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Die in München und Montreal ansässige TVM Capital Life Science investiert in europäische und nordamerikanische ­Medikamentenentwickler und Medizintechnikfirmen. Im Gespräch erläutert Dr. Hubert Birner, nach welchen Kriterien das Unternehmen First-in-Class-Projekte auswählt, wie sich das Finanzierungsumfeld verändert hat und welche Herausforderungen derzeit die Biotechbranche prägen.

Plattform Life Sciences: Herr Dr. Birner, nach welchen Kriterien wählen Sie bei TVM Life Science Unternehmen für Ihr Portfolio aus?

Dr. Birner: Für uns stehen Unternehmen im Fokus, die mit First-in-Class-Molekülen neue therapeutische Ansätze verfolgen – sowohl für Indikationen, die bislang nur unzureichend behandelt werden können, als auch für Erkrankungen, für die es noch keine adäquaten Therapien gibt. Entscheidend ist dabei nicht nur die wissenschaft­liche Originalität, sondern auch die klare medizinische Relevanz. Unsere typischen Investitionskandidaten befinden sich am Übergang von der präklinischen in die ­klinische Entwicklung oder haben bereits ein Phase-I-Programm initiiert. Wichtig ist, dass ein realistischer Entwicklungsplan vorliegt, der innerhalb eines Zeitraums von etwa fünf Jahren den klinischen Proof of Concept ermöglicht. Ziel ist es, die ­Projekte bis zu einer erfolgreichen Phase IIa zu entwickeln und anschließend über ­strategische Partnerschaften weiterzuführen. Entsprechend legen wir großen Wert auf belastbare Daten, eine saubere ­Entwicklungsstrategie und Teams, die ­sowohl wissenschaftlich als auch operativ in der Lage sind, diese Schritte umzu­setzen. Die Initialinvestments liegen typischerweise bei rund 5 Mio. bis 10 Mio. EUR pro Unternehmen. Abhängig vom Projekt beteiligt sich TVM auch an Folgefinan­zierungen, sodass sich das Gesamtinvestment auf etwa 20 Mio. bis 25 Mio. EUR ­erhöhen kann.

Dr. Hubert Birner
Dr. Hubert Birner, Managing Partner,
TVM Capital Life Science. Copyright Foto: TVM Capital Life Science.

Wie haben sich die Rahmenbedingungen für Ihren Investmentansatz in den vergangenen Monaten verändert?

Es ist zweifellos schwieriger geworden, ­Finanzierungsrunden mit Geldern neuer ­Investoren zu strukturieren. Die finanziellen Mittel sind im Markt per se vorhanden, aber viele Investoren sind vorsichtig, neue Investments in unsere Portfolios einzugehen. Der Fokus liegt stattdessen darauf, höhere Reserven für die künftige Finanzierung der eigenen Portfoliofirmen zu halten. Die Exitmärkte sind durch das aktuelle Fehlen von IPO-Fenstern sehr beeinträchtigt. Auch aus diesem Grund sehen wir ­weniger Neufinanzierungen. Wir als VC-­Managementteam fokussieren hingegen die Budgets auf die unmittelbaren Werttreiber – was bedeuten kann, dass Pro­jekte, die erst in einigen Jahren den Unternehmenswert steigern können, im Sinne der Kapitaleffizienz auf Sparflamme gesetzt werden.

Wie wirkt sich das auf die Kapitalallo­kation aus?

Die Kapitalallokation steigt mit jeder Finanzierungsrunde kontinuierlich gegenüber den Erstinvestments. Neue Tranchen ­werden benötigt, weil die Firmen länger brauchen, um die fixierten Etappenziele zu erreichen. Dazu kommt, dass sich die regulatorischen Rahmenbedingungen verändern können. Bei der FDA wurden einige Abteilungen, die früher für uns zuständig waren, aufgelöst oder personell reduziert, beispielsweise für seltene Erkrankungen oder Infektionskrankheiten – mit der Folge, dass sich Entscheidungen verzögern und mit jedem Monat die finanziellen Reserven der Firmen verringern, die noch keine ­eigenen Einnahmen erzielen.

Für uns stehen Unternehmen im Fokus, die mit First-in-Class-Molekülen neue therapeu­tische Ansätze verfolgen.

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Das Interview mit Dr. Hubert Birner ist in der aktuellen Plattform Life Sciences-Ausgabe „Investoren in Life Sciences“, 2 Jg., erschienen. Titelbild. Copyright: Phoenix AI Photo – stock.adobe.com

Und welche Exitstrategien sind im ­aktuellen Marktumfeld realistisch?

Ich erwarte, dass das Marktumfeld weiterhin bezüglich Finanzierungen und Bewertungen schwierig bleibt. Die Firmen müssen ihre Gelder strecken, punktuell Wert in ihrer Pipeline schaffen und weniger wichtige Projekte depriorisieren.

Was sehen Sie als größte Herausforderungen für die deutsche Biotechindustrie?

Ich wünsche mir kreative Lösungen der Unternehmen, die Kombinationen schaffen zwischen Investorengeldern, staatlichen Geldern und Partnergeldern von Strategen. Der ausreichende Kapitalzufluss bleibt weiterhin die Herausforderung.

Herr Dr. Birner, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Das Interview führte Urs Moesenfechtel.

Autor/Autorin

Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.