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Bildnachweis: R.Bitzer Photography – stock.adobe.com.

Zwar fand und findet die Impfstoffproduktion des Mainzer Wundermittels unter größter medialer Aufmerksamkeit im extra aufgerüsteten traditionsreichen Behringwerk zu Marburg statt (zwischenzeitlich eine Novartis-Anlage, dann von BioNTech übernommen). Das ist jedoch nicht der einzige Ort, der sich als Produktionsstandort in der Bewältigung der Pandemie hervorgetan hat. Fast so, wie es einige Städte schon immer gerne auf ihren Ortsschildern kundgetan haben, dass sie „Universitätsstadt“, „Landeshauptstadt“, „Bundesstadt“ oder etwa „Gebrüder-Grimm-Stadt“ sind, so könnte ein aktueller Beiname auch lauten „Impfhauptstadt“, „RNA-Stadt“, „BioNTech-Stadt“. Für den Landstrich der Schwäbischen Alb würde sich gewiss der Zusatz „Fermenterregion“ eignen, denn dort tummeln sich die Produktionskapazitäten biotechnologischer Herstellungsverfahren ganz gewaltig. Von Dr. Georg Kääb

 

Es waren dort bisher hauptsächlich die Antikörper und deren Derivate, die in diesen dem Bierbrauen nachempfundenen Fermentiertöpfen in höchster Reinheit produziert wurden. Und mit Boehringer Ingelheim in Biberach mischt auch eine der großen deutschen „Pharmafirmen“ kräftig in diesem Bereich mit. Neu hinzugekommen ist die Vektorimpfstoff produzierende R-Pharm in Illertissen, die dort den russischen Frühentwicklerimpfstoff Sputnik herstellt.

Kürzlich hat zudem die deutsche Tochtergesellschaft der israelischen Teva-Gruppe in Ulm mit einer 500-Mio.-EUR-Investition nun deutlich aufgeschlossen zu den schwäbischen Produktionsnachbarn. Teva ist als Generikaspezialist auch bei Biopharmazeutika nicht an der ursprünglichen Innovation interessiert, sondern mit einem Fokus auf Biosimilar-Produktion unterwegs, also die den Originalen nach Patentablauf nachempfundenen Nachahmerpräparate. Bereits seit 2004 agiert Teva in Ulm als Biotechproduzent. Die Großinvestition kam im internen Wettkampf der Teva-Standorte nach Aussage des Deutschlandgeschäftsführers Christoph Schaller gerade wegen dieser Expertise vor Ort zustande. Teva setzt also voll auf Biosimilars und nimmt dabei die großen Indikationen sowie den (ehemaligen) Blockbusterbereich der Originalwirkstoffe ins Visier. Umso deutlicher auch das Knurren der Verantwortlichen, ob sich die als Langfristinvestition angelegte Gebäudeerweiterung mit dem schönen Namen „Genesis“ auch lohnen wird, wenn aus dem Gesundheitssystem und den politisch verantwortlichen Gremien der Ruf nach einer „automatischen Substitution“ ertönt. Dieser Terminus könnte bedeuten, dass beim Wechsel von Original zu Biosimilar allein der Apotheker und dieser allein nach dem Preis entscheiden dürfte (bzw. von den Kassen gedrängt wird, das billigste Präparat zu nehmen), worüber Verbände wie auch die hiesige Produktionsindustrie nicht allzu glücklich sind; sie malen gar das Bild eines „Schusses ins eigene Knie“ an die Wand. Gerade die in Coronazeiten evident gewordene Systemrelevanz einer lokalen Produktion würde man über das reine Preisargument leichtfertig hingeben und mutwillig den günstigeren Asiaten überlassen, so das Klagelied – wenn nicht noch weitere Kriterien wie ebendiese Systemrelevanz, Versorgungssicherheit oder schlicht die „bessere deutsche Ingenieurskunst“ für diese Auswahl als ausschlaggebend hinzugenommen werden könnten. Das Verfahren hierzu ist noch offen, betrifft jedoch so konkret nur den Bereich der Biosimilars.

