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Wissenschaftliche Exzellenz ist die Voraussetzung, aber sie allein reicht nicht. Wer Innovation zu Patientinnen und Patienten bringen will, muss Risiken eingehen, Menschen gewinnen, Kapital einwerben und im richtigen Moment Entscheidungen treffen. Die Finalisten des Strüngmann Award 2026 zeigen, wie unterschiedlich Unternehmerpersönlichkeit in den Life Sciences aussehen kann. Von Urs Moesenfechtel
Eine gute Idee macht noch keinen Unternehmer. Für Dr. Thomas Strüngmann beginnt Unternehmertum dort, wo zur Idee weitere Fähigkeiten hinzukommen: „Entscheidend sind Urteilsvermögen, Risikobereitschaft, Ausdauer und die Fähigkeit, die richtigen Menschen, Kapital und Expertise hinter einer Vision zu versammeln.“
Was abstrakt wie ein Anforderungsprofil klingt, bekommt bei den drei Finalisten des Strüngmann Award 2026 sehr unterschiedliche Konturen: Stefano Portolano, M.D., CEO und Executive Board Member von Azafaros B.V., treibt die Dringlichkeit an, schwer erkrankten Menschen mit seltenen Erkrankungen möglichst schnell neue Therapieoptionen zu eröffnen. Prof. Dr. med. Wieland Sommer, MPH, Gründer und Chief Strategy Officer von Jacobian (Smart Reporting GmbH), will mittels Digitalisierung Probleme lösen, die er selbst aus dem Alltag als Radiologe kennt. Und Dr. Jonathan Talbot, Mitgründer von Mosanna Therapeutics AG, sucht nach Projekten mit ungenutztem wissenschaftlichen Potenzial, aus denen sich mit den richtigen Menschen Unternehmen bauen lassen.



Der mit 100.000 Euro dotierte Strüngmann Award wurde 2024 erstmals vergeben. Er richtet sich an Life-Science-Unternehmer und bewertet neben Innovationskraft auch die erfolgreiche Überführung von Forschung in Richtung marktfähige Produkte, bisherige unternehmerische Erfolge und die Persönlichkeit hinter einem Unternehmen.
Für Jurymitglied Dr. Susanne Schaffert, Multi-Aufsichtsrätin in der Healthcare-Branche, zeigt sich das Potenzial für Patientennutzen dort, wo wissenschaftliche Innovation konkrete Herausforderungen in der Versorgung adressiert. „Genau dieser translationale Gedanke prägt erfolgreiches Unternehmertum und wird von den diesjährigen Finalisten verkörpert.“

Die Dringlichkeit beherrschen
Für Dr. Stefano Portolano, hat Zeit eine besondere Bedeutung. Er beschreibt sich als „very driven“ und spricht von einem ausgeprägten „sense of urgency“. Sechs Monate, sagt er, seien für die meisten Menschen einfach sechs Monate. Für ein Kind mit einer der seltenen Erkrankungen, für die Azafaros neue Therapien entwickelt, könnten sie bedeuten, die Fähigkeit zu laufen zu verlieren. Diese Dringlichkeit spürt Dr. Portolano in seiner Arbeit. Aus großen Unternehmen kannte er Entscheidungsprozesse, die sich über Gremien und Monate hinzogen. Bei Azafaros mit seinen rund 35 Beschäftigten kann dagegen eine 45-minütige Besprechung reichen, um anschließend die Strategie zu verändern. Dr. Portolanos Reaktion darauf klingt zunächst paradox: „Let’s slow down.“ Die Dringlichkeit bleibe, aber sie dürfe nicht dazu führen, vorschnell die falsche Entscheidung zu treffen.
