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Mehr Wagniskapital für Biotechnologie. Leistungsfähigere Kapitalmärkte. Mehr institutionelle Investoren. Weniger regulatorische Hürden. Seit Jahren wird über diese Themen in Europas Life Sciences-Branche diskutiert. Mit der European Life Sciences Coalition (ELSC) verändert sich nun jedoch die Rolle derjenigen, die diese Debatte führen. Europas führende Life-Sciences-Investoren organisieren sich, um politische Rahmenbedingungen nicht mehr nur zu kommentieren. Von Urs Moesenfechtel

Forbion, HealthCap, Novo Holdings, Sofinnova Partners, Omega Funds, 4BIO Capital und nun auch Andera Partners. Ebenso der Vermögensverwalter Van Lanschot Kempen, das Biotechnologieinstitut VIB, das BioInnovation Institute sowie die auf Life Sciences spezialisierten internationalen Kanzleien Cooley und Covington. Hinter der im Februar 2026 gemeinsam mit Invest Europe gegründeten European Life Sciences Coalition steht ein erheblicher Teil des europäischen Life-Sciences-Investitionsökosystems. Nach Angaben der Initiative verwalten ihre Mitglieder mehr als 24 Mrd. EUR an speziell für Life Sciences vorgesehenem Kapital und haben in mehr als 1.400 Unternehmen investiert oder zu deren Gründung beigetragen. Die Coalition vereint damit nicht nur einige der größten europäischen Venture-Capital-Investoren, sondern Akteure entlang der gesamten Innovationskette – von Forschung und Technologietransfer über Kapitalgeber bis hin zu spezialisierten Beratern.

Eine Diagnose, die kaum noch überrascht

Die Beschreibung dessen, woran die europäische Life Sciences-Branche krankt, hat sich in den vergangenen Jahren kaum geändert. Lediglich rund sieben Prozent des weltweiten Venture Capitals im Bereich Life Sciences entfallen auf Europa, während die USA rund 63 % und China weitere 14 % auf sich vereinen. Gleichzeitig entschieden sich 66 der 67 europäischen Biotech-Unternehmen, die in den vergangenen sechs Jahren an die Börse gingen, gegen einen europäischen Handelsplatz. Ebenso vertraut klingen die politischen Forderungen von Branchenvertretern. Seit Jahren werben Investoren, Branchenverbände und Unternehmen für stärkere Kapitalmärkte, eine größere Rolle institutioneller Investoren, bessere regulatorische Rahmenbedingungen und eine engere Verzahnung von öffentlichem und privatem Kapital.

Warum also gerade jetzt?

Mit der EU-Life-Sciences-Strategie, dem geplanten Biotech Act, BioTechEU und der Savings and Investments Union hat die Europäische Union gleich mehrere Vorhaben auf den Weg gebracht, die die Rahmenbedingungen für Forschung, Finanzierung und Wachstum von Life-Sciences-Unternehmen in den kommenden Jahren maßgeblich prägen werden. Damit verschiebt sich auch der Charakter der Debatte. Lange stand die Frage im Vordergrund, ob Europa bessere Bedingungen für Innovation und Investitionen schaffen muss. Inzwischen geht es zunehmend darum, wie diese politischen Vorhaben konkret ausgestaltet werden und wer auf ihre Ausgestaltung Einfluss nimmt. Genau in dieses politische Zeitfenster stößt die Gründung der ELSC.

Aus Einzelstimmen soll politisches Gewicht werden

Das Bündnis versteht sich weder als weiterer Venture-Capital-Fonds noch als klassischer Branchenverband. Ihr Anspruch besteht darin, unterschiedliche Teile des europäischen Life-Sciences-Ökosystems hinter gemeinsamen politischen Positionen zu versammeln. Der jüngst veröffentlichte offene Brief „Health is Wealth“ verdeutlicht diesen Anspruch. Die Coalition fordert darin nicht einzelne Fördermaßnahmen, sondern Reformen entlang der gesamten Innovations- und Finanzierungskette – von Kapitalmarkt und Regulierung bis hin zu klinischer Entwicklung und Marktzugang.

Vom Kapitalgeber zum politischen Bündnis

Die ELSC muss Europas Finanzierungsproblem nicht neu erklären. Ihre Mitglieder haben dieselben Forderungen seit Jahren erhoben. Neu ist weniger die Diagnose als die Strategie, mit der sie daraus politischen Einfluss entwickeln wollen. Statt als einzelne Fonds, Verbände oder Institutionen aufzutreten, bündeln sie ihre Interessen in einer gemeinsamen Agenda. Genau zu dem Zeitpunkt, an dem Europa seine Life-Sciences-, Kapitalmarkt- und Innovationspolitik neu ausrichtet. Es geht nicht mehr allein darum, bessere Investitionsbedingungen einzufordern. Es geht darum, an ihrer Ausgestaltung mitzuwirken und die Diskussion über Forschung, Kapital, Regulierung und Wettbewerbsfähigkeit als zusammenhängende Standortfrage zu führen. Das Bündnis versucht also nicht nur durch mehr Geschlossenheit, einem gemeinsamen Auftreten, mehr politisches Gehör zu finden. Sie versucht, die Kräfte des europäischen Life-Sciences-Ökosystems so zu bündeln, dass daraus ein politischer Akteur mit eigenem strategischem Gewicht entsteht. Nicht einzelne Forderungen sollen mehr Aufmerksamkeit erhalten, sondern das gesamte Ökosystem soll mit einer gemeinsamen Agenda früher und geschlossener in politische Entscheidungsprozesse eingreifen können. Ob dieser Anspruch trägt, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Die Richtung ist jedoch klar: Aus einer Vielzahl von Marktteilnehmern entsteht der Versuch, einen strategisch handelnden Ansprechpartner für Europas Life-Sciences-Politik zu formen.

Autor/Autorin

Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.