Innovative Biopharmazeutika als Kernkompetenz

Und dann ist da noch ein kontinuierlich wachsender Mittelständler in Laupheim, der die Fermenterregion komplettiert: Rentschler Biopharma SE, ein führendes Dienstleistungsunternehmen für die Entwicklung und Produktion von Biopharmazeutika (CDMO). Dabei haben die Laupheimer höchst flexibel ihre über viele Jahre und über 300 Projekte hinweg gewachsene Proteinproduktionsexpertise herangezogen, als aus heiterem Himmel die Anfragen nach Kapazitäten für einen mRNA-Impfstoff aus Mainz und Tübingen eintrafen. Da es hierbei um einen bestimmten Prozessschritt für BioNTech ging – die Aufreinigung der synthetisierten mRNA –, waren die verfügbaren Gerätschaften mit schnellen Anpassungen tatsächlich dafür verwendbar und Rentschler Biopharma in Windeseile ein wichtiges Mosaiksteinchen in dem über das ganze Land verteilten Herstellungsnetzwerk dieses Impfstoffs. Für CureVac ist Rentschler Biopharma Teil eines integrierten europäischen Netzwerks zur Impfstoffherstellung mit mehreren Dienstleistungspartnern und übernimmt am Standort Laupheim die Herstellung, Aufreinigung und Formulierung des Vakzins (siehe unten).

Rentschler Biopharma ist insofern einen genaueren Blick wert, da die im Jahr 2018 entwickelte „Strategie 2025“ die mRNA-Produktion – auch in Teilen – nach eingehender Analyse zwar als durchaus passend und interessant eingestuft, jedoch seinerzeit nicht als höchste strategische Priorität in die eigenen Planungen aufgenommen hatte. Erfrischend ehrlich und unumwunden äußert sich hierzu in einem Gespräch Dr. Patrick Meyer, Senior Director Business Development bei Rentschler Biopharma: „In unserer Strategie wollten wir neben Antikörpern und unserer Protein-Kernkompetenz die sich schnell entwickelnden neuen Biotechnologiefelder stärker integrieren. Wir haben uns damals für die Zell- und Gentherapie entschieden und mRNA für einen späteren Zeitpunkt als relevanter angesehen.“ Er betonte, dass in den Gesprächen mit BioNTech und ­CureVac dann bedeutend wesentlicher war, dass Rentschler Biopharma flexibel und pragmatisch – sowie in hohem Tempo – auf die neuen Anforderungen reagieren konnte, und dabei die langjährige Erfahrung mit cGMP-­Standards hervorragend zum Tragen gekommen seien.

Auch eine andere strategische Leitlinie des Unternehmens mag beim Thema Impfstoffproduktion nicht wirklich zugetroffen haben: Rentschler ­Biopharma will sich bewusst von der Produktion in großvolumigen Bioreaktoren für Blockbusterindikationen fernhalten – und landete doch bei der weltweiten Pandemie … Dr. Meyer stellt aber klar, dass der Aufreinigungsschritt der mRNA aus Mainz mit den in Laupheim verfügbaren Kapazitäten sehr gut abgebildet werden könne.

Zell- und Gentherapie mit 1.000 Projekten weltweit

Wird Rentschler Biopharma nun eine mRNA-Firma und die gesamte „Strategie 2025“ zur Seite gelegt? Ganz im Gegenteil forcieren die Laupheimer sogar die auf mehreren Säulen gebaute Strategie und gerade auch den neuen Schwerpunkt Zell- und Gentherapieherstellung massiv: Im Februar 2021 gab das Unternehmen nämlich die Gründung eines Kompetenzzentrums für Zell- und Gentherapie im britischen Stevenage bekannt. Mit der neuen britischen Tochtergesellschaft Rentschler ATMP Ltd. werden Kapazitäten zur Entwicklung und Herstellung von neuartigen Therapien geschaffen (Advanced Therapy Medicinal Products, ATMPs). Die Ansiedlung von Rentschler ATMP Ltd. erfolgt in einer bereits bestehenden Anlage, die von Cell and Gene Therapy Catapult (CGT Catapult) geführt wird und deren besonderes Modell der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen fortführt. In den kommenden fünf Jahren plant Rentschler Biopharma an diesem neuen Standort signifikante Investitionen in eine hochmoderne Produktion von viralen Vektoren für die klinische Versorgung. Dr. Frank Mathias, CEO von Rentschler Biopharma, anlässlich dieser Expansion: „Derzeit befinden sich mehr als 1.000 Zell- und Gentherapien in der klinischen Entwicklung. Damit steigt der Bedarf an Kapazitäten und ergänzenden Dienstleistungen ständig. Durch die Nutzung unseres spezifischen Know-hows in der Prozessentwicklung und Herstellung komplexer Moleküle mit höchster Qualität und innerhalb anspruchsvoller Zeitrahmen ist Rentschler Biopharma ideal aufgestellt, dieses Wissen auf den Bereich der viralen Vektorproduktion für neue Modalitäten anzuwenden. Wir haben uns gründlich darauf vorbereitet, den Schritt in dieses wachsende Gebiet innerhalb der Biopharmazeutika zu gehen. Er passt hervorragend zu unseren strategischen Plänen, international zu expandieren und die Nähe zu unseren Kunden und wichtigen Clustern der biopharmazeu­tischen Industrie sicherzustellen.“

