„Driving Biotech in Europe“ lautete das Leitmotiv des ersten Konferenztags der diesjährigen BayOConnect. Dabei ging es weniger um das „Driving“ einzelner Unternehmen als um das Vorantreiben des europäischen Biotechnologiestandorts insgesamt. Wettbewerbsfähigkeit, Kapitalmarktunion, regulatorische Verfahren und Scale-up bestimmten die Diskussionen deutlich stärker als einzelne Technologien oder Finanzierungsrunden. Der European Biotech Act bildete dafür den politischen Ausgangspunkt. Von Urs Moesenfechtel
Bei der BayOConnect, der internationalen Life-Sciences-Konferenz des Clustermanagements BioM, treffen sich jedes Jahr Start-ups, Investoren, Pharmaunternehmen, Wissenschaft und Politik. Doch bereits die Eröffnung machte deutlich, dass sich die Diskussion in diesem Jahr verschoben hatte. Im Mittelpunkt standen nicht einzelne Technologien, klinische Programme oder Finanzierungsrunden, sondern die grundlegendere Frage, welche Voraussetzungen Europa schaffen muss, um im globalen Wettbewerb der Biotechnologiestandorte wieder eine führende Rolle einzunehmen.

Der erst wenige Wochen zuvor veröffentlichte EY-Biotechnologiereport bildete dafür den gedanklichen Ausgangspunkt. Die Diagnose: Deutschlands Biotechnologie steht an einem „Tipping Point“. Für Prof. Ralf Huss, Geschäftsführer von BioM, war dies jedoch weniger Anlass zur Bestandsaufnahme als Ausgangspunkt für den Blick nach vorn. Bayern verfüge zwar über ein leistungsfähiges Ökosystem; entscheidend werde künftig jedoch sein, wissenschaftliche Exzellenz, unternehmerische Dynamik und Finanzierung deutlich stärker europäisch zu vernetzen. Sein Appell lautete entsprechend: „Working together and making the best out of our capabilities and our potential.“
Der Biotech Act als Strategie
Bis dahin hätte der Vormittag noch als klassische Standortanalyse verstanden werden können. Mit dem anschließenden Vortrag von Andreas Prenner, Policy Officer Biotechnology bei der Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (DG SANTE) der Europäischen Kommission, verschob sich der Fokus jedoch. Im Mittelpunkt standen nun nicht mehr die Stärken einzelner Regionen, sondern die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen, unter denen Europa seine wissenschaftliche Exzellenz künftig besser in internationale Wettbewerbsfähigkeit übersetzen kann. Er präsentierte den European Biotech Act nicht als klassisches Regulierungsvorhaben, sondern als Baustein einer umfassenderen europäischen Wettbewerbsstrategie.
Die folgende Botschaft sei inzwischen auch in Brüssel angekommen:
„It’s often too complicated to do business here. We really need to focus on competitiveness.“
Prenner beschrieb zunächst die Ausgangslage. Europa gehöre bei wissenschaftlichen Publikationen im Bereich Health Biotech gemeinsam mit den USA und China weiterhin zur Weltspitze. Wenn es jedoch darum gehe, Forschungsergebnisse zu kommerzialisieren, Unternehmen zu finanzieren und international zu skalieren, verliere Europa zunehmend an Boden. US-amerikanische Biotechnologieunternehmen hätten in den vergangenen zehn Jahren nahezu zehnmal so viel Venture Capital eingeworben wie europäische Start-ups. Gleichzeitig sei Europas Anteil an kommerziellen klinischen Studien innerhalb eines Jahrzehnts deutlich zurückgegangen, während China seinen Anteil mehr als verdreifacht habe.
Es blieb jedoch nicht bei der inzwischen fast mantraartig wiederholten Diagnose: „We have great science … but we don’t often manage to bring it to the world.“ Anders als auf vielen Branchenveranstaltungen konzentrierte sich Prenner vor allem auf die Frage, welche politischen Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit dieses
„bringing it to the world“
künftig häufiger gelingt. Dabei ordnete er den European Biotech Act ausdrücklich in einen größeren politischen Zusammenhang ein. Neben dem Gesetzgebungsvorhaben verwies er unter anderem auf die geplante Startup and Scaleup Strategy, die Life Sciences Strategy, die Savings and Investment Union als Weiterentwicklung der Kapitalmarktunion sowie neue europäische Finanzierungsinstrumente für Wachstumsunternehmen. Der Biotech Act erschien damit weniger als isoliertes Regulierungsvorhaben denn als Teil eines umfassenderen industriepolitischen Programms, das Forschung, Finanzierung, Produktion und Skalierung stärker miteinander verzahnen soll.
