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Sie werden verständlicher, anschaulicher, pointierter: die Reden der CEOs auf deutschen Hauptversammlungen. Ein Indikator dafür ist der Preis für Wirtschaftsrhetorik, den der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) vergibt – auch für Reden, an denen wahrscheinlich die KI mitgearbeitet hat. Dennoch raten die Profis zu Vorsicht im Umgang mit dem neuen „Kollegen“. Von Peter Sprong 

Dieser Artikel ist auch im HV Magazin 03/26 erschienen!


Eine Klasse für sich bleibt auch 2026 Tim Höttges von der Telekom. Er läuft in der Bewertung des VRdS deshalb seit Jahren „außer Konkurrenz“. Ausgezeichnet wurden in diesem Jahr außerdem Jochen Hanebeck (Infineon) und Dr. Christian Bruch (Siemens Energy) – der eine für seine rhetorische Leistung, der andere für Auftritt und Inszenierung.

Für sie und viele andere gilt: Bessere Reden gibt es nicht zum Nulltarif. Sie machen Arbeit. Für Rednerinnen und Redner ebenso wie für die Kommunikationsteams in den Unternehmen. Neuerdings aber haben sie dabei digitale Hilfe: KI-Sprachmodelle dürften fast überall zum Einsatz kommen; als Ideenlieferant, Stilberatung oder Produzent betriebswirtschaftlicher Standardsätze. Wer professionell Reden schreibt, wird auf diese Möglichkeiten kaum verzichten – so wenig wie der menschliche Autor dieser Zeilen.

Die Frage aber ist: Was passiert da eigentlich?

Denn Rhetorik beginnt schon lange vor dem Formulieren. Aristoteles und Cicero beschreiben die ersten Produktionsstufen einer Rede als Intellectio und Inventio. Zunächst muss jemand eingrenzen, worum es geht. Dann muss etwas Neues entstehen: ein Gedanke, eine Botschaft, ein Urteil.

Das geht nicht ohne Nachdenken – und das geht nicht ohne Sprache. Nur wer formuliert, denkt. Wer einen Satz präzisiert, präzisiert häufig zugleich sein Argument. Wer nach dem treffenden Begriff sucht, schärft sein Urteil.

Sprache bringt Gedanken hervor

Sprache transportiert Gedanken nicht einfach – sie bringt sie hervor. Deshalb greift künstliche Intelligenz beim Verfassen von Texten tiefer ein, als viele vermuten. Sie begleitet einen Prozess, in dem Gedanken überhaupt erst entstehen. Das ist bequem. Aber was passiert, wenn wir das Argumentieren und Schließen, das Abwägen und Differenzieren bald ebenso verlernen wie das Navigieren nach Straßenkarte oder Sonnenstand?

Wer KI professionell nutzt, muss deshalb erkennen, wann die Maschine Durchschnitt liefert, wann ein Argument plausibel klingt, aber nicht wirklich trägt, oder wann eine elegante Formulierung eine gedankliche Leerstelle verdeckt. Dann beginnt die eigentliche Arbeit: prüfen, verwerfen, verändern, zuspitzen – durchaus wieder im Dialog mit der Maschine.

Genau darin liegt der „menschliche Faktor“, für den der VRdS in diesem Jahr einen Sonderpreis an den CEO der Hannover Rück, Clemens Jungsthöfel, vergeben hat. Es geht um die Fähigkeit, sich von den Wahrscheinlichkeiten der KI nicht die eigene Urteilsfindung ersetzen zu lassen und in Formulierung wie Auftritt eine unverwechselbare rhetorische Persönlichkeit erkennen zu lassen.

Fazit

Auf dem Weg zu einer eigenständigen rhetorischen Persönlichkeit sollte die KI nicht das letzte Wort behalten. Stattdessen bleiben professionelle Redenschreiberinnen und Redenschreiber unverzichtbar. Sie machen sich gemeinsam mit ihren Rednern gute Gedanken – und die waren schon immer die Voraussetzung für gute Reden.

Autor/Autorin

Peter Sprong

Peter Sprong (Jahrgang 1966) ist Journalist, Autor und Ghostwriter. Seit rund 30 Jahren schreibt er (auch) CEO-Reden für Hauptversammlungen. Mit seiner SprongCom GmbH in Köln konzentriert er sich seit 2003 auf das rhetorische Handwerk sowie das Coaching von Rednerinnen und Rednern. Seit September 2022 ist er Präsident des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS).