang, Daten- und KI-Nutzung sowie ein zukunftsfesteres regulatorisches Umfeld. Entwicklungszeiten, Genehmigungsunsicherheit und Skalierungsrisiken sollen sinken.
Im Zentrum steht die Übersetzung wissenschaftlicher Exzellenz in finanzierbare Unternehmen und industrielle Kapazität. Der geplante EU Health Biotechnology Investment Pilot soll öffentliche und private Mittel mobilisieren und Eigenkapital-, Garantie- und Venture-Debt-Instrumente mit den besonderen Risikoprofilen von Biotech-Unternehmen verbinden. Die Kommission beziffert die jährliche Investitionslücke des Sektors auf 40 Mrd. EUR.
Das adressiert den zentralen Engpass der Branche: Späte klinische Studien, CMC-Entwicklung, Validierung, GMP-Kapazitäten, Marktvorbereitung und Erstattungsstrategie binden erhebliche Mittel. Wenn der Biotech Act I diese Übergänge erleichtert, kann er Risiko-Rendite-Profile spürbar verbessern. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e. V. (BPI) hat am 2. Juni 2026 bei der EU-Kommission eine Stellungnahme zum Biotech Act I eingereicht. Darin begrüßt er das Ziel, die Markteinführung biotechnologischer Innovationen zu beschleunigen und Europas Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Später brachte der BPI seine Position auch gegenüber Mitgliedern des Europäischen Parlaments ein.
Besonders eng ist die Verbindung von BINSA und Biotech Act I beim Biomanufacturing. BINSA wertet Herstellungskapazitäten und Produktions-Know-how als strategisch relevante Technologien. Der europäische Rahmen setzt auf strategische Biotech-Projekte, Produktionskapazitäten, resilientere Wertschöpfungsketten, Biosimilars, Advanced Therapies sowie bessere Finanzierungsbedingungen für Scale-up und Produktion. Europa kann damit als offener, aber belastbarer Standort auftreten: nicht als abgeschotteter dritter Block, sondern als verlässlicher Raum für internationale Kooperationen unter klaren Regeln.
Die Hightech Agenda Deutschland als zusätzlicher Beschleuniger
Deutschland kann innerhalb dieses europäischen Angebots eine besondere Rolle übernehmen. Die Hightech Agenda Deutschland (HTA-D) priorisiert Biotechnologie neben künstlicher Intelligenz, Quantentechnologien, Mikroelektronik, Fusion sowie klimaneutraler Energie und Mobilität als eine von sechs Schlüsseltechnologien. Sie verbindet Forschung, Entwicklung, Verwertung und den Aufbau technologischer Kapazitäten mit Wettbewerbsfähigkeit, Wertschöpfung und Souveränität.
Für die Investitionspraxis ergibt sich daraus ein komplementäres Angebot: Die HTA-D soll Technologieentstehung, Transfer und Kapazitätsaufbau in Deutschland beschleunigen; der Biotech Act I adressiert Skalierung, Finanzierung, Daten und europäische Regulierung; BINSA verstärkt den Anreiz, alternative Partnerschaften und Lieferketten zu suchen. Zusammen kann dies ein günstigeres Umfeld für Plattformunternehmen, Ausgründungen, Mittelständler und Produktionsdienstleister schaffen.
Eine Übersicht der Hebel für Investoren durch Biotech Act I und HTA-D sind in Tab. 2 abgebildet.
Fazit
Die politische Priorisierung ersetzt jedoch keine belastbaren Geschäftsmodelle. Deutschland und Europa müssen schnellere Verfahren, Wachstumsfinanzierung, Fachkräfte, wettbewerbsfähige Infrastrukturkosten und verlässliche Marktbedingungen liefern. Andernfalls droht Europa, zwar Forschungs- und Transaktionsstandort zu sein, aber späte Finanzierung, IP-Kontrolle und globale Vermarktung weiterhin außerhalb Europas zu verlieren.
Für Investoren ist BINSA damit vor allem ein Katalysator. Attraktiv sind Unternehmen, die differenzierte Technologie, einen realistischen klinischen und regulatorischen Pfad, gesicherte Herstelloptionen und geopolitisch robuste Governance vorweisen. Die Gewinndisziplin lautet nicht „Europa statt China“, sondern „vertrauenswürdige Kapazität mit globaler Anschlussfähigkeit“. Gelingt es, diesen Anspruch mit Biotech Act I und HTA-D zu verbinden, kann die gegenwärtige geopolitische Neuordnung Europas Biotech-Sektor dauerhaft stärken
Autor/Autorin

Dr. Pablo Serrano
Dr. Pablo Serrano ist GeschäftsfeldleiterInnovation & Forschung / Biotechnologie im Bundesverband der PharmazeutischenIndustrie (BPI e.V.).