Innerhalb dieses Rahmens soll der European Biotech Act an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen: schnellere Genehmigungs- und Zulassungsverfahren, eine stärkere Koordinierung klinischer Studien, bessere Finanzierungsbedingungen, strategische Biotech-Projekte, der Einsatz Künstlicher Intelligenz sowie ein wirksamerer Schutz geistigen Eigentums sollen dazu beitragen, innovative Unternehmen nicht nur in Europa entstehen zu lassen, sondern sie auch langfristig am Standort zu halten. Prenner brachte diesen Anspruch schließlich auf einen Satz:
„…TO STAY IN EUROPE, TO INVEST, FINANCE, SCALE HERE, RATHER THAN BEING ABROAD.“
Mit dieser Zielsetzung war zugleich der Maßstab gesetzt, an dem sich auch die anschließende Diskussion messen lassen musste. Nicht mehr die Frage, ob Europa handeln muss, stand im Raum. Entscheidend war nun, ob die vorgesehenen Maßnahmen ausreichen, um die strukturellen Wettbewerbsnachteile des europäischen Innovationssystems tatsächlich zu überwinden.
Kapital allein reicht nicht
Genau an diesem Punkt setzte unmittelbar das anschließende Investment-Panel „Unlocking Europe’s Capital for Biotech Innovation“ an. Den industriepolitischen Anspruch des European Biotech Acts stellte dort niemand infrage. Vielmehr verlagerte sich die Diskussion auf eine andere Frage: Reichen regulatorische Reformen und neue Förderinstrumente aus, um Europas Wettbewerbsfähigkeit tatsächlich zu stärken?
Moderator Uli Kinzel, Managing Director bei Fortlane Partners, stellte die Debatte bewusst in einen größeren Zusammenhang. Europa habe in den vergangenen Jahren in mehreren Schlüsselindustrien an Bedeutung verloren. Umso wichtiger sei es, Life Sciences nicht ebenfalls zu einem Bereich werden zu lassen, in dem wissenschaftliche Innovation zwar in Europa entsteht, industrielle Wertschöpfung und wirtschaftlicher Erfolg jedoch anderswo stattfinden. Wettbewerbsfähigkeit sei deshalb längst mehr als eine Frage einzelner Finanzierungsrunden – sie sei Teil der technologischen und wirtschaftlichen Souveränität Europas.
An diesem Punkt setzte Karl Nägler, Partner bei Sofinnova Partners, an. Aus seiner Sicht beginne Europas Finanzierungsproblem nicht bei den Biotechnologieunternehmen – und auch nicht bei den Venture-Capital-Fonds –, sondern bereits bei deren Kapitalgebern.
„We have around a hundred times less pension money going into venture capital in Europe than in the US.“
Der Vergleich mache deutlich, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Finanzierungslücke handle. Europa verfüge durchaus über erhebliche Vermögenswerte. Das eigentliche Problem bestehe darin, dass institutionelle Investoren Venture Capital bislang nur in sehr begrenztem Umfang als Anlageklasse nutzten. Entsprechend blieben europäische Fonds kleiner, spätere Finanzierungsrunden schwieriger und Unternehmen wechselten häufig genau dann in die USA, wenn hohe Wachstumsinvestitionen erforderlich würden.
Nägler widersprach dabei ausdrücklich der Vorstellung, das Problem lasse sich allein durch zusätzliches Kapital lösen. „This is a structural issue“, betonte er. Entscheidend sei nicht nur, wie viel Geld insgesamt zur Verfügung stehe, sondern ob Unternehmen in der Phase zwischen den ersten klinischen Studien und der industriellen Skalierung ausreichend finanziert werden könnten. Genau dort verliere Europa viele seiner aussichtsreichsten Biotechnologieunternehmen.
An mehreren Stellen wurde deutlich, dass sich die Diskussion damit längst von der klassischen Venture-Capital-Perspektive entfernt hatte. Im Mittelpunkt standen nun Kapitalmarktunion, Pensionsfonds, institutionelle Investoren und die Frage, wie privates Kapital künftig systematischer in Zukunftstechnologien gelenkt werden kann. Venture Capital erschien damit weniger als Ursache denn als Ergebnis funktionierender Kapitalmärkte.