Seine besondere Aufmerksamkeit für Menschen führt Dr. Portolano auf seine Jugend in Neapel zurück. Damals, als die Stadt nach seiner Erinnerung deutlich unsicherer war als heute, lernte er, seine Umgebung genau wahrzunehmen. Dieses Bewusstsein für sein Umfeld übertrug er später auch sein Berufsleben. Wenn jemand in einem Meeting eine bestimmte Strategie vorschlägt, betrachtet er auch die Gesamtdynamik im Raum und versucht zu verstehen, aus welcher Perspektive die Beteiligten argumentieren. Dabei stellt er sich die Fragen: „Why are they saying that? Why are they convinced this is the right thing to do?“
Warum Dr. Portolano die Jury überzeugte und es damit unter die drei Finalisten schaffte, erklärt Dr. Matthias Kromayer, Managing Partner der MIG Capital AG und Mitglied der Jury, so: „Entscheidend waren für uns die außergewöhnliche wissenschaftliche Tiefe im Bereich seltener und extrem seltener Erkrankungen, die konsequente Weiterentwicklung des Programms bis in die Phase III und die Fähigkeit, auch unter erheblichen wissenschaftlichen, klinischen und finanziellen Risiken unternehmerisch die richtigen Entscheidungen zu treffen.“
| Dr. Stefano Portolano Unternehmen: Azafaros B.V. Position: CEO Kurzprofil: Azafaros entwickelt neuartige Therapien für seltene genetische Stoffwechselerkrankungen, insbesondere lysosomale Speicherkrankheiten. Gegründet: 2018 Mitarbeiter: ca. 30–35 Money raised to date: ca. 200 Mio. EUR —- |
| Prof. Dr. med. Wieland Sommer Unternehmen: Jacobian (Smart Reporting GmbH) Position: Gründer & CSO (Chief Strategy Officer) Kurzprofil: Jacobian entwickelt eine KI-gestützte Plattform für die Radiologie, die medizinische Befundung und klinische Entscheidungsprozesse durch intelligente Softwarelösungen unterstützt. Gegründet: 2014 (als Smart Reporting) Mitarbeiter: >100 Money raised to date: ca. 60 Mio. USD —- |
| Dr. Jonathan Talbot Position: Mitgründer & CEO (bis 2025) Unternehmen: Mosanna Therapeutics AG Kurzprofil: Mosanna Therapeutics entwickelt neuartige medikamentöse Therapien gegen obstruktive Schlafapnoe. Gegründet: 2022 Mitarbeiter: >10 Money raised to date: >85 Mio. USD —- |
Die letzten drei Prozent
Prof. Dr. med. Wieland Sommer, kommt aus einer anderen Richtung zum Unternehmertum. Der Radiologe hatte zunächst eine klassische akademische Karriere eingeschlagen, publiziert und eine Professur übernommen. Mitte 30 stellte er sich dennoch die Frage: „Was kommt jetzt eigentlich?“ Sein Vater war Radiologe, er selbst wurde ebenfalls Radiologe. Trotz aller technologischen Fortschritte stellte Sommer fest, dass viele Probleme, „die einen im Alltag stören“, über Jahrzehnte kaum verschwunden waren. Er fragte sich deshalb: „Wo habe ich den größeren Impact?“ Mit Jacobian suchte er die Antwort in der Verbindung von Medizin und Software. Dabei misst Sommer der Technologie selbst erstaunlich wenig Exklusivität bei. Software könne nachprogrammiert werden. Schwieriger sei es, ein Produkt zu entwickeln, das den Bedarf der Ärzte wirklich trifft. „Wenn man zum Beispiel keine ärztliche Expertise in einem Gründerteam hat, dann löst man meistens nicht das Problem“, sagt Sommer. Beim Product-Market-Fit gehe es am Ende um „die letzten drei Prozent“.
Und selbst ein gutes Produkt reicht nicht. Software in Krankenhäusern einzuführen, bedeutet für Sommer Change Management: Ärzte schulen, interne Fürsprecher finden, Abläufe verändern. „Das eine ist, ein Produkt zu haben, das zweite ist, es erfolgreich auszurollen“, sagt er. „Dieses zweite ist tatsächlich fast das kompliziertere.“
Diese Nähe zum Markt verbindet Sommer mit der Bereitschaft, unternehmerisch ins Risiko zu gehen. Jacobian übernahm einen Wettbewerber in den USA, um dort seine Präsenz auszubauen. Prof. Dr. Sommer bezeichnet die Entscheidung selbst als „unternehmerisch gewagt“. Sie habe sich jedoch „sehr ausgezahlt“.
Dr. Kromayer sieht darin eine charakteristische Stärke Sommers: „Bei Wieland Sommer haben uns vor allem die klare Marktorientierung, die Skalierbarkeit des Geschäftsmodells und der Schritt in die internationale Expansion mit dem Aufbau einer starken US-Präsenz überzeugt. Durch unternehmerischen Mut, fokussierte Entscheidungen und persönliche Kundennähe hat er die Grundlage für nachhaltiges Unternehmenswachstum geschaffen.“

Aus ungenutztem wissenschaftlichen Potenzial ein Unternehmen machen
Dr. Jonathan Talbot, beschäftigt wiederum die Frage, wie sich wissenschaftliches Potenzial erkennen und in ein Unternehmen übersetzen lässt. Der promovierte Pharmakologe, dessen wissenschaftlicher Schwerpunkt auf Drug-Delivery lag, studierte zusätzlich Finance und dachte zunächst über eine Karriere im Investmentbanking nach. Dann kam er mit Venture Capital und einem Startup in Berührung und erlebte erstmals, wie ein Biotech-Unternehmen entsteht. „That stuck with me quite a lot“, sagt er. Die Ambition, selbst etwas aufzubauen, blieb.
