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Die Kursentwicklung bei BioNTech und Qiagen hat maßgeblichen Einfluss auf den Gesamtwert der deutschen Biotechaktien. Dahinter wurden in diesem Jahr die Aktien einzelner Unternehmen durch kurstreibende Nachrichten bei klinischen Studien beflügelt. Weitere klinische Meilensteine stehen in den nächsten Quartalen an. Darüber hinaus bleiben Übernahmeofferten ein wichtiger kurstreibender Faktor. Von Stefan Riedel
Der im Mai 2022 aufgesetzte Biotech & Co. Basket der Plattform Life Sciences bildet aktuell die Kursentwicklung von 19 börsennotierten deutschen Biotechunternehmen und der Biotechfirma Marinomed aus Österreich ab, deren Aktie an deutschen Börsenplätzen gehandelt wird.
Die wichtigsten Zahlen, Trends und Kursentwicklungen des Biotech-Baskets im Berichtszeitraum 1. Januar bis 30. September 2026:
- Der Börsenwert aller gelisteten Unternehmen summierte sich zum 30. September auf 34,8 Mrd. EUR. Davon entfielen 62,4 % auf die seit Ende 2019 an der Nasdaq notierende BioNTech AG und 22,9 % auf das im DAX enthaltene Diagnostikunternehmen Qiagen.
- Die Marktkapitalisierung aller im Basket enthaltenen Unternehmen verringerte sich leicht um 1,8 %. Dieser Rückgang ist in erster Linie auf die Kursverluste bei Schwergewicht BioNTech und den Kurseinbruch von mehr als
40 % bei Evotec zurückzuführen. In der Summe schafften acht Unternehmen Kursgewinne, während bei zehn Basket-Mitgliedern der Börsenwert schrumpfte. - Der Biotech Basket schnitt im 2026 bis dato schlechter ab als der DAX, der um 2,9 % zulegte. Noch größer ist die Differenz zum Nasdaq Biotechnology Index, der im selben Zeitraum kräftige Zugewinne von 24,7 % verzeichnete.
- Die Aktie der an der Nasdaq gelisteten Atai Beckley Inc., einer der größten Gewinner im Berichtszeitraum, wurde durch die Übernahme des US-Pharmakonzerns Eli Lilly beflügelt, die im September abgeschlossen wurde.
- Vier Unternehmen (BioNTech, Qiagen, Atai Beckley Inc., Immatics) des Baskets kommen auf eine Marktkapitalisierung von mehr als einer Mrd. EUR. Sechs Unternehmen (Evotec, Formycon, Heidelberg Pharma, InflaRx, Immunic, Veraxa Biotech) erreichen mit einer Marktkapitalisierung zwischen 100 und 500 Mio. EUR die kritische Größe für Spezialistenfonds.
- Dem 2024er Börsenneuling Pentixapharm Holding gelang es im September 2026, über eine Kapitalerhöhung
20,4 Mio. EUR einzuwerben. Die Market Cap zum 30.9. betrug dann immerhin 66,2 Mio. EUR.
Generell betrachtet ist die Performance des Biotech Baskets mit dem Nasdaq Biotechnology Index nur schwer vergleichbar. Der maßgebliche Index der Biotechbranche setzt sich aus bis zu 250 Titeln zusammen. Die drei am höchsten kapitalisierten Firmen sind dabei im oberen einstelligen Prozentbereich gewichtet. Dementsprechend werden Aufschwung- und Abschwungphasen des Index von allgemeinen Entwicklungen der Biotechbranche getragen. Im Biotech Basket steuern die zwei Schwergewichte weitgehend die Gesamtperformance.
Dementsprechend stark beeinflussten Kursschwankungen der BioNTech-Aktie die bisherige Wertentwicklung des Biotech Baskets im Börsenjahr 2026. Das an den Finanzmärkten dominierende Thema bei BioNTech sind die Auswirkungen auf das operative Geschäft durch das im März verkündete Ausscheiden der Firmengründer Ugur Sahin und Özlem Türeci zum Jahresende 2026. Die beiden langjährigen Vorstände gründen ein neues Forschungsunternehmen für mRNA-basierte Medikamente mit dem Namen Arife. Für negative Schlagzeilen sorgen zum einen die noch nicht geklärten rechtlichen Fragen zu Patenten und der Übernahme von Mitarbeitern. Zum anderen hat BioNTech mit den Auswirkungen des Wandels vom Impfstoffhersteller zum Entwickler von Krebs- und Immuntherapien zu kämpfen. Mangels Auslastung und wegen fehlender Kaufinteressenten sollen die drei deutschen Produktionsstandorte in Tübingen, Marburg und Idar-Oberstein zwischen Ende 2027 und Ende 2028 schließen. Betroffen sind rund 1.800 Beschäftigte.
Weitgehend in den Hintergrund getreten sind demgegenüber die Entwicklungen in der klinischen Pipeline von BioNTech. Das Unternehmen hat mehr als 25 Studien in den klinischen Phasen 2 und 3 am Laufen. Größter Hoffnungsträger ist der Wirkstoff Pumitamig, der zur Behandlung von Lungen- und Brustkrebs entwickelt wird. Die Forschungs- und Entwicklungskosten für 2026 beziffert BioNTech auf 2,0 bis
2,3 Mrd. EUR. Die zugleich einbrechende Nachfrage nach dem Covid-19-Impfstoff sorgte dafür, dass sich der Konzernverlust im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahr von 802,4 Mio. EUR auf 1,35 Mrd. EUR deutlich erhöhte. Die Kursgewinne vom August, die durch positive klinische Daten des Wettbewerbers Moderna bei einem Krebsimpfstoff ausgelöst wurden, erwiesen sich bis heute als Strohfeuer.
