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Das zweite Quartal hatte es in sich. Während die Zahl der weltweiten Börsengänge im Vergleich zum Vorjahresquartal leicht von 246 auf 250 stieg, wuchs das Emissionsvolumen massiv von rund 32 auf 145 Mrd. USD. Damit wurde der höchste Quartalswert seit Beginn der EY-Aufzeichnungen im Jahr 2003 erreicht. Der wesentliche Grund dafür war der größte Börsengang aller Zeiten: SpaceX ging in den USA mit einem Emissionsvolumen von rund 86 Mrd. USD an den Börsenstart. GoingPublic sprach mit Dr. Martin Steinbach, IPO Leader EMEIA bei EY.


GoingPublic: Herr Steinbach, Sie haben die jüngsten Zahlen in Ihrem neuen IPO-Report unter die Lupe genommen. Im zweiten Quartal stagnierte die Zahl der Börsengänge rund um den Globus. Das erste Halbjahr endete mit einem Rückgang der IPO-Aktivität um 12 % auf 483 Börsengänge. Dagegen steht im gleichen Zeitraum ein deutlich gestiegenes Emissionsvolumen um 201 % auf rund 187 Mrd. USD. Hier sticht der Mega-IPO von SpaceX deutlich heraus. Verzerrt dieser mehr als außergewöhnliche Börsengang nicht die gesamte Statistik?

Dr. Steinbach: Die vielfältigen geopolitischen Unsicherheiten und Spannungen des ersten Halbjahres haben die IPO-Aktivität vieler Börsenkandidaten gebremst. Trotz der geopolitischen Spannungen zeigten sich die Kapitalmärkte vergleichsweise robust. Wie die globalen Zahlen zeigen, mit sinkender Anzahl von IPOs aber stark steigendem Volumen, zählt im Moment Größe, Investorenaufmerksamkeit und die richtige Unternehmensgeschichte. So verdeutlicht der Jahrhundertbörsengang von SpaceX, wie aufnahmefähig der internationale Kapitalmarkt ist. Jedoch schwächelt der US IPO Markt insgesamt mit 35 % weniger IPOs jedoch bedingt durch SpaceX mit einem deutlichen Volumenanstieg. Dagegen haben China, Europa und Deutschland zugelegt in der Anzahl an IPOs und im Volumen. Ein gutes Zeichen für unser hiesiges IPO Ecosystem.

Was sind die wesentlichen Ergebnisse des aktuellen IPO-Barometers von EY?

Ein ereignisreiches Halbjahr liegt hinter dem globalen IPO-Markt. Der Kapitalmarkt hat sich trotz dessen gut geschlagen. Die IPO-Pipeline für das zweite Halbjahr ist gut gefüllt, doch erfolgreiche Börsengänge bedürfen einer Reihe von Voraussetzungen. Die Märkte sind grundsätzlich bereit für Neuemissionen, aber viel hängt vom Sektor und einer attraktiven Equity Story ab, die die aktuellen Wachstumstrends in Industrien aufgreift. Das zweite Quartal mit hohen Volumina zeigt es sehr deutlich: Kapital ist vorhanden, doch Investoren konzentrieren sich auf große, gut vorbereitete Unternehmen mit belastbarer Equity Story und klaren Wachstumsperspektiven. Wer die relativ engen IPO-Fenster erfolgreich nutzen will, muss gut vorbereitet sein – und gleichzeitig die Disziplin und einen Plan B haben zu warten, wenn Volatilität oder geopolitische Risiken kurzfristig zunehmen.

Im ersten Quartal sind Asta Energy, Gabler und Vincorion hierzulande an die Börse gegangen. Im zweiten Quartal hat Electrovac den Sprung aufs Parkett gewagt, das Volumen lag bei 33,5 Mio. EUR. Das Unternehmen ist ein weiterer Wert, der dem Bereich Defense zugeordnet werden kann, womit drei der vier IPOs in Deutschland in diesem Jahr aus dem Verteidigungs- und Sicherheitsbereich stammen. Hat der Defense-Bereich weiteres IPO-Potenzial in Deutschland? Oder war dies vielleicht nur ein kurzzeitiger Trend?

Wir sehen hier weiters Potential. Geschäftsmodelle in der Verteidigung, aber auch KI und Infrastruktur sind derzeit besonders im Fokus der Investoren in Finanzierungsrunden und bei IPOs. Sie stehen für den Wandel, die Transformation und Disruption von Geschäftsmodellen mit Wachstumspotential. Entsprechend interessant sind sie für Investoren. So verwundert es nicht, dass die steigenden beziehungsweise gut gefüllten Auftragsbücher gute Aussichten für Defense-Börsengänge schaffen. So stammen drei der vier IPOs in Deutschland in diesem Jahr aus dem Verteidigungs- und Sicherheitsbereich und weitere stehen in den Startlöchern. Beim Blick auf die Branchen weltweit dominierten derzeit Advanced Manufacturing mit 44 IPOs und 98,1 Mrd. USD Emissionsvolumen sowie Technology mit 51 IPOs und 19,2 Mrd. USD, gefolgt von Life Sciences (26 IPOs, 6,1 Mrd. USD).

Wie viel IPOs könnte es in Deutschland im gesamten Jahr 2026 in etwa geben?

Unser Ausblick bleibt vorsichtig optimistisch; wir sehen weiterhin ein Potenzial von bis zu zehn Börsengängen in Deutschland in diesem Jahr. Das Volatilitätsniveau an der Börse, also die Messlatte für Risiko, ist derzeit wieder zurückgekommen auf ein Normalmaß, was eine erhöhte Risikobereitschaft der Anleger bei gleichzeitig steigenden Indizes signalisiert. Investoren suchen hohe Renditen, die man mit eine Risikobeimischung zum Beispiel über Aktien und IPOs erreichen kann. Mit dem Momentum aus einem guten Jahresstart erwarten wir im deutschen Markt weitere Börsengänge von Unternehmen insbesondere aus dem Verteidigungsbereich. IPO-Fenster bleiben kurz und selektiv.

Herr Dr. Steinbach, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Gian Hessami


Zum Interviewpartner

Dr. Martin Steinbach, Partner & EY EMEIA IPO Leader; © EY
Dr. Martin Steinbach, Partner & EY EMEIA IPO Leader; © EY

Dr. Martin Steinbach ist Partner bei EY und Head of IPO and Listing Services in Deutschland. Außerdem ist er EY EMEIA (Europe, Middle East, India & Africa) IPO Leader. Steinbach konzentriert sich bei seiner Tätigkeit auf ganzheitliche IPO Readiness Beratung, Boardroom Advisory und Investor Relations Implementierung. Seine Erfahrung vereint unterschiedliche Disziplinen und Perspektiven: die eines Investors, Emittenten, Beraters ebenso wie die einer Bank, eines Eigenkapital aufnehmenden Unternehmens und einer Börse.

Autor/Autorin

Gian Hessami
Finanzjournalist at  | Website

Gian Hessami gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Als Finanzjournalist beleuchtet er regelmäßig aktuelle Entwicklungen an der Börse und ist Autor von Beiträgen und Aktienanalysen. Mit den Finanzmärkten beschäftigt sich der gelernte Zeitungsredakteur bereits seit 2004.