Wie sieht die Hauptversammlung der Zukunft aus? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Diskussionsrunde auf der zweiten Being Public Conference, die Anfang Juni in Frankfurt am Main stattfand. Marc Tüngler von der DSW – Deutsche Schutzvereinigung für Wert­papierbesitz, Rosie Schuster (Techcast) und Klaus Schmidt (ADEUS) diskutierten unter der Moderation von Oliver Vollbrecht die Ansprüche an künftige Hauptversammlungen. Die ist vorzugsweise hybrid und sollte wieder stärker auf ihren Kern fokussiert werden, nämlich als zentraler Ort der Kommunikation mit den Eigentümern der Unternehmen, den Aktionären.


DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler kam in seinem Impulsvortrag zur Zukunft der Hauptversammlung direkt zur Sache: Die Hauptversammlung sollte „entrechtlicht“ werden – und das auch im Kopf. Hauptversammlungen sollten nicht allein aus der Perspektive größtmöglicher Risikovermeidung gedacht werden. Vielmehr plädierte er auf der zweiten Being Public Conference am 2. Juni in Frankfurt am Main, ausgetragen von der Kapitalmarktplattform GoingPublic, dafür, Aktionärsversammlungen wieder stärker als das zu verstehen, was sie im Kern sind: „ein zentraler Ort der Kommunikation mit den Aktionären und damit mit den Eigentümern des Unternehmens“.

BASF-CEO setzt Akzente

In der anschließenden Paneldiskussion unter der Leitung von Oliver Vollbrecht und den Mitdiskutanten Rosie Schuster, Geschäftsführerin von Techcast, und Klaus Schmidt, Geschäftsführer von ADEUS Aktienregister-Service-GmbH, stellte Tüngler fest: „Es geht um Information. Um Dialog. Um Vertrauen. Und um Bindung.“ Dabei sei der Ruf nach dem Gesetzgeber aus seiner Sicht nicht immer der entscheidende oder gar heilsbringende Punkt. Auch wenn in Berlin Anpassungen des Beschlussmängelrechts diskutiert werden, seien schon heute auf Grundlage des bestehenden Aktiengesetzes erhebliche Verbesserungen möglich.

Wie eine Hauptversammlung wertvoll und aktionärsorientiert umgesetzt werden kann, veranschaulichte der DSW-Manager am Beispiel des Chemiekonzerns BASF. CEO Dr. Markus Kamieth habe in seiner HV-Rede „weit über Zahlen und Strategie hinaus klare, persönliche und erinnerungswürdige Akzente gesetzt“. BASF sei dabei nur ein Beispiel von vielen Unternehmen, die auch in diesem Jahr gezeigt haben: ­„Eine Hauptversammlung kann wahrlich mehr sein als nur ein Pflichtprogramm.“

Vorstand hat Einfluss auf Attraktivität der HV

Auch für Schmidt hat der Auftritt des Vorstands wesentlichen Einfluss auf die HV der Zukunft: „Telekom-Chef Timotheus Höttges hat diesbezüglich vorgelegt. Er hat die Aktio­näre in seiner HV-Rede direkt angesprochen, Produkte vorgestellt oder Interviews mit Mitarbeitern geführt, was gut ankam.“ (Siehe auch den Standpunkt auf S. 38.)

Bei der Bewertung der Attraktivität einer Hauptversammlung spielen nach Schmidts Auffassung aber auch die Ausführungen des Aufsichtsratsvorsitzenden eine Rolle. So gebe es heute teilweise weniger Sprechtext, in manchen Fällen werde nur das rechtlich notwendige zu den Formalitäten kommuniziert, Leitfäden seien gekürzt worden.

Mehr Präsenzveranstaltungen, weniger Teilnehmer

Beim Rückblick auf die HV-Saison 2026 stellte Schmidt fest, dass zumindest im DAX 40 wieder mehr Präsenzhauptversammlungen stattgefunden haben. Das dürfte auch an Siemens gelegen haben, die letztes Jahr keine Ermächtigung zur Durchführung von virtuellen Hauptversammlungen bekommen hatten, woraufhin einige Emittenten die Abhaltung einer Präsenz-HV angekündigt hatten.

Darüber hinaus zeigte sich, dass die Teilnehmerzahlen auf Präsenz-HVs rückläufig sind. Schmidt: „Der Höhepunkt der Teilnehmeranwesenheiten scheint überschritten zu sein.“ Während Siemens früher mit seiner Hauptversammlung noch die Olympiahalle in München komplett gefüllt habe, sei das heute nicht mehr möglich.

