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Kürzere Versammlungsdauer, weniger Aktionäre im Saal, optimierte Prozesse und neue Einsatzfelder für KI: Unsere Analyse von 200 Hauptversammlungen zeigt, wie sich Ablauf, Teilnahme und Fragenbearbeitung im Jahr 2026 verändern. Von Christof Schwab 

Dieser Beitrag erscheint auch im HV Magazin 03/26!


Nach jeder HV-Saison stellt sich die Frage, welche Entwicklungen nicht nur Einzelfälle waren, sondern einen Trend erkennen lassen. Unsere Analyse der HV-Saison 2026 zeigt ein klares Bild: Die Versammlungen werden kürzer, die physische Teilnahme geht zurück und KI verändert die Vorbereitung  auf Unternehmens- und Aktionärsseite. Grundlage der Analyse ist der Vergleich aller von Computershare durchgeführten Hauptversammlungen mit dem entsprechenden Vorjahreszeitraum.

Versammlungen werden kürzer

Eine Hauptversammlung dauerte 2025 im Durchschnitt mehr als fünf Stunden, 2026 waren es etwas mehr als vier Stunden. Die Spannweite reicht von weniger als einer bis zu mehr als zwölf Stunden. Mehrere Faktoren trugen zur Verkürzung bei.

Weniger frageaktive Aktionäre

Die Zahl der Wortmeldungen ging nur geringfügig zurück, die Zahl der Fragen dagegen um rund 10 %. Besonders frageaktive Privataktionäre besuchten 2026 deutlich weniger Hauptversammlungen als im Vorjahr. Sie stellen je Versammlung häufig mehr als 30 Fragen, gefolgt von Nachfragen, und beeinflussen damit die Dauer erheblich. Ihr verändertes Teilnahmeverhalten dürfte daher einen Teil der geringeren durchschnittlichen Versammlungsdauer erklären. Der Dialog verliert dadurch jedoch nicht generell an Bedeutung. Wie hoch die Fragenlast im Einzelfall ausfällt, hängt weiterhin stark von der jeweiligen Aktionärsstruktur ab.

Straffere Reden, effizientere Backoffices

Neben dem geringeren Fragenaufkommen trugen auch kürzere Redebeiträge sowie optimierte Backoffice-Prozesse und teilweise weniger Pausen zu kürzeren Hauptversammlungen bei.

Gestraffte Vorstandsreden, kompaktere Aufsichtsratsberichte und überarbeitete Versammlungsleitfäden  reduzierten die Dauer, ohne den Informationsgehalt zwangsläufig zu beeinträchtigen.

Die optimierten Backoffice-Prozesse verringerten zudem die Pausendauer um rund 10 %. Mehr als die Hälfte der Unternehmen konnte die Fragen beantworten, ohne die Versammlung dafür gesondert zu unterbrechen.

Verkürzte HV durch KI?

Bei ersten Hauptversammlungen unterstützte KI die Erfassung und Strukturierung von Fragen sowie die Antwortvorbereitung, meist noch im parallelen Testbetrieb. Künftig sind weitere Beschleunigungen möglich.

Auch Aktionäre, insbesondere aktivistische Aktionäre, setzen KI zunehmend zur Vorbereitung ihrer Fragen ein. Bei einer von uns begleiteten Hauptversammlung stellten vier Aktionäre nach unserer Beobachtung mit KI-Unterstützung mehr als 200 Fragen und Nachfragen. Die Versammlung dauerte bis nach 20 Uhr.

KI kann die Bearbeitung beschleunigen, zugleich aber Volumen und Komplexität der Fragen erhöhen. Umso wichtiger werden klare Verantwortlichkeiten, menschliche Prüfung und robuste Freigabeprozesse.

Physische Teilnahme nimmt ab

Bei Präsenzveranstaltungen sank die Zahl der anwesenden Aktionäre um rund 10 %, während die Zahl der elektronisch zugeschalteten Aktionäre bei virtuellen Versammlungen etwa auf Vorjahresniveau blieb.

Wetter, Verkehrsstörungen und regionale Gegebenheiten beeinflussten die physische Teilnahme. Bei Temperaturen von mehr als 30 Grad waren bei den von uns betreuten HVs tendenziell weniger Aktionäre vor Ort. Auch Streiks im öffentlichen Nahverkehr, Schneefall, Glätte oder größere Verkehrsbehinderungen gingen mit niedrigeren Besucherzahlen einher. Die Varianz der Teilnehmerprognosen im Ruhrgebiet war höher als in Städten wie München und Frankfurt.

