Das 6. Netzwerktreffen der Plattform Life Sciences brachte Vertreterinnen und Vertreter aus Biotech, Pharma, Finanzierung, Recht, Innovationsförderung und Kapitalmarkt in Martinsried zusammen. Im Mittelpunkt der Diskussionen standen die Herausforderungen klinischer Entwicklung, die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Biotech-Unternehmen sowie die Frage, wie wissenschaftliche Innovation erfolgreich in nachhaltige Wertschöpfung übersetzt werden kann. Von Urs Moesenfechtel
Life Sciences zwischen Innovationsdruck und Aufbruchsstimmung
In der Skylounge des Faculty Club G2B am IZB in Martinsried fand Anfang Mai das 6. Netzwerktreffen der Plattform Life Sciences statt. Bei frühsommerlichem Wetter und mit Blick bis zu den Alpen diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aktuelle Entwicklungen entlang der gesamten Life-Sciences-Wertschöpfungskette – von translationaler Forschung und klinischer Entwicklung über Investability und Kapitalzugang bis hin zu Skalierung und Kapitalmarktstrategien. Die Atmosphäre des Abends war dabei von einem bemerkenswerten Spannungsverhältnis geprägt: Einerseits stehen europäische Biotech-Unternehmen weiterhin unter erheblichem Finanzierungsdruck. Andererseits wurde in nahezu allen Beiträgen deutlich, dass sich die Branche strategisch weiterentwickelt hat – fokussierter, resilienter, international anschlussfähiger. Gerade vor diesem Hintergrund gewann der Begriff „Summit of the Brave“ besondere Aufmerksamkeit.
Vom „Valley of Death“ zum „Summit of the Brave“
Den gedanklichen Rahmen des Abends setzte Dr. Rüdiger Jankowsky, CEO und Co-Founder von AATec Medical. In seinem Vortrag griff er das in der Biotech-Branche häufig verwendete Bild des „Valley of Death“ auf. Jankowsky plädierte dafür, diese Phase neu zu denken: nicht primär als Tal des Scheiterns, sondern als „Summit of the Brave“ – als anspruchsvollen Aufstieg, der wissenschaftliche Exzellenz, belastbare Partnerschaften, Kapital und unternehmerische Resilienz gleichermaßen erfordert. Die Metapher traf einen Nerv. Denn viele Diskussionen des Abends kreisten letztlich um genau diese Frage: Wie gelingt es europäischen Biotech-Unternehmen, den Übergang von Forschung zu klinischer Entwicklung und später zu nachhaltiger Wertschöpfung erfolgreich zu meistern? AATec Medical selbst steht exemplarisch für diese Herausforderung. Das Unternehmen entwickelt inhalierbare Proteintherapeutika zur Behandlung schwerer entzündlicher Lungenerkrankungen und arbeitet derzeit an der klinischen Entwicklung seines Leitkandidaten ATL-105.
Klinische Entwicklung als strategische Herausforderung
Dr. Peter Ruile von 4TEEN4 Pharmaceuticals stellte neue Therapieansätze bei cardiogenic shock vor – einem der kritischsten Notfallbilder der Intensivmedizin mit weiterhin hoher Mortalität. Das Unternehmen entwickelt mit Procizumab einen Antikörper zur Neutralisierung von zirkulierendem DPP3 (cDPP3), einem zentralen pathophysiologischen Treiber des kardiogenen Schocks. Damit verfolgt 4TEEN4 einen biomarkerbasierten Ansatz in einem Feld mit hohem medizinischem Bedarf. Gerade die Entwicklung solcher innovativen Therapieansätze verdeutlicht, wie stark klinische Entwicklung heute von präziser Patientenselektion, translationalen Daten und regulatorischer Strategie geprägt ist. Gleichzeitig steigt damit auch der Kapitalbedarf in frühen Entwicklungsphasen erheblich. Dr. Hella Kohlhof von Immunic Therapeutics beleuchtete die Entwicklung neuroinflammatorischer Therapien bis in die Phase 3 der klinischen Entwicklung. Im Mittelpunkt stand dabei Vidofludimus calcium (IMU-838), ein oral verfügbarer DHODH-Inhibitor mit zusätzlicher neuroprotektiver Aktivität, der derzeit in den globalen Phase-3-Studien ENSURE bei schubförmiger Multipler Sklerose untersucht wird. Der Vortrag zeigte eindrucksvoll, wie sich moderne MS-Therapien zunehmend nicht nur über anti-inflammatorische Wirksamkeit, sondern auch über Neuroprotektion, Langzeitverträglichkeit und differenzierte klinische Profile positionieren müssen.
Enabling Innovation: Neue Rollen im Biotech-Ökosystem
Neben klassischen Entwicklungsfragen rückte auch die Infrastruktur moderner Innovation in den Fokus. Dr. Thomas Meins von CRELUX, a WuXi AppTec Company, sprach über „Enabling Innovation“ und damit über die wachsende Bedeutung spezialisierter Forschungs- und Entwicklungsdienstleister innerhalb globaler Innovationsökosysteme. Biotech entsteht heute zunehmend arbeitsteilig: Plattformtechnologien, flexible F&E-Strukturen und externe Entwicklungsressourcen gewinnen gerade in frühen Phasen erheblich an Bedeutung. Für viele Startups sind strategische Partnerschaften mit spezialisierten Dienstleistern inzwischen nicht mehr nur Ergänzung, sondern Voraussetzung, um Projekte effizient in Richtung Klinik entwickeln zu können.