Und noch ein Aspekt ist ihm aufgefallen: Die Kosten spielen bei der Planung einer HV heutzutage eine wichtige Rolle. Offenbar liege dies daran, dass viele Unternehmen in den Zeiten der virtuellen Haupt­versammlungen gelernt haben, dass die Kosten für Aktionärstreffen deutlich niedriger sein können, wenn keine Saalmiete oder Ausgaben für Sicherheit und Catering anfallen. Ungeachtet dessen hat Schmidt einen ganz persönlichen Wunsch: „Vor ­allem DAX-40-Unternehmen sollten für ­ihre Aktionäre bei Präsenzhauptversammlungen auch in diesen Zeiten ausreichend Catering vorhalten.“

Features und Bedienbarkeit des Aktionärsportals

Mit Blick auf virtuelle Hauptversammlungen beobachtet Schmidt, dass einige Unternehmen ihre HV mittlerweile frei zugänglich im Internet übertragen. Wichtig ist in seinen Augen die Beschaffenheit des Aktionärsportals und damit die Frage, welche Features dieses enthält. Auch die Bedienbarkeit des Portals spiele eine Rolle, wenn man Aktionäre erreichen wolle. Da diese das Portal meist nur einmal im Jahr nutzen, sollte es möglichst selbsterklärend sein. Schmidt: „Da können sie nicht erst eine Bedienungsanleitung lesen.“ Im Übrigen plädiert er dafür, dass Aktionäre auch vom Handy aus an Hauptversammlungen teilnehmen können sollten. Rosie Schuster, Gründerin und Geschäftsführerin des digitalen Eventdienstleisters Techcast, sieht in virtuellen Veranstaltungen und damit auch in digital übertragenen Hauptversammlungen ein „klares strategisches Kommunikationselement“. Dabei werde nach ihrer Beobachtung derzeit „viel ausprobiert“. Ferner stellte sie fest: „Natürlich kennen wir die Kritikpunkte an der virtuellen HV und wissen, was für die Zukunft gefordert wird.“ Dabei gehe es vor allem darum, mehr digitale Nähe und Interaktion herzustellen. Um das zu erreichen, gebe es viele Möglichkeiten, beispielsweise „Break-outs“ für den direkten persönlichen Austausch, Angebote zur Bewertung von Fragen oder individuelle Antworten auf Aktionärsfragen.

Eventcharakter im Wandel

Generell beobachtet Schmidt, dass Hauptversammlungen weniger Eventcharakter haben als früher. „Die HV fokussiert mittlerweile wieder mehr die Bedürfnisse der Aktionäre.“ In dem Punkt geht der ADEUS-Manager konform mit DSW-Mann Tüngler. Dieser argumentiert, die HV sollte weniger „Folklore“ sein, sondern deutlich mehr Bühne und eine Plattform für den fokussierten Investorendialog. Schuster, die auch als Pionierin der digitalen HV gilt, ergänzt und verweist dabei noch einmal auf die Vorteile, die virtuellen Elemente mit einzubinden: „Ein hybrides Format vereint das Beste aus beiden Welten: die Interaktionsmöglichkeiten einer Präsenzveranstaltung mit der Reichweite, Teilhabe und Effizienz einer digitalen Lösung. Es geht darum, ein zukunftsfähiges, nachhaltiges und inklusives Format zu schaffen, das echte Interaktion ermöglicht und eine lebendige Verbindung zwischen Unternehmen und Aktionären herstellt.“ Für sie ist der Abschied von der klassischen Präsenz-HV längst eingeleitet: „Die klassische Präsenz-HV ist ein Relikt vergangener Jahrzehnte. Sie setzt auf physische Anwesenheit, lange Anreisen und oftmals eine hohe organisatorische Hürde für Aktionäre. Eine hybride oder vollständig digitale Hauptversammlung ist nicht nur eine Reaktion auf diese Herausforderungen, sondern auch eine mögliche Weichenstellung für eine zukunftssichere Unternehmenskommunikation.“

Fazit

Die Hauptversammlung der Zukunft findet in einem „hybriden“ Format statt, ist deutlich mehr „Bühne“, inhaltlich mehr Ausblick als Rückblick und wird zum fokussierten ­Investorendialog genutzt. Sie sollte zudem weniger rechtlich aufgeladen sein und ein zentraler Ort des Aktionärswillens bleiben.

Interessiertes Fachpublikum, breites Themenspektrum

Die zweite Being Public Conference, die seit 2025 dem Motto „Börsen­notiz schafft Werte“ jährlich stattfindet und von der Kapitalmarktplattform GoingPublic organisiert wird, stieß mit über 200 Fachbesuchern aus Wirtschaft und Finanzen nicht nur auf reges Interesse, sondern bot neben der Diskussion um die „Hauptversammlung der Zukunft“ auch ein breites Spektrum an Themen. Neben einem Programmteil zu Best Practice am Kapitalmarkt setzten drei Panels rund um den Gang an die Börse die Agenda. Neu war 2026: Im Rahmen des „Scale-up-Lunch“ konnten Unternehmen mit Wachstumsplänen erste Börsenluft schnuppern. Zielgruppe der Konferenz waren insbesondere Vertreter börsennotierter Unternehmen, aber auch von Börsenaspiranten und Unternehmen, die sich für den Kapitalmarkt interessieren. Daneben adressierte die Being Public Conference die gesamte Kapitalmarktcommunity im deutschsprachigen Raum.

Info und Fotos: www.beingpublicconference.de 

Übrigens: Die 3. Being Public Conference findet am 1. Juni 2027 statt!

Autor/Autorin

Thorsten Schüller
Redaktionsleiter HV Magazin at GoingPublic Media AG

Thorsten Schüller ist Wirtschafts- und Finanzjournalist und gehört zum Team der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Hier verantwortet er als Redaktionsleiter das viermal jährlich erscheinende HV Magazin. Darüber hinaus ist er auch als Autor von Analysen und Beiträgen tätig.