Selten war das Umfeld für börsennotierte Unternehmen so herausfordernd wie zur aktuellen Zeit. Handelskonflikte, geopolitische Eskalationen und eine volatile Weltwirtschaft machen verlässliche Prognosen zur echten Herausforderung. Für Unternehmen wird das Erwartungsmanagement gegenüber dem Kapitalmarkt schwieriger, gleichzeitig gewinnt es jedoch umso mehr an Bedeutung. Von Alexander Neblung und Melissa Birkmann
Vor diesem Hintergrund haben Kirchhoff Consult und die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V. (DSW) erneut die Prognoseberichte der DAX 40-Unternehmen analysiert. Die seit 2005 regelmäßig durchgeführte Studie bewertet anhand von 15 Kriterien, wie transparent DAX-Konzerne ihre künftige Geschäftsentwicklung kommunizieren. Grundlage sind die Geschäftsberichte 2025; 38 der 40 DAX-Unternehmen konnten einbezogen werden.
Mehr Spitze, weniger Mitte
Das zentrale Ergebnis: 17 von 38 Unternehmen erreichen eine hohe Prognosequalität, drei mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig stieg die Zahl der Unternehmen mit niedriger Transparenz von einem auf zwei. Die mittlere Kategorie schrumpft entsprechend von 23 auf 19 Unternehmen. Als Best-Practice-Beispiele hebt die Studie die Deutsche Telekom und Fresenius hervor. Neu in der höchsten Kategorie sind RWE, Mercedes-Benz sowie der DAX-Neuling GEA Group.

Diese Entwicklung ist kein Zufall. Unternehmen, die Prognosetransparenz als strategisches Instrument begreifen, investieren aktiv in die Qualität ihrer Zukunftskommunikation und werden dafür belohnt: mit Analystenvertrauen, Investorenstabilität und Reputationsgewinn. Wer hingegen nur das gesetzliche Minimum erfüllt, läuft Gefahr, hinter den Erwartungen des Kapitalmarkts zurückzubleiben. Rechtlich verpflichtet sind Unternehmen lediglich zu qualitativ komparativen Aussagen, also dazu, anzugeben, ob eine Kennzahl steigen, sinken oder stagnieren wird. Zahlen sind gesetzlich nicht gefordert. Vom Kapitalmarkt jedoch schon.
Prognosen zwischen Substanz und Nachholbedarf
Insbesondere Ergebnisprognosen auf Konzern- und Segmentebene besitzen für Investoren eine besonders hohe Relevanz. Entsprechend quantifizieren 35 der 38 untersuchten Unternehmen ihr erwartetes Konzernergebnis. Auf Segmentebene veröffentlichen 22 Konzerne ein quantifiziertes Ergebnis. Aber insbesondere die Transparenz in Bezug auf die mittelfristigen Ziele lässt zu wünschen übrig: Lediglich fünf Unternehmen wagen einen mittelfristigen Ergebnisausblick über das laufende Jahr hinaus.
Eine strukturelle Leerstelle bleibt die Nachhaltigkeitskommunikation. Nur zehn Unternehmen prognostizieren nichtfinanzielle Leistungsindikatoren, obwohl viele DAX-Konzerne öffentlich ambitionierte Klimaziele formuliert haben. Der Prognosebericht ist jedoch der eigentliche Prüfstein: Wer Nachhaltigkeit dort nicht als Steuerungsgröße verankert, signalisiert, ob gewollt oder nicht, dass sie im Unternehmensalltag noch keine gleichwertige Rolle spielt. Mit wachsendem regulatorischen Druck durch die CSRD dürfte sich das mittelfristig ändern. Die Vorreiter, die diesen Schritt bereits gegangen sind, verschaffen sich heute schon einen Glaubwürdigkeitsvorteil bei ESG-orientierten Investoren.
Transparenz ist kein Selbstzweck, sondern eine Investition in die Beziehung zum Kapitalmarkt. Unternehmen, die konsequent mehr kommunizieren als regulatorisch gefordert, schaffen sich einen Vertrauensvorsprung, der besonders dann wirkt, wenn Prognosen angepasst werden müssen. In einem volatilen Umfeld ist das keine Frage des Ob, sondern des Wann. Die Erwartungen der Investoren an Klarheit und Substanz werden in den kommenden Jahren weiter steigen. Wer jetzt in Qualität investiert, kommuniziert dann aus einer Position der Stärke.
Fazit
Die Prognosestudie 2026 zeigt eine DAX-Landschaft im Wandel: mehr Unternehmen mit hoher Prognosequalität, aber zugleich neue Schwachstellen am unteren Ende der Skala und strukturelle Lücken bei Nachhaltigkeitsprognosen und mittelfristigen Ausblicken. Ob sich daraus ein nachhaltiger Trend entwickelt oder die Schere weiter aufgeht, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.