Per Videoimpuls gab Lara Formichella zudem Einblicke in die kommende bio:cap 2026 in Berlin. Die Veranstaltung will internationale Akteure aus Biotech, Finanzierung und Industrie zusammenbringen und die Diskussion über europäische Innovations- und Skalierungsstrategien weiter vorantreiben.
Investability wird zur Schlüsselfrage
Eines der dominierenden Themen des Abends war die Frage nach der Investability europäischer Biotech-Unternehmen. Denn trotz hoher wissenschaftlicher Qualität bleibt der Zugang zu langfristigem Wachstumskapital in Europa weiterhin deutlich schwieriger als in den USA. Viele Unternehmen erreichen zwar starke präklinische oder frühe klinische Daten, stoßen beim Übergang in größere Entwicklungsphasen jedoch auf strukturelle Finanzierungsprobleme. Roman Ettl-Steger, LL.M. von LifeSciences@HEUKING diskutierte alternative Gesellschaftsstrukturen für wachstumsorientierte Life-Sciences-Unternehmen und ging dabei auf die Anforderungen internationaler Investoren sowie die strukturellen Voraussetzungen späterer Finanzierungsrunden ein. Ellen Goel von Life Science Factory zeigte auf, wie Inkubatoren und Startup-Plattformen junge Unternehmen frühzeitig „capital-ready“ machen können. Managementqualität, Governance-Strukturen und strategische Positionierung sind dabei ebenso wichtig wie die wissenschaftliche Idee selbst. Benedikt Mahr, LL.M. tax von WIPIT sprach über europäische Initiativen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit von Biotech-Startups. Gerade im Vergleich zu den USA verfüge Europa zwar über exzellente Forschung, habe jedoch weiterhin Schwierigkeiten, daraus langfristig unabhängige Biotech-Champions aufzubauen. Joachim Greuel von BSM Biotech Holding GmbH beleuchtete in diesem Zusammenhang die Frage, wie globale Innovation in industrielle Wertschöpfung übersetzt werden kann – und wie Europa verhindern kann, dass vielversprechende Technologien frühzeitig ins Ausland abwandern.
Kapitalmarkt und Skalierungsperspektiven
Dass die Diskussion um Wettbewerbsfähigkeit letztlich auch eine Kapitalmarktfrage ist, machte Markus Rieger, Vorstand von GoingPublic, deutlich. Er stellte den Börsengang als strategische Perspektive für Biotech-Unternehmen vor und verwies auf die kommende BeingPublic Conference der GoingPublic Media AG in Frankfurt am Main. Gerade für europäische Wachstumsunternehmen bleibe die Frage relevant, wie sich alternative Finanzierungsquellen erschließen lassen und wie Kapitalmarktpräsenz langfristig zur Unternehmensentwicklung beitragen kann. Börse und Kapitalmarkt könnten und sollten wieder stärker als strategische Instrumente verstanden werden – nicht nur zur Finanzierung, sondern auch zur internationalen Sichtbarkeit und Positionierung von Unternehmen.
Netzwerke als Grundlage erfolgreicher Innovation
Übergreifend wurde beim 6. Netzwerktreffen der Plattform Life Sciences wieder einmal deutlich, dass erfolgreiche Innovation heute weit mehr erfordert als wissenschaftliche Exzellenz allein. Entscheidend sind integrierte Ökosysteme, die Forschung, Finanzierung, regulatorische Kompetenz, industrielle Entwicklung und Kapitalmarktstrategien miteinander verbinden. Genau an dieser Schnittstelle bewegen sich viele der Herausforderungen, aber eben auch die Chancen europäischer Life Sciences. Der Begriff „Summit of the Brave“, den Dr. Rüdiger Jankowsky zu Beginn des Abends geprägt hatte, stand dabei sinnbildlich für viele der Diskussionen des Treffens: Der Erfolg europäischer Biotech-Unternehmen wird sich künftig nicht allein an wissenschaftlichen Durchbrüchen entscheiden, sondern zunehmend an der Fähigkeit, komplexe klinische Entwicklungspfade, internationale Finanzierungsanforderungen, regulatorische Prozesse und industrielle Skalierung strategisch zusammenzuführen. Der „Aufstieg“ beginnt damit längst nicht mehr erst in der Klinik – sondern bereits bei der Frage, wie belastbar die dahinterstehenden Netzwerke und Entwicklungsstrukturen tatsächlich sind.
Austausch, BBQ und neue Verbindungen
Nach den Vorträgen boten BBQ, Drinks und zahlreiche Gespräche Gelegenheit zum persönlichen Austausch und zur Vertiefung bestehender Netzwerke. Die offene Atmosphäre der Veranstaltung ermöglichte intensive Diskussionen weit über die offiziellen Programmpunkte hinaus. Ein besonderer Dank gilt allen Speakerinnen und Speakern, Gästen, Partnern und Unterstützern der Veranstaltung – insbesondere WIPIT für das Sponsoring des BBQ sowie Christian Gnam, Geschäftsführer des IZB, und seinem Team, darunter insbesondere Marion Köhler, für die Organisation und Unterstützung des Abends.
Unterstützt wurde das 6. Netzwerktreffen der Plattform Life Sciences unter anderem von BIO Deutschland e. V., BioM Biotech Cluster Development GmbH, BioCampus Cologne RTZ, LifeSciences@HEUKING, ITM Isotope Technologies Munich SE, Leipzig for LifeChangers, Life Science Factory, MC Services AG, NRW.BANK, Risk Partners – Insurance Broking for Gamechangers und Stifel Financial Corp..
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.