Mit Mosanna Therapeutics bekam sie Jahre später eine konkrete Form. Ausgangspunkt war ein ursprünglich von Sanofi entwickelter Wirkstoff gegen Schlafapnoe, den der Pharmakonzern selbst nicht weiterentwickelte. Dr. Talbot widerspricht dabei der einfachen Gründererzählung, er habe etwas erkannt, das Sanofi übersehen habe: „It’s not a case of me knowing something that Sanofi doesn’t.“ In einem großen Pharmakonzern werde ein Wirkstoff immer auch im Kontext des gesamten Portfolios bewertet. Strategische Entscheidungen können deshalb gegen ein Asset fallen, obwohl dessen wissenschaftlicher Ansatz weiterhin vielversprechend ist.
Talbot sah in den vorhandenen Daten genügend Hinweise, um dem Wirkstoff eine neue Chance zu geben. Doch Company Building besteht für ihn nicht nur darin, eine solche Gelegenheit zu erkennen. Auf die Frage nach seinen persönlichen Voraussetzungen nennt er „dedication“, „drive“ und „pure scientific curiosity“. Mindestens ebenso wichtig ist für ihn die Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen. Gerade bei Mosanna war das entscheidend. Ein junges Biotech-Unternehmen muss wissenschaftliche, klinische und CMC-Expertise gewinnen, bevor es über die finanziellen Möglichkeiten eines großen Pharmakonzerns verfügt. Gleichzeitig wollen Investoren ein starkes Team sehen, bevor sie Kapital bereitstellen. Talbot nennt das ein „chicken and egg thing“. Seine eigene Rolle sieht er darin, diesen Widerspruch aufzulösen: die richtigen Menschen zusammenzubringen, ein Umfeld für Zusammenarbeit zu schaffen und ihnen eine gemeinsame Vorstellung vom Ziel zu vermitteln – „Giving them a shared vision“.
Darin erkannte die Jury eine besondere unternehmerische Qualität. Dr. Kromayer sagt: „Jonathan Talbot hat uns beeindruckt, weil er gezeigt hat, dass er das Potenzial überzeugender Wissenschaft auch nach einem deutlichen Rückschlag erkennt. Er hinterfragt bestehende Annahmen und ist bereit neue Wege einzuschlagen. Diese Risikobereitschaft verbindet er gleichzeitig mit strategischer Klarheit, Umsetzungsstärke und der Fähigkeit Kapital für seine Vision einzusammeln.“

Mosanna-Mitgründer Dr. Jonathan Talbot gewinnt den Strüngmann Award 2026
Am Abend des 15. September fiel nun in München die Entscheidung: Dr. Jonathan Talbot gewann den Strüngmann Award 2026. Zwar hatten alle drei Finalisten auf unterschiedliche Weise gezeigt, wofür der Award steht: wissenschaftliche oder technologische Innovation in konkreten Nutzen zu übersetzen – und dafür Entscheidungen zu treffen, Risiken einzugehen und Menschen hinter einer gemeinsamen Idee zu versammeln. Am Ende konnte dennoch nur einer den Preis erhalten. Dr. Thomas Strüngmann bringt die Gemeinsamkeit der Finalisten auf einen zentralen Punkt: „Unternehmen entstehen nicht durch Visionen allein, sondern durch Menschen, die andere dafür begeistern und sie konsequent Realität werden lassen.“ Portolano, Sommer und Talbot haben dafür unterschiedliche Wege gefunden. Die Entscheidung der Jury fiel aber schließlich auf Dr. Talbot – und damit auf einen Unternehmer, der wissenschaftliches Potenzial erkennt, bestehende Annahmen hinterfragt und Menschen und Kapital zusammenbringt, um daraus ein Unternehmen zu bauen.
2027: Fokus auf Europa
Mit dem kommenden Jahr wird der Strüngmann Award auf Europa ausgeweitet. Damit sollen künftig herausragende wissenschaftliche und unternehmerische Leistungen über die DACH-Region hinaus gewürdigt werden. „Der Strüngmann Award hat sich in den vergangenen drei Jahren in der DACH-Life-Sciences-Community etabliert,“ sagte Wolfgang Essler, Geschäftsführer der ATHOS KG. „Aber wissenschaftliche Innovation und Gründertum enden schließlich nicht an nationalen Grenzen, sondern leben vom internationalen Austausch.“ Die Ausweitung auf Europa sei daher der konsequente nächste Schritt.
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.






