Bildnachweis: BVIZ e.V. Michel Buchmann, BioPark Regensburg GmbH.
Als Dr. Thomas Diefenthal 1999 nach Regensburg kam, sollte er ein Gründerzentrum für Biotechnologie aufbauen. Fast drei Jahrzehnte später stehen dort drei Gebäude; aus 23 Life-Science-Unternehmen in der Region sind 66 geworden. Nun geht Diefenthal. Was bleibt von fast 30 Jahren, in denen er den Biotechnologie-Standort Regensburg mitgeprägt hat? Von Urs Moesenfechtel

Als wir Dr. Thomas Diefenthal zum Gespräch treffen, ist er gedanklich schon in Singapur. Dort steht das Asia Bio Partnering Forum an, der BioPark Regensburg betreut im Auftrag von Bayern International den bayerischen Gemeinschaftsstand mit. Wenig später spricht er über die Frage, wie viel Laborfläche ein Standort vorhalten muss, damit Unternehmen wachsen und neue hinzukommen können. Kurz darauf wechselt er zum Thema Konkurrenz der Life-Sciences-Entwicklungen im asiatisch-pazifischen Raum.
Dabei sollte es bei dem Gespräch eigentlich um einen Rückblick auf sein Wirken als Geschäftsführer in Regensburg gehen. Was hat ihn angetrieben? Was geprägt? Was bleibt ihm in Erinnerung
Eine beachtliche Bilanz
Als Diefenthal 1999 Geschäftsführer des BioParks wurde, standen in der BioRegio Regensburg 23 Life-Science-Unternehmen mit rund 400 Beschäftigten am Anfang der Entwicklung. 2025 waren es 72 Unternehmen mit 5.745 Beschäftigten. Auf dem Universitätscampus stehen heute drei BioPark-Gebäude mit insgesamt 18.000 m² Fläche. In den ersten 25 Jahren wurden nach Angaben des BioParks 71 Gründerteams begleitet und 29 Unternehmen aus dem In- und Ausland zeitweise im BioPark angesiedelt. Die Unternehmen des Clusters investierten demnach bis 2024 insgesamt 839 Mio. Euro.
Beeindruckende Zahlen. Eine beachtliche Bilanz. Stoff für Geschichten über prägende Momente und Begegnungen gäbe es genug. Doch Diefenthal kommt immer wieder auf Quadratmeterzahlen und Auslastungsquoten, auf Fördervolumen und Investitionssummen zu sprechen. Selbst als wir ihn ausdrücklich nach einer „menschlich-persönlichen Geschichte“ aus diesen Jahren fragen, sagt er nur trocken: „Erklär du mal einem Stadtrat, was Life Science ist, was Biotechnologie ist, und versuch ihm mal zu erzählen, dass du quasi mit dem auch Geld verdienen kannst.“ Es ist eine Antwort, die viel über Diefenthal erzählt – nur anders, als die Frage es nahelegte.
Er verdichtet die fast drei Jahrzehnte nicht auf zwei, drei große Geschichten, verweilt nicht lange bei einzelnen Erfolgen. Er spricht über Strukturen und Bedingungen, über Probleme und Lösungen.

Sechs Mal fünf Jahre
Fast 30 Jahre zerfallen bei Diefenthal in Etappen. Fünf Jahre laufen prinzipiell alle kommunalen Geschäftsführerverträge in Regensburg. Dann wird bilanziert, analysiert, neu geplant. SWOT-Analysen, Berater, neue Ziele. „Wo liegt Potential? Was war bis jetzt gut? Was kann ich noch ändern? Wo kann ich Leute begeistern?“ Sechs Mal fünf Jahre. Die Befristung beschreibt
Diefenthal nicht als Einschränkung. „Sie gab mir die Freiheit, mir ein Projekt zu überlegen, wie wir weiter erfolgreich unterwegs sein können oder nach Job-Alternativen Ausschau zu halten.“
Angebote gab es regelmäßig, aber in Regensburg sei ein sehr persönliches Netzwerk entstanden, das „nicht mit Geld aufzuwiegen“ sei. Und immer wieder gab es eine neue Aufgabe. Schon das ursprüngliche Konzept musste korrigiert werden. Junge Biotech-Firmen sollten im BioPark starten, wachsen und irgendwann auf den freien Immobilienmarkt wechseln. „Das war ein bisschen naiv, sage ich jetzt mal.“ Die Firmen wuchsen, geeignete Labore außerhalb des BioParks gab es kaum. BioPark I war 2002 vollständig vermietet. 2006 folgte BioPark II, 2011 BioPark III. Aus einem Gebäude wurden drei, aus 6.000 wurden 18.000 m².
Was trägt?
Planen, prüfen, korrigieren. Irgendwann fällt im Gespräch dafür ein überraschendes Wort. Diefenthal überlegt kurz. „Ich glaube, das Wort heißt Gestaltungsfreiheit.“ Freiheit kennt der Genetiker zunächst aus der Wissenschaft, als „Freiheit der Forschung“. In der Industrie kommt eine andere Erfahrung hinzu: Irgendwann muss aus einer Idee etwas werden, das wirtschaftlich trägt „Irgendwo musst du Geld verdienen.“ Als Mitgründer der Maltagen Forschungs GmbH erlebt Diefenthal selbst, dass wissenschaftlich möglich noch lange nicht wirtschaftlich oder gesellschaftlich durchsetzbar bedeutet.
Daraus hat er eine klare Formel gemacht. „Die Ideen musst du laufen lassen, die müssen frei sein“, sagt er über Gründer. Aber irgendwann komme die Frage: „Was trägt nachher?“ Von vielen Ideen bleibe vielleicht eine. „Diesen harten Schnitt musst du irgendwann machen.“ Auch der BioPark musste sich rechnen. Ankermieter brachten verlässliche Einnahmen, die Unterstützung junger Unternehmen und die Clusterarbeit kosteten Geld. Die „schwarze Null“ gehört für Diefenthal deshalb zu den Erfolgen. Positive Ergebnisse, sagt er, hätten einen „gewissen Freiraum“ geschaffen.
Zum Geschäft gehörten auch Insolvenzen. „Das war immer ein Trauerspiel“, sagt Diefenthal. Mieteinnahmen fielen aus, ganze Etagen konnten plötzlich frei werden. Doch wenige Sätze später ist er wieder bei der Analyse: Klinische Studien scheitern, Märkte brechen ein, Unternehmen schließen Standorte. Life Science sei eine Hochrisikobranche. „Das gehört zum Lebenszyklus eines BioParks dazu.“ Das „Trauerspiel“ bekommt bei ihm einen Platz, es wird Teil eines Zyklus.
BIOPARK – FAST DREI JAHRZEHNTE IN ZAHLEN