Ein neuer Anspruch
Vor diesem Hintergrund stellte Nägler schließlich eine Frage, die den Charakter der Diskussion weit über die Finanzierung hinaus verschob:
„WHY DON’T WE TRY TO BE THE BEST?“
Der Satz war weniger als Appell gedacht denn als Aufforderung, Europas Rolle im internationalen Wettbewerb neu zu definieren. Aus seiner Sicht gehe es längst nicht mehr darum, an einzelnen Stellschrauben zu drehen. „It’s not one or two levers. It’s many, many, many different levers.“ Wettbewerbsfähige Kapitalmärkte, regulatorische Reformen, steuerliche Rahmenbedingungen, institutionelle Investoren und unternehmerische Kultur müssten gemeinsam gedacht werden. Ebenso notwendig sei jedoch eine andere Haltung – eine „winner attitude“, wie Nägler es formulierte.
Dabei blieb die Diskussion nicht bei grundsätzlichen Forderungen stehen. Mehrfach wurde darauf verwiesen, dass Europa nicht darauf warten könne, bis alle 27 Mitgliedstaaten gleichzeitig handelten. Einzelne Länder müssten vorangehen und damit Dynamik für den gesamten europäischen Innovationsstandort erzeugen.
Damit schloss sich zugleich der Kreis zum European Biotech Act. Die politische Stoßrichtung der Europäischen Kommission wurde im Panel ausdrücklich unterstützt. Gleichzeitig bestand weitgehend Einigkeit darüber, dass regulatorische Reformen allein kaum genügen werden. Wettbewerbsfähigkeit entsteht weder durch einen einzelnen Fonds noch durch ein einzelnes Gesetz. Sie entsteht dort, wo politische Rahmenbedingungen, leistungsfähige Kapitalmärkte, institutionelle Investoren und unternehmerischer Gestaltungswille ineinandergreifen.
Vom Aufholen zum Führen
Nachdem Karl Nägler die strukturellen Defizite der europäischen Finanzierungslandschaft beschrieben hatte, verlagerte Michael Bauer, Partner bei Novo Holdings, die Diskussion auf eine grundlegendere Ebene. Aus seiner Sicht gehe es längst nicht mehr nur um einzelne Finanzierungsinstrumente oder regulatorische Reformen, sondern um den Anspruch, mit dem Europa den internationalen Wettbewerb überhaupt führt.
„WHY DON’T WE TRY TO BE THE BEST?“
Der Satz fiel beinahe beiläufig. Bauer warb dafür, Europa nicht länger ausschließlich über seine Defizite zu definieren. Der Rückstand gegenüber den USA lasse sich weder durch einen einzelnen Fonds noch durch ein einzelnes Gesetz aufholen. „It’s not one or two levers. It’s many, many, many different levers.“ Wettbewerbsfähige Kapitalmärkte, regulatorische Rahmenbedingungen, steuerliche Anreize, industrielle Infrastruktur und privates Kapital müssten zusammenspielen. Ebenso wichtig sei jedoch die Bereitschaft, wieder größer zu denken. Europa brauche eine „winner attitude“ und müsse den Anspruch entwickeln, selbst wieder Maßstäbe setzen zu wollen.
Damit erhielt auch die zuvor geführte Diskussion über Pensionsfonds, Kapitalmarktunion oder Scale-up-Finanzierung eine andere Bedeutung. Sie erschien nicht mehr als Sammlung einzelner Reformvorschläge, sondern als Bestandteile einer gemeinsamen Wettbewerbsstrategie. Mehrfach wurde betont, Europa müsse nicht auf die Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten warten. Einzelne Länder könnten vorangehen und damit Dynamik für den gesamten Standort entfalten. Wer führe, schaffe Orientierung – auch für andere.
Damit schloss sich schließlich der Kreis zum European Biotech Act. Andreas Prenner hatte zuvor den politischen Handlungsrahmen skizziert, mit dem Europa Innovationen schneller zur Marktreife führen und Unternehmen stärker am Standort halten will. Das Investorenpanel stellte diesen Ansatz ausdrücklich nicht infrage. Es machte jedoch deutlich, dass regulatorische Reformen allein kaum genügen werden. Entscheidend sei, ob Europa Forschung, Kapital, Industriepolitik und Unternehmertum künftig als zusammenhängendes Innovationssystem versteht – und entsprechend handelt.
Das Leitmotiv der BayOConnect „Driving Biotech in Europe“ meinte an diesem Tag weniger das Vorantreiben einzelner Technologien als das Vorantreiben des Standorts selbst. Der Wettbewerb, so lautete die gemeinsame Botschaft von Politik und Investoren, entscheidet sich nicht erst im Labor oder am Kapitalmarkt. Er beginnt wesentlich früher – bei den politischen, finanziellen und kulturellen Voraussetzungen, unter denen Innovation überhaupt entstehen und wachsen kann.
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.











