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Was war Ihrer Meinung nach der am häufigsten gehörte Satz in den letzten Monaten? Ich habe dazu keine empirischen Daten, die einer Überprüfung standhielten, aber mein Tipp wäre: „You are on mute!“

Im Feuilleton finden sich Betrachtungen darüber, wie sich die Dynamiken eines typischen Meetings durch Videokonferenzen geändert haben – und manchmal befördert Stille ja Reflexion. In diesem Sinne: Nach einigen Monaten des Lernens und des Krisenmanagements sind wir jetzt in einer Phase, die es erlaubt, ein paar analytische Betrachtungen zu den vergangenen Monaten anzustellen und die entsprechenden Schlussfolgerungen für uns und unsere Branche zu ziehen.

Interdisziplinärer und gesellschaftlicher Erkenntnisgewinn

Die größte Veränderung im Vergleich zu Anfang März dieses Jahres ist wohl, dass das gewachsene Verständnis von SARS-CoV2 und der Krankheit COVID-19 inzwischen ein differenzierteres Management des Infektionsgeschehens ermöglicht – und ein erneuter Lockdown, den wir im strengen Sinne in Deutschland ja nie hatten, hoffentlich vermieden werden kann. Das öffentliche Gesundheitswesen ist besser vorbereitet, kann schnell, lokal und ausgewogen reagieren. Wir alle – oder jedenfalls die meisten von uns – haben gelernt, mit den neuen Regeln umzugehen, und wir haben festgestellt, dass die Welt und das Wirtschaftsleben doch ziemlich agil auf die zu lösenden ­Probleme reagiert haben. Der eine oder andere Rollkoffer setzt eventuell schon Rost an, derweil sein/e Besitzer*in eilig die nächste Videokonferenz anwählt. Gesellschaftliche Verwerfungen sind sichtbar geworden, z.B. Defizite in der Digitalisierung, nicht nur in den Schulen. Wenn bessere Sichtbarkeit zu höherer Lösungsbereitschaft führt, ist das erstmal kein Nachteil.

Neuer Fokus

Pharmaunternehmen, die Biotechbranche und alle anderen Firmen, die im globalen Gesundheitswesen eine Rolle spielen, haben festgestellt, dass die Abkehr von der Forschung und Entwicklung von Medikamenten zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten – und die Konzentration auf die Entwicklung von Wirkstoffen im Bereich nicht-übertragbarer Krankheiten – einer Umsteuerung bedarf. Dies ist eine Diskussion, die sich mit den herrschenden ökonomischen Zwängen bzw. der Regulatorik in diesem Bereich auseinandersetzen muss. Dass wir in Europa – und speziell in Deutschland – hier noch vergleichsweise gut aufgestellt sind, konnten wir in den letzten Monaten ebenfalls erleben. Zum ersten Mal hat sich der Staat mit mehreren Hundert Mio. EUR direkt an einem Biotechunternehmen beteiligt. Es steht zu hoffen, dass die industrie­politische Bedeutung, die der Bundeswirtschaftsminister in diesem Zusammenhang der Biotechnologie zuerkannt hat, keine einmalige Angelegenheit bleibt. Eine deutliche und langfristige Unterstützung der öffentlichen Hand, nicht nur von Grundlagen, sondern eben auch der angewandten Forschung, würde dem Biotechstandort Deutschland zweifellos ausgesprochen guttun!

Ruhig bleiben, weitermachen

Der Branchendienst CB Insights vermeldet in seinem neuesten Healthcare Report für das zweite Quartal 2020 einen weltweit kometenhaften Anstieg von Finanzierungen im Bereich Healthcare. Digitale Gesundheitslösungen, Telehealth und künstliche Intelligenz stechen hier besonders heraus – das ist keine Überraschung. Laut PitchBook hat sich das Fundraising von Venture-Capital-Finanzierern trotz der Lockdowns sowohl in Europa als auch in den USA positiv entwickelt, die Dealaktivität ebenso. Dem kann ich nur zustimmen. Wir konnten kürzlich unseren neuen Fonds, den TVM Life Science Innovation II, mit einem Volumen von nahezu 0,5 Mrd. USD schließen, der in Europa sowie Nordamerika in einzelne Therapeutika kurz vor der klinischen Erprobung sowie ausgewählte spätphasige Biotech-, Diagnostik- und Medizintechnikunternehmen investiert. Erste Beteiligungen in Emovi, Acanthas Pharma und Ocellaris Pharma sind bereits getätigt und zahlreiche weitere in der tiefer gehenden Prüfung.

Über den Autor

Dr. Sascha Berger

Dr. Sascha Berger ist Partner bei TVM Capital Life Science, einem der Pioniere für innovative Venture-Capital-Finanzierungen für Biotechnologie, Medtech, Diagnostik und Digital Health, mit Standorten in München und Montreal. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Dealflow, Due Diligence und Transaction Management. Er verfügt über umfangreiche M&A-, Strategie- und Transaktionserfahrung. Dr. Berger studierte Technologiemanagement in München, Singapur und Boston, hält einen Diplomtitel der Technischen Universität München sowie einen Doktortitel in Banking & Finance und ist ein engagierter Triathlet.