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Im dritten Quartal 2026 sind weltweit 367 Unternehmen an die Börse gegangen – das Niveau lag damit nur minimal unter dem des Vorjahresquartals mit 374 Börsengängen. Das Emissionsvolumen stieg allerdings deutlich: um 79 % auf rund 93 Mrd. USD (Q3 2025: 52 Mrd.). In den ersten neun Monaten des Jahres 2026 summierten sich die Börsengänge auf 888 (Vorjahr: 922). Das weltweite Emissionsvolumen erreichte in den ersten neun Monaten dieses Jahres mit 287,5 Mrd. USD einen Rekordwert – dieser liegt rund 151 % über dem Vorjahreswert von 114,4 Mrd. USD. GoingPublic sprach mit Dr. Martin Steinbach, IPO Leader EMEIA bei EY, über die Entwicklung am IPO-Markt.


GoingPublic: Herr Steinbach, Sie haben die jüngsten Zahlen in Ihrem neuen IPO-Report analysiert. Im Vergleich zum Vorjahr ist das Emissionsvolumen im dritten Quartal und auch insgesamt über neun Monate hinweg massiv angestiegen. Woran liegt das?

Dr. Steinbach: In fast allen großen Regionen sind in den ersten neun Monaten sowohl die Anzahl als auch Emissionserlöse deutlich angestiegen. Die Rahmenbedingungen für Börsengänge stimmen daher grundsätzlich und haben sich in den vergangenen Monaten weiter verbessert. Die wichtigsten Leitindizes notieren nach zwischenzeitlichen Rückgängen nahe ihren Allzeithochs. Die Volatilität muss man kurzfristig im Auge behalten. Gleichzeitig zeigen sich Märkte robust und haben gelernt, mit globalen Verwerfungen und geopolitischen Unruhen umzugehen.

Was sind die wesentlichen Ergebnisse des aktuellen IPO-Barometers von EY?

Wir sehen jedoch ungleiche regionale Entwicklungen in den wichtigen Primärmärkten weltweit. Asien und Europa wachsen gegenüber der Vorperiode zweistellig. Einen bemerkenswerten Rückgang von 45 % an Börsengängen zeigt die USA und das getragen von sehr großen IPOs wie SpaceX, was zu einem entsprechend deutlich höheren Emissionsvolumen geführt hat.

Keine wesentlichen Veränderungen gab es bei den Sektorenpräferenzen. Im dritten Quartal entfielen rund 75 % des weltweiten Platzierungsvolumens auf die Branchen Advanced Manufacturing und Technology. In den ersten neun Monaten entfielen etwa 40 % des Volumens auf Advanced Manufacturing und rund ein Drittel auf Technologie.

Auffällig ist auch, dass in den USA im dritten Quartal lediglich 24 Unternehmen den Sprung an die Börse gewagt haben, im Vorjahresquartal waren es 65 Unternehmen. Ganz anders ist die Entwicklung an den europäischen Börsen, wo es 45 Neuemissionen gab und damit fast doppelt so viel wie 2025 (24 Börsengänge). Bietet der europäische IPO-Markt derzeit mehr Chancen als der US-Markt?

Für den US-amerikanischen Markt ist 2026 das Jahr der Megabörsengänge und ein weiterer potentieller Rekord-IPO steht in den Startlöchern. Größe zählt, gerade in dem kapitalintensiven KI-Sektor. Die Zahlen zeigen einen Markt, der deutlich größere Volumen verzeichnet hat. Im dritten Quartal war das Listing von SK Hynix an der NASDAQ mit 26,5 Mrd. USD die mit Abstand größte Transaktion, gefolgt von CXMT Corp in Shanghai (9,8 Mrd. USD) und Zhongji Innolight in Hongkong (6,8 Mrd. USD).

Die europäischen IPO-Märkte sind attraktiv, was das zweistellige Wachstum in Anzahl und IPO Volumen verdeutlicht. Trotz einzelner Cross Border IPOs wie dem Börsengang der österreichischen Innio NV an der NASDAQ USA oder der tschechischen CSG BV an der Euronext Amsterdam, ist die Cross Border-Aktivität in Europa in den letzten Jahren gesunken und beträgt derzeit 4 % aller IPOs.

Wie ist das IPO-Sentiment in Deutschland? Schließlich erreichte der DAX Ende August sein Allzeithoch.

Mit bislang 8 Neuzugängen im aktuellen Jahr sehen wir Potenzial im letzten Quartal sodass wir unsere Einschätzung für das Jahr von bis zu 10 IPOs aufrechterhalten. Getragen wird der Markt von Equity Storys, die auf (KI-)Infrastruktur und Energie, KI und Robotik sowie Verteidigung einzahlen – Bereiche, die von umfangreichen staatlichen Aufträgen und Konjunkturprogrammen profitieren. Rückenwind kommt für den Gang an die Börse auch von regulatorischer Seite. Der EU Listing Act reduziert die Prospektanforderungen seit Juni 2026 auf zwei Jahresabschlüsse, und die Nachhaltigkeitsberichterstattung nach CSRD ist für Börsenkandidaten in den Core- und KMU-Segmenten durch die angehobenen Schwellenwerte keine Pflicht mehr. Hinzu kommt die neue Aktienrente in Deutschland, die einen sehr großen neuen Kapitalpool für Börsengänge in Europa darstellen kann.

 

Wie gut ist die IPO-Pipeline für das Schlussquartal 2026 gefüllt? Welche Tendenzen erwarten Sie für Deutschland, Europa und die USA?

Für das Schlussquartal bleiben wir vorsichtig optimistisch. Die IPO-Pipeline ist sowohl international als auch in Deutschland gut gefüllt. Entscheidend bleiben das richtige Timing und eine marktkompatible Bewertung. Unsicherheiten und Risiken wie eine mögliche Abkühlung der US-Konjunktur, die Ergebnisse der US-Midterms und weitere Zinserhöhungen der Notenbanken oder auch weiter steigende Renditen an den Anleihemärkten können das IPO-Sentiment aber kurzfristig immer wieder beeinflussen.

Herr Dr. Steinbach, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Gian Hessami

Zum Interviewpartner

Dr. Martin Steinbach, Partner & EY EMEIA IPO Leader; © EY
Dr. Martin Steinbach, Partner & EY EMEIA IPO Leader; © EY

Dr. Martin Steinbach ist Partner bei EY und Head of IPO and Listing Services in Deutschland. Außerdem ist er EY EMEIA (Europe, Middle East, India & Africa) IPO Leader. Steinbach konzentriert sich bei seiner Tätigkeit auf ganzheitliche IPO Readiness Beratung, Boardroom Advisory und Investor Relations Implementierung. Seine Erfahrung vereint unterschiedliche Disziplinen und Perspektiven: die eines Investors, Emittenten, Beraters ebenso wie die einer Bank, eines Eigenkapital aufnehmenden Unternehmens und einer Börse.

Autor/Autorin

Gian Hessami
Finanzjournalist at  | Website

Gian Hessami gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Als Finanzjournalist beleuchtet er regelmäßig aktuelle Entwicklungen an der Börse und ist Autor von Beiträgen und Aktienanalysen. Mit den Finanzmärkten beschäftigt sich der gelernte Zeitungsredakteur bereits seit 2004.