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Vor fast genau einem Jahr, am 27. Dezember 2020, war der offizielle Start der Impfkampagne gegen das Corona-Virus in Deutschland. Heute, zwölf Monate später, ist der Spuk noch nicht vorbei. Im Gegenteil, nach der Booster-Impfung empfehlen Experten nun gar eine vierte Impfung im nächsten Jahr – Omikron macht’s notwendig. So tragisch der Hintergrund auch ist, die deutsche Biotechnologie hat von Corona profitiert. Aber hatte sie das überhaupt nötig?

 

Ohne Zweifel hat die Pandemie die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Politik auf die deutsche Biotechnologie erhöht. Dabei war und ist die Entwicklung von Wirkstoffen gegen Covid-19 nur ein Teil der Biotechnologie. Die Hoffnung aus 2020, die Menschen rasch mit einem rettenden Impfstoff gegen das um sich greifende Virus zu versorgen, erfüllte sich schnell. Deutsche Biotech-Unternehmen agierten wegweisend in der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Stellvertretend dafür steht die Erfolgsstory der Mainzer Biontech SE. Aus der Schmiede „An der Goldgrube“ stammt der erste von der EMA zugelassene Impfstoff gegen Covid-19. Biontech steht dabei stellvertretend auch für die Erfolgsgeschichte der mRNA-Technologie. Die Technologie selbst war nicht neu, schon seit rund 30 Jahren finden entsprechende Forschungen statt. Allein, die Technologie ist teuer und in der Vergangenheit waren kaum ausreichend Investoren bereit, auf dieses vielversprechende Pferd zu setzen.

Gefüllte Pipelines

Doch die Pandemie machte einmal mehr die Notwendigkeit deutlich, Innovationen voranzutreiben und notwendige bzw. kostenintensive Risiken einzugehen. „Mutig ist, wer mit der Angst tanzt“ – im Falle Biontech hat sich das Risiko ausgezahlt. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn nach Aussagen des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) ist das Mainzer Unternehmen in diesem Jahr für die Erwirtschaftung eines halben Prozents des Brutto-Inlandsprodukts (BIP) verantwortlich. Einen derartigen Fall hat es in der deutschen Wirtschaftsgeschichte dem Vernehmen nach noch nicht gegeben.

Angesichts der medialen Aufmerksamkeit mag es beinahe verwundern, dass die Entwicklung von (Corona-)Impfstoffen nur eine von vielen Rollen den Entwicklungs-Pipelines deutscher Biotechs spielt. Laut diesjährigem vfa-Biotech-Report befanden sich 2021 insgesamt 286 biopharmazeutische Wirkstoffe gegen Onkologie in der klinischen Entwicklung (Phase 1 bis Phase 3). Auf dem zweiten Platz folgten Wirkstoffe gegen Infektionen (120), auf dem dritten Platz schließlich Immunologie-Wirkstoffe (99). Die restlichen Wirkstoffe verteilen sich im Wesentlichen auf die Bereiche Stoffwechsel, Zentrales Nervensystem (ZNS), Hämatologie, Sinnesorgane, Atemwege und andere Segmente. Gemessen an der Wirkstoffart dominiert die Entwicklung von Antikörpern (429 in der klinischen Entwicklung), gefolgt von Impfstoffen (111).

Deutsche Biotechs attraktiv für Finanzierungen

Dass nach dem Rekordjahr 2020 die Finanzierungen in der deutschen Biotechnologie sich im ablaufenden Jahr nicht auf einem ähnlich hohen Niveau festigen würden, war vielleicht absehbar. Der Branchenverband BIO Deutschland meldet aktuell rund 700 Mio. EUR, die sowohl als Venture-Kapital als auch über Kapitalerhöhungen über die Börse bislang eingenommen wurden.

Einige Finanzierungsrunden sorgten für Aufsehen: Erst vor wenigen Tagen vermeldete das Wuppertaler Unternehmen Emergence Therapeutics den Abschluss einer Rekord-Serie-A-Finanzierung über 87 Mio. EUR. Emergence entwickelt Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADC) gegen Krebs. Zwar konnte Biontech im Jahr 2018 rund 270 Mio. USD im Rahmen einer Serie A-Finanzierung einnehmen, diese war jedoch stark US-getrieben (was ihre Bedeutung für Unternehmen und Branche in keinem Fall schmälert). Das Berliner Start-up T-Knife hat im August eine Serie B-Finanzierung über 110 Mio. USD abgeschlossennach einer 66 Mio.-EUR-schweren Serie A-Finanzierung im vergangenen Jahr. Und Abalos Therapeutics aus Düsseldorf konnte im Oktober den Abschluss einer erweiterten Serie A-Finanzierung über 43 Mio. EUR vermelden.

