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Kaum ist der Nachhaltigkeitsbericht endlich fertiggestellt und veröffentlicht, stellen sich viele Unternehmen die Frage: Wer liest sich die mühsam erstellten Inhalte eigentlich durch? Im Erstellungsprozess steht dabei ein bestimmter Adressat häufig unweigerlich im Mittelpunkt: ein Adressat, der den gesamten Bericht von vorn bis hinten liest und alle Zusammenhänge und Verweise im Detail nachvollzieht. Ähnlich wie der Ersteller des Berichts, setzt sich dieser – rein theoretische – Adressat mit dem gesamten Bericht auseinander. Doch schnell wird klar, dass ein solcher fiktiver Stakeholder in der Nachhaltigkeitsberichterstattung kaum existiert. Der realistische Adressat – ob Investor, Analyst oder Ratingagentur – agiert häufig völlig anders und keinesfalls akademisch. Er liest selten den gesamten Bericht, ist verstärkt an einzelnen Themen interessiert, verfügt über einen individuellen Kenntnisstand zur CSRD und bringt nicht ausreichend Zeit mit, alle Zusammenhänge innerhalb eines Berichts nachzuvollziehen.
Für die zweite CSRD-Berichtssaison ist das eine relevante Beobachtung. Die von Kirchhoff Consult durchgeführte Analyse von 202 testierten Nachhaltigkeitserklärungen aus 21 Ländern zeigt, dass die Berichtspraxis reift. Zunehmend passen Unternehmen ihre Berichte an einen realistischen Adressaten an und bauen sie damit weniger für den Wirtschaftsprüfer als für den Kapitalmarkt. Für die Investor-Relations-Praxis ist das durchaus eine gute Nachricht, denn ein Bericht, der für Investoren funktioniert, zahlt auch auf Bewertung und Kapitalmarktdialog ein. Folgende Entwicklungen des zweiten Berichtsjahres zeigen besonders deutlich, wie diese Anpassung in der Praxis aussieht.
Vorangestellte Zusammenfassungen schaffen einen schnellen Einstieg
Ein wachsender Anteil der Unternehmen stellt dem eigentlichen Nachhaltigkeitsbericht nach ESRS eine eigenständige Zusammenfassung voran. Im ersten CSRD-Berichtsjahr war dies noch eine absolute Ausnahme, inzwischen findet sich das Format in 28 Prozent der untersuchten Berichte. Dort werden strategische Schwerpunkte, wesentliche Themen und die zentralen Kennzahlen kompakt dargestellt, bevor der regulatorisch geforderte Teil beginnt.
Für den Kapitalmarkt ist das genau der Einstieg, den der realistische Adressat braucht. Ein Investor oder Analyst kann die Kernbotschaften eines Unternehmens erfassen, ohne sich durch den gesamten Bericht arbeiten zu müssen, und findet trotzdem den Weg zu den Details, die ihn interessieren. Das dänische Unternehmen Ørsted eröffnet seinen Bericht beispielsweise nicht mehr mit den klassischen Allgemeinen Informationen nach ESRS 2, sondern mit einer Darstellung der Wertschöpfungskette, einer Zusammenfassung der Strategie und einem Überblick über die wesentlichen Themen. Was im ersten Berichtsjahr noch eine Ausnahme war, entwickelt sich zur Best Practice.
Wesentlichkeit wird zum Ordnungsprinzip des Berichts
Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse war von Anfang an das Herzstück der CSRD. Im ersten Jahr verstanden die meisten Unternehmen sie allerdings ausschließlich als Auswahlkriterium für Themen. Im zweiten Anwendungsjahr wird das Prinzip weitergedacht: Wesentlichkeit bestimmt zunehmend auch die Kapitelstruktur und den Detailgrad einzelner Abschnitte. Der Bericht folgt damit konsequenter der eigenen Wesentlichkeitslogik und bekommt wieder einen unternehmensindividuelleren Charakter.
Novo Nordisk zeigt diesen Ansatz besonders deutlich. Das Unternehmen unterscheidet explizit zwischen priorisierten und anderen wesentlichen Themen: Priorisierte Themen werden auf fünf bis sechs Seiten ausgearbeitet, andere wesentliche Themen auf ein bis zwei Seiten komprimiert. Relevante Themen sind so klar erkennbar, und der Umfang der Berichterstattung spiegelt unmittelbar die Bedeutung eines Themas wider. Für Investoren, die gezielt nach den kapitalmarktrelevanten Themen suchen, erhöht das die Orientierung erheblich. Dafür nimmt die eigentlich angestrebte Vergleichbarkeit von Nachhaltigkeitsberichten ab. Auch fernab so radikaler Ansätze lässