GoingPublic: Im vergangenen Jahr sprachen Sie von der „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ zwischen DAX- und MDAX-Berichten und solchen von Unternehmen aus dem SDAX- und TecDAX. Hat sich diese Kluft verringert?

Wünsche: Nach wie vor berichten die Konzerne aus DAX und MDAX im Durchschnitt besser als Unternehmen aus SDAX und TecDAX. Allerdings gibt es in jedem Index einige lobenswerte Ausnahmen. Generell sehen wir in den Geschäftsberichten von 2016 die Entwicklung zu einer neuen „Zwei-Klassen-Gesellschaft“: Die eine Gruppe von Unternehmen nutzt diese Druckwerke nach wie vor als umfassendes Informationsinstrument. Die andere Gruppe von Unternehmen konzentriert sich hingegen ausschließlich darauf, Pflichtangaben zu veröffentlichen. Besonders bei DAX-Unternehmen ist diese Zweiteilung zu beobachten.

GoingPublic: Warum tun sich oft junge Start-up-Firmen schwerer, ihre geschäftliche Entwicklung offen darzustellen?

Baetge: Die Gründe sind sicherlich immer im Einzelfall unterschiedlich. Generell kann man aber sagen, dass gute Berichterstattung einen gewissen Lernprozess voraussetzt. Die wenigsten Unternehmen berichten gleich aus dem Stand heraus überzeugend, was wir seit vielen Jahren bei der Beurteilung der „Neulinge‘ feststellen. Manchmal liegt es auch daran, dass sich ein stark wachsendes Start-up so sehr auf seine Geschäftsentwicklung konzentriert, dass die Berichterstattung eher nebenbei läuft.

GoingPublic: Wie gut wird schon über das Thema Nachhaltigkeit berichtet?

Wünsche: Hier gibt es bei den 2016er Geschäftsberichten einen negativen Trend, der mit der „Corporate Social Responsibility“-Richtlinie und der Umsetzung in deutsches Handelsrecht  zusammenhängt. Leider stellen wir fest, dass Angaben zur Nachhaltigkeit schlichtweg fehlen oder auf separate Nachhaltigkeitsberichte verwiesen wird. In den Geschäftsberichten für 2017 können Unternehmen erstmals ihren Konzernlagebericht um eine so genannte nichtfinanzielle Erklärung erweitern. Alternativ besteht die Möglichkeit, einen eigenen nichtfinanziellen Bericht zu erstellen und im Konzernlagebericht darauf zu verweisen. Dass durch das Erstellen eines separaten Nachhaltigkeitsberichts der Grundgedanke des „Integrated Reporting“ konterkariert wird, ist zu bedauern. Auch künftig sollte das Thema Nachhaltigkeit unbedingt im Geschäftsbericht stehen.

GoingPublic: Was halten Sie von dem zunehmenden Trend, eigene Formen für die Online-Berichterstattung zu entwickeln?

Wünsche: Die Möglichkeiten der Online-Berichterstattung ergänzen den klassischen Geschäftsbericht auf ideale Weise. Viele Unternehmen machen ihren Lesern bereits das Angebot, relevanten Infos zu selektieren und sich so einen individuellen Bericht zu erstellen. Online besteht zudem die Möglichkeit, Themen interaktiv aufzubereiten und auf ganz speziellere Weise an das Unternehmen heranzuführen. Für uns harmonieren Print-Bericht und Online-Darstellung weit mehr als das sie miteinander konkurrieren. Der Geschäftsbericht ist der unverzichtbare Fels in der Brandung. Ihn hat ein Abschlussprüfer begutachtet, was ihn inhaltlich unveränderbar macht. Online stehen hingegen individuelle Ansprache und sehr zeitnahe Infos im Vordergrund. 

GoingPublic: Herr Professor Baetge, Herr Dr. Wünsche, vielen Dank, dass Sie uns wieder Rede und Antwort gestanden haben!

 

Das Interview führte Thomas Müncher

Autor/Autorin

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