Indes, solche Zahlen beruhen nicht auf einem etwaigen Covid-Effekt. Denn es ist weiterhin sehr viel Geld im Markt, weswegen die Finanzierungsrunden auch in Deutschland signifikant größer geworden sind. Aktuell gibt es kaum eine Series B-Finanzierung, die kleiner als 50 Mio. USD ist. Die Dynamik bei Syndizierung und Abschluss ist enorm. Die Rolle des Lead-Investors wird dabei immer wichtiger. Auch US-Venture Fonds suchen systematisch und zielstrebig nach Investitionsmöglichkeiten. Crossover-Runden laufen häufig mit aktiver Beteiligung von US-Venture-Fonds. In der Folge werden auch US-Pharma-Konzerne aufmerksam auf deutsche Investitionsziele, weil sie mit den Venture-Fonds konkurrieren wollen und müssen.

Doch zweifellos sind positive Finanzierungsmeldungen auch ein Beleg für die Qualität deutscher Biotech-Unternehmen. Denn diese stellen sich immer professioneller auf, wenn es um die Ansprache potenzieller Investoren geht. Nicht jeder Professor ist automatisch ein guter CEO. Investoren wollen Unternehmer, die ihre Geschichte gut präsentieren können. Und ein gutes Management weiß das.

Auch auf Investorenseite schreitet die Spezialisierung weiter voran. Investoren betreiben inzwischen ein regelrechtes Ausgründungs-Scouting bei Pharma-Firmen und Forschungseinrichtungen, so dass ganz konkret ein Screening nach klinischen Programmen erfolgt. Das klassische Vorgehen, dass man auf eine Ausgründung wartet, in die man dann vielleicht investieren kann, wird seltener. So gelangen Kapitalgeber, auch Private-Equity-Fonds drängen vermehrt in die Life Sciences, frühzeitig in eine günstige Position, um gezielt in die richtigen Targets zu investieren. Investoren informieren sich pro-aktiv über die klinischen Programme der Biotech- und Pharmafirmen und deren Erfolgschancen.

Bedeutung der Bioökonomie wächst

Erfreulich ist auch die Entwicklung der Bioökonomie. Lange Zeit stand die industrielle Biotechnologie eher im Schatten ihrer medizinisch orientierten „roten“ Schwester. Doch diese Zeit scheint nun vorbei zu sein. In Zeiten knapper werdender Ressourcen und des Klimawandels führt nun mal kein Weg mehr vorbei an der biobasierten Wirtschaft, um die hochgesteckten Klimaziele zu erreichen. Die Nutzung nachwachsender Rohstoffe und damit der Verzicht auf fossile Brennstoffe fördert die Bedeutung der Biotechnologie. Eine moderne Wirtshaft von morgen ist ohne eine Biologisierung ebenjener nicht mehr vorstellbar.

Eine Herausforderung bleibt noch die Ausstattung innovativer Start-ups aus diesem Segment mit Risikokapital. Noch haben sich zu wenige Venture-Fonds auf die Bioökonomie spezialisiert. Allerdings schauen auch Fonds aus artverwandten Bereichen auf diese „neue“ Technologie. Und der European Circular Bioeconomy Fund leistet mehr als nur wertvolle Pionierarbeit.

Trotzdem verdient auch die Bioökonomie ein Mehr an Aufmerksamkeit. In Deutschland aber auch ein heikles, weil der Genomeditierung nicht weit entferntes Thema. Während hierzulande noch ethische Fragen aufgeworfen und die Weiterentwicklung damit verhindert wird, sind andere Länder schon weiter.

Fazit

Ein ereignisreiches Jahr geht zu Ende. Die pandemische Lage kann sich in 2022 entspannen – ob sie es tatsächlich wird, bleibt abzuwarten. Neben Corona bleiben Klimawandel und Digitalisierung wichtige Herausforderungen für die Zukunft. Bei den beiden erstgenannten Themen spielt die Biotechnologie heute und in Zukunft eine wichtige Rolle. Von der Digitalisierung kann die Biotechnologie nur profitieren. Und mit ihr wir alle. Wissenschaftler sind weiterhin ermuntert, ihre innovativen Ideen in marktfähige Produkte und Technologien umzusetzen. Investoren sind eingeladen, diese Ideen tatkräftig zu unterstützen. Und Politiker sind einmal mehr aufgefordert, all diesen Vorgängen einen unterstützenden Rahmen zur Seite zu stellen (Stichwort: „Biotechnologieagenda“). Wir werden sehen!

Über den Autor / die Autoren

Holger Garbs ist seit 2008 als Redakteur für die GoingPublic Media AG tätig. Er schreibt für die Plattform Life Sciences und die Unternehmeredition.