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Das Wiener Biotechnologieunternehmen Proxygen hat sich mit Plattformansätzen zum gezielten Proteinabbau einen Namen gemacht und erweitert nun seinen strategischen Fokus. Aufbauend auf bisherigen Arbeiten adressiert das Unternehmen künftig ein breiteres Spektrum proximitätsbasierter Wirkmechanismen, die über den reinen Abbau von Proteinen hinausgehen. Parallel dazu werden erste Programme in Richtung klinischer Prüfung vorangetrieben. Welche wissenschaftliche Logik hinter diesem Ansatz steht und wie Proxygen seine Plattform weiterentwickelt, erläutert CSO Dr. Chiara Conti im Interview. Von Urs Moesenfechtel
Plattform Life Sciences: Frau Dr. Conti: Für Leserinnen und Leser, die Proxygen noch nicht näher kennen: Wie würden Sie das Prinzip der induzierten Proximität erklären – und warum sehen Sie darin eine besonders vielversprechende therapeutische Modalität?

Dr. Chiara Conti: Induced Proximity basiert auf einer überraschend einfachen Idee: Ein Wirkstoffmolekül bringt zwei Eiweiße, oder Proteine, in der Zelle gezielt zusammen. Wenn diese Eiweiße plötzlich miteinander interagieren, kann das ganz neue biologische Effekte auslösen. Das bekannteste Beispiel dafür ist der gezielte Proteinabbau. Dabei verbindet ein Wirkstoff ein krankheitsauslösendes Protein mit dem zelleigenen „Recycling-System“. Das schädliche Protein wird daraufhin markiert und von der Zelle abgebaut. Dieser Ansatz hat in den letzten Jahren erstmals gezeigt, dass man auch solche Proteine therapeutisch erreichen kann, die mit klassischen Wirkstoffen kaum zugänglich waren. Gleichzeitig ist der Proteinabbau nur der erste Schritt. Wenn man Proteine gezielt zusammenbringt, kann man potenziell viele verschiedene biologische Prozesse beeinflussen – etwa Gene an- oder abschalten oder Signalwege neu steuern. Genau deshalb sehen viele Forschende Induced Proximity heute als eine der spannendsten neuen Modalitäten der Wirkstoffentwicklung: Statt Proteine nur zu blockieren, eröffnet sie die Möglichkeit, ihre Funktionen gezielt neu zu orchestrieren.
Welche Herausforderungen bringt dieser Ansatz mit sich, und gibt es derzeit noch Einschränkungen, die Sie in Zukunft überwinden möchten?
Die größte Herausforderung besteht darin, die richtigen Proteinpaare zu finden. Man muss verstehen, welche Proteine zusammengebracht werden müssen, damit in der Zelle genau der gewünschte Effekt entsteht. Das erfordert ein sehr tiefes Verständnis der zugrunde liegenden biologischen Mechanismen. Erst wenn man diese Zusammenhänge kennt, lassen sich Wirkstoffmoleküle gezielt entwickeln und optimieren. Bei Proxygen haben wir in den letzten Jahren genau in diesem Bereich viel Erfahrung aufgebaut – zunächst im Kontext des gezielten Proteinabbaus. Dieses Wissen hilft uns heute, Induced Proximity auf weitere biologische Mechanismen auszuweiten.
Proxygen positioniert Induced Proximity als design-getriebene Modalität. Können Sie näher erläutern, wie dieser Ansatz konkret auf Ihrer Plattform umgesetzt wird?
Viele Ansätze im Bereich des gezielten Proteinabbaus greifen auf eine Handvoll bereits bekannter Bindungspartner oder „Effektoren“ zurück. Proxygen verfolgt hier einen anderen Weg. Statt von einem vorgegebenen Partner auszugehen, suchen wir zunächst nach Wirkstoffmolekülen, die einen gewünschten biologischen Effekt auslösen. Anschließend analysieren wir, welche zellulären Partner diese Wirkung vermitteln. Dieser Ansatz hat uns ermöglicht, bisher wenig erforschte biologische Mechanismen zu erschließen und ein tiefes Verständnis dafür zu entwickeln, wie produktive Proteininteraktionen entstehen. Dieses Wissen bildet heute die Grundlage für unsere Plattform. Wir beginnen immer mit der Frage: Welcher biologische Effekt könnte eine Krankheit beeinflussen? Erst danach entwickeln wir Wirkstoffmoleküle, die genau diesen Effekt in der Zelle auslösen.