Weitere internationale Expansion: neue Kompetenzfelder und Nähe zum Kunden

Dr. Mathias beschreibt dabei auch weitere Leitplanken des strategischen Fahrplans von Rentschler Biopharma. So führen die internationalen Expansionspläne einmal in eine technologische Erweiterung wie nun in UK; jedoch wünschen sich auch gerade die Kunden aus den USA mehr ‚Nähe‘ zur Expertise der Laupheimer, die diese mittlerweile entlang der biopharmazeutischen Wertschöpfungskette in einem eigenen strategischen Allianznetzwerk mit den Unternehmen Leukocare (Martinsried) sowie Vetter (Ravensburg) ebenfalls strategisch erweitert haben. Dann war der Schritt über den großen Teich auch keine Überraschung mehr, den das Familienunternehmen Ende 2019 mit der Gründung des Standorts in Milford, MA, USA, im Großraum Boston vollzogen hat. Die dortige Anlage ist im ersten Schritt rings um die Kernkompetenz umgerüstet und erweitert worden. Im August hat das Unternehmen den Grundstein für die neue Produktionsstätte „Rentschler Biopharma Manufacturing Center US“ gelegt. Der Schwerpunkt der Multiproduktanlage liegt auf der kommerziellen Produktion komplexer Biopharmazeutika.

Warum ist dieser Bereich überhaupt von solcher Relevanz für diese Art von Medikamenten? Das ist darauf zurückzuführen, dass diese innovativen und effektiven Biopharmazeutika auch immer komplexer werden, was neue Herausforderungen sowohl in der Prozess- als auch der Formulierungsentwicklung mit sich bringt. Rentschler Biopharma und Leukocare können viele dieser Anforderungen durch Innovation, hochmoderne Technologien und das umfangreiche Know-how ihrer Teams lösen. So zielen die Formulierungsentwicklungsprojekte innerhalb der Allianz auf Anpassungen von pharmazeutischen Hilfsstoffen und die Entwicklung von neuen Formulierungen für eine verbesserte Stabilität ab oder sie ermöglichen eine längere Lagerung bei Raumtemperatur. Häufig kann für die Kunden ein zusätzlicher Nutzen, wie z.B. eine höhere Produktausbeute, geschaffen werden, indem die Entwicklung von Produktformulierungen gleichzeitig mit der Entwicklung von Aufreinigungsschritten im Herstellungsprozess vorgenommen wird. Das Zusammenspiel von Prozessentwicklung und Produktion sowie einer best-in-class Formulierung belegt auch, dass die 2017 eingegangene strategische Partnerschaft von Rentschler Biopharma und Leukocare ihren Kunden eine wertvolle und ganzheitliche Projektumsetzung entlang der biopharmazeutischen Wertschöpfungskette bietet.

Ingenieurkernland Schwäbische Alb bestens positioniert für Biotechnologie

Bei aller internationalen Expansion des heimischen Mittelständlers bleibt der Hauptstandort Laupheim weiter das ­Zentrum, wie auch Dr. Meyer nicht müde wird zu unterstreichen. „Wir bauen auch hier aus, in Räumlichkeiten, aber auch in Personal.“ Aktuell baut das Unternehmen einen neuen 2.000-Liter-Bioreaktor in Laupheim speziell für die Produktion von neuartigen Antikörpertherapien oder für andere Wirkstoffe gegen schwere oder seltene Krankheiten aus. Das Unternehmen ist auf rund 1.100 Mitarbeitende angewachsen und sieht die benachbarten Produktionsstandorte anderer Unternehmen in Bezug auf die Fachkräftediskussion durchaus als Herausforderung; zugleich sei die Region immer stärker auch international ein Begriff für Hochqualifizierte, die im Segment Biopharmazeutika eine Berufsperspektive suchen. Rentschler Biopharma selbst unternehme gezielt eigene Anstrengungen in ganz Europa und darüber hinaus, um gut ausgebildete Mitarbeitende zu werben – und meist habe sich der Name Rentschler Biopharma bereits herumgesprochen.

Ein Universum der Herstellung

Die Aufzählung der deutschen, ebenfalls meist mittelständischen Unternehmen des gesamten Herstellungsuniversums der mRNA-Impfstoffe (etwa auch von Merck, deren Lipid-Fertigungsverfahren für das Drug Delivery elementar sind) bis hin zur Kühlkettenlogistik (etwa va-Q-tec) über die Glasfläschchen (z.B. Gerresheimer) und noch zur Qualitätskontrolle ihrer korrekten Befüllung mittels Fotozellen (etwa VITRONIC) und vieler weiterer Schritte würde eine eigene Darstellung verdienen und eine stattliche Liste an Hidden Champions im deutschen Mittelstand ergeben.

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