Reichweite wichtiger als Saalbelegung

Die spannende Frage bleibt, wie man jüngere Aktionäre besser erreicht. Das Interesse an Hauptversammlungen scheint durchaus vorhanden zu sein. Es ergaben sich Konstellationen mit etwas über 500 Aktionären im Saal und über 3.000 Besuchern in der frei zugänglichen Übertragung im Internet. Diese Zuschauer nehmen jedoch nicht formell an der Hauptversammlung teil und können über den Webcast keine Aktionärsrechte ausüben.

Webcasts können zusätzliche Zielgruppen erreichen. Ergänzende Informationen zur formellen Teilnahme können dabei helfen, insbesondere jüngere und digital affine Anleger stärker einzubinden.

Kapitalpräsenz auf Vorjahresniveau

Trotz rückläufiger Besucherzahlen blieb die Kapitalpräsenz mit knapp 75 % nahezu auf Vorjahresniveau. Auch die Zahl der Anmeldungen veränderte sich kaum. Befürchtungen, dass sich kleinere US-Assetmanager seltener an Abstimmungen beteiligen könnten, bestätigten sich in unserer Auswertung nicht. Die Ergebnisse zeigen damit, dass eine geringere Saalbelegung nicht zwangsläufig mit einer niedrigeren Kapitaloder Abstimmungspräsenz einhergeht.

Stellungnahmen, Widersprüche und Anträge

Stellungnahmen von Aktionären wurden bei den untersuchten virtuellen Hauptversammlungen weiterhin kaum genutzt. Eine belastbare Zu- oder Abnahme gegenüber dem Vorjahr lässt sich daher nicht feststellen. Für die Praxis stellt sich damit die Frage, ob diese Funktion bei virtuellen  Versammlungen überhaupt benötigt wird.

Auch die Zahl der Widersprüche ging gegenüber der Vorjahreszeit zurück. Bei etwas mehr als 10 % der  untersuchten Gesellschaften wurde Widerspruch zu Protokoll erklärt. Anträge blieben ebenfalls selten: Weniger als 5 % der Gesellschaften waren davon betroffen. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum blieb ihr Anteil damit nahezu unverändert.

Keine „Aktivisten-Showdowns“

Aktivistische Aktionäre blieben präsent. In einzelnen Fällen wurden von ihnen unterstützte Personen in den Aufsichtsrat gewählt. Zu einer öffentlichkeitswirksamen Eskalation auf einer Hauptversammlung kam es innerhalb unserer Auswertung jedoch nicht.

Besondere Themen

Wie in den Vorjahren standen die Vorstandsvergütung und die Wahlen von Aufsichtsratsmitgliedern im besonderen Fokus. Ansonsten dominierten Fragen dazu, wie Gesellschaften mit geopolitischen Herausforderungen und deren Einfluss auf Lieferketten und Absatzmärkte umgehen. Der Unternehmensfokus der Fragen, speziell im Automobilsektor, nahm zu, während ESG-Fragen leicht rückläufig waren.

Fazit

Hauptversammlungen werden im Durchschnitt kürzer, aber nicht zwangsläufig einfacher. Die physische Teilnahme sinkt, die Kapitalpräsenz bleibt stabil. KI eröffnet Effizienzpotenziale, kann jedoch auch Fragenvolumen und Komplexität erhöhen.

Erfolgreiche Hauptversammlungen erfordern daher ein gut vorbereitetes Backoffice, klare Verantwortlichkeiten und belastbare Freigabeprozesse. Je effizienter der Ablauf wird, desto wichtiger sind Qualität und Flexibilität der Vorbereitung.

Veranstaltungshinweis

Die vollständige Analyse der Hauptversammlungssaison 2026 stellt Computershare beim HV Management Seminar am 9. und 10. Dezember in Frankfurt vor. Weitere Informationen hier. 

Autor/Autorin

Christof Schwab
Director Business Development, Sales & Strategy at  | Website

Christof Schwab ist Director Business Development, Sales & Strategy bei Computershare. Er verantwortet die strategische Geschäftsentwicklung, den Vertrieb und den Ausbau nachhaltiger Kundenbeziehungen.

Christof.schwab@computershare.de