Übernahmen rücken deutsche Biotechs ins Visier von Big Pharma
Die Aktie des zweiten Schwergewichts Qiagen hat nach den kräftigen Kursverlusten bis Mai inzwischen weitgehend Boden gutgemacht. Während das operative Geschäft stagniert, haben wiederholt Übernahmespekulationen den Aktienkurs kurzfristig beflügelt. Die an der Nasdaq gelistete atai Beckley Inc. wurde dagegen im September vom US-Pharmakonzern Eli Lilly für 3,8 Mrd. USD übernommen. Rund 2,8 Mrd. USD in Barmitteln entfallen auf die Übernahme der ausstehenden Aktien. Dazu kommen weitere Zahlungen von mehr als einer Mrd. USD, die an Meilensteine geknüpft sind, für die von atai Beckley entwickelte Arznei BPL-003 zur Behandlung von therapieresistenten Depressionen. Damit stärkt Eli Lilly seine Pipeline im Bereich der Nervenerkrankungen.
atai Beckley entwickelt Therapien gegen psychische Erkrankungen, unter anderem auf Basis von Psychedelika.
BPL-003, der am weitesten fortgeschrittene Produktkandidat in der klinischen Pipeline, ist eine solche psychodelische Substanz. Die Substanz wird als Nasenspray verabreicht und startet gerade die klinische Phase 3. Die für eine Zulassung relevanten Studienergebnisse werden Anfang 2029 erwartet. Branchenexperten taxieren die jährlichen Spitzenumsätze im Erfolgsfall auf ein bis zwei Mrd. USD. Die FDA hat BPL-003 die Breakthrough Therapy Designation erteilt, die die Entwicklung von Medikamenten regulatorisch beschleunigt.
Dass innovative deutsche Biotechs auf dem Radar von Big Pharma sind, untermauert auch die im April angekündigte und im Mai abgeschlossene Übernahme der auf Krebstherapien spezialisierten privaten Biotechfirma Tubulis durch Gilead Sciences für bis zu 5 Mrd. USD. Viel Pech hatte die Veraxa Biotech Holding AG, Schweizer Gesellschaft mit Ursprüngen in Heidelberg, bei der Fusion mit dem US-SPAC Voyager Acquisition Corp.; die Redemption-Quote der SPAC-Aktionäre lag bei fast 100 %, die Veraxa-Aktie wird aktuell nur noch mit weniger als einem Zehntel des Einbringungswerts gehandelt. Die weiterhin niedrige Bewertung der meisten europäischen Biotechs, insbesondere im Small und Mid Cap Segment, wird auch in den nächsten Quartalen neue Übernahmeofferten begünstigen.
Zwischen Rückzug und klinischen Meilensteinen
Dagegen haben sich mit Mainz Biomed, bioXXmed und Marinomed Biotech drei Unternehmen aus dem Basket verabschiedet. Die aus dem Molekulardiagnostikspezialisten Mainz Biomed hervorgegangene Quantum Cyber N.N. spielt keine Rolle mehr, weil sie in den Geschäftsfeldern Cybersicherheit und Quantencomputing tätig ist. bioXXmed beabsichtigt zum 31. Oktober das Delisting im Frankfurter Freiverkehr und für Marinomed
gab die mit der Sanierung beauftragte Insolvenzverwaltung am 24. September die Schließung des Unternehmens und den Verkauf der verbliebenen Vermögenswerte bekannt.
Demgegenüber stehen Immunic und Immatics bei ihrer klinischen Pipeline vor wichtigen Entwicklungsetappen. Immunic wird im Schlussquartal 2026 die zulassungsrelevanten klinischen Daten für sein Medikament Vidofludimus Calcium als Behandlung von fortschreitender MS veröffentlichen. Im Erfolgsfall will das Unternehmen Mitte 2027 den Zulassungsantrag in den USA einreichen. Ebenfalls im nächsten Jahr will Immatics den Zulassungsantrag einreichen, wenn die klinischen Phase 3-Daten für Anzu-Cel (IMA203) in der Behandlung von Patienten mit fortgeschrittenem schwarzem Hautkrebs, bei denen mindestens eine Immuntherapie mit Checkpoint-Inhibitoren nicht mehr anschlägt, positiv ausfallen.
Fazit
Die Kursentwicklung des Biotech-Baskets in diesem Jahr reflektiert weitgehend die Entwicklung der beiden Schwergewichte. Ungeachtet dessen zeigen die kräftigen Kursgewinne bei einzelnen Unternehmen, dass die Investoren Fortschritte in der klinischen Pipeline honorieren. Übernahmeofferten wie zuletzt bei atai Beckley Inc. und Tubulis wiederum untermauern, dass deutsche Biotechfirmen mit innovativen Therapieansätzen auf dem Radar der großen Pharma- und Biotechunternehmen sind. Zugleich bleiben die USA mit ihrem Universum an branchenkundigen Investoren die erste Wahl für Börsengänge.
Autor/Autorin

Stefan Riedel
Stefan Riedel ist in den internationalen Finanzmärkten unterwegs. Seit 20 Jahren schreibt der passionierte Börsianer für die Plattformen und Publikationen von GoingPublic Media, unter anderem GoingPublic und die Plattform Life Sciences.