Welche Entscheidungskriterien aus Ihrer Zeit bei Blueprint wenden Sie heute konsequent an, wenn es darum geht, ein Programm in Richtung IND voranzubringen – und woran erkennen Sie konkret, dass ein Programm dafür bereit ist?
Ein wichtiger Grundsatz ist, dass ein Forschungsprogramm immer mit einer klaren medizinischen Fragestellung beginnen muss. Wir fragen uns sehr früh: Gibt es einen echten ungedeckten medizinischen Bedarf – und gibt es einen plausiblen Weg, diesen therapeutisch zu adressieren? Gleichzeitig ist es entscheidend, Risiken möglichst früh zu erkennen. Wirkstoffentwicklung ist immer mit Unsicherheit verbunden, aber wenn Risiken früh sichtbar werden, können Teams gezielt daran arbeiten, sie zu lösen. Ich glaube stark an eine datengetriebene Kultur. Entscheidungen sollten von Experimenten und belastbaren Daten getragen werden. Dazu gehört auch die Bereitschaft, Forschungsprogramme zu stoppen, wenn sich zeigt, dass ihre Erfolgsaussichten begrenzt sind. Ressourcen müssen konsequent auf die vielversprechendsten Projekte konzentriert werden.
Welche strukturellen Unterschiede sehen Sie zwischen den europäischen und US-amerikanischen Biotech-Ökosystemen – und wo muss sich ein Unternehmen wie Proxygen anpassen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben?
Die USA profitieren von einer sehr hohen Konzentration an Biotech-Unternehmen, großen Pharmafirmen und erfahrenen Führungskräften. Dadurch entstehen Ökosysteme, in denen neue Ideen sehr schnell von der wissenschaftlichen Entdeckung in die klinische Entwicklung gelangen können. Auch der Zugang zu Kapital ist häufig einfacher. Europa hat dagegen eine enorme wissenschaftliche Stärke – insbesondere in Bereichen wie chemischer Biologie und molekularer Medizin. Proxygen ist ein gutes Beispiel dafür: Das Unternehmen entstand aus akademischer Forschung im Bereich Induced Proximity und hat ein Team aufgebaut, das die biologischen und chemischen Grundlagen dieser Modalität sehr tief versteht. Um international erfolgreich zu sein, muss man diese wissenschaftliche Tiefe mit Geschwindigkeit und klarer strategischer Fokussierung verbinden.
Welche konkreten Meilensteine sollten Investoren in den nächsten 12 bis 18 Monaten erwarten, an denen sich der Fortschritt und Wert Ihrer Pipeline messen lassen?
In den kommenden 12 bis 18 Monaten liegt unser Fokus darauf, unsere am weitesten fortgeschrittenen Forschungsprogramme bis zur Nominierung von Entwicklungskandidaten und zur Vorbereitung erster klinischer Studien voranzubringen. Besonders im Fokus stehen dabei zwei neuartige Wirkstoffe: einem Ansatz, der gegen den epigenetischen Regulator p300 abzielt, und einem CDK12-Programm, die beide aktuell in Richtung klinischer Prüfung vorangetrieben werden. Unser p300-Programm adressiert einen zentralen Transkriptions-Koaktivator, der bei verschiedenen Krebsarten eine wichtige Rolle spielt. Parallel dazu entwickelt unser CDK12-Programm einen neuen Ansatz zur Behandlung bestimmter HER2-positiver Tumoren wie Magentumore oder einige Arten von Brustkrebs inklusive ihrer Hirnmetastasen. Darüber hinaus erweitern wir Induced Proximity über den gezielten Proteinabbau hinaus auf weitere biologische Mechanismen. Wir erwarten in diesem Zeitraum mehrere wichtige wissenschaftliche Proof-of-Concept-Ergebnisse sowie Fortschritte in der Weiterentwicklung unserer Pipeline. Zentral wird hierbei der positive Abschluss unserer aktuellen Finanzierungsrunde.
Frau Dr. Conti, herzlichen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Urs Moesenfechtel.
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.