„Herzblut“
Wärmer wird Diefenthals Sprache, wenn er über Gründer spricht. „Diese ungeschliffenen Diamanten“, nennt er manche, die „wirklich was wollen und auch da ranklotzen“. Und dann fällt doch noch ein persönliches Wort: „Herzblut“. Es gilt der Biotechnologie selbst. Als Unternehmer hat Diefenthal die Proteste gegen grüne Gentechnik erlebt. „Da haben wir gelernt, wie wichtiges ist, die Leute mitzunehmen.“ Bis heute erklärt er Biotechnologie vor Senioren, Rotarys oder Schulklassen, beginnt mit Bier, Käse und Insulin. Was ist Biotechnologie? Wo begegnet sie uns längst? „Ich glaube, das wissen wenige, wie viel Herzblut und Zeit ich da investiere, dieses Thema in die Öffentlichkeit zu bringen.“
Vielleicht ist die Antwort auf die „persönliche Frage“ damit längst gefallen, nur nie als solche. Dem Stadtrat Life Science erklären. Schülern Gentechnik. Gründern Raum geben und ihnen irgendwann sagen, wenn eine Idee nicht trägt. Diefenthal erzählt von sich, indem er erzählt, was zu tun war. Auch ein eigenes Scheitern wird so zum nächsten Projekt. BioPark IV sollte den Standort erweitern. Weil auf dem Campus kein Platz war, wurden Grundstücke geprüft, potenzielle Mieter und Immobilienexperten eingebunden, Kauf-, Miet- und Leasingmodelle gerechnet. Mit drei Firmen sei man „relativ weit“ gewesen. Das Gebäude kam trotzdem nicht. „Leider nicht realisiert.“ Oder, Diefenthal drastischer: Man sei „nicht zu Potte gekommen“. Geblieben ist das Wissen aus diesem Versuch. BioPark IV kam nicht. Für Diefenthal war die Arbeit daran damit offenbar nicht erledigt.
Noch nicht fertig
Künftig will sich Diefenthal als Director Advisory bei Helix Alpha einbringen. Das Unternehmen ist ein spezialisierter europäischer Immobilien-Investmentmanager und Berater mit Sitz in Hamburg, der sich auf den Bereich Life Sciences konzentriert. Diefenthal soll Standorte und ihre Rahmenbedingungen (Cluster, Hochschulen, Firmen/StartUps, Infrastruktur) beurteilen. Er selbst nennt die Verbindung eine „Symbiose“ aus seinen „leider nicht erfolgreichen BioPark-IV-Aktivitäten“. Und wieder dieses Muster: Eine Idee trägt nicht. Also prüfen, was sich daraus für das Nächste verwenden lässt. Vollzeit will Diefenthal das nicht mehr machen. „Ich werde das bestimmt nicht weit über 70 machen, weil man dann irgendwann einfach nicht mehr up to date ist.“
Am Ende des Gesprächs geht es um ein Wiedersehen beim Finance Day in Leipzig und um die Zugverbindung. Diefenthal ist wieder bei dem, was vor ihm liegt. Nur der Takt wird ein anderer. „Ich habe ja Freizeit“, sagt er. „Ich kann ja dann alles so machen, wie ich das will.“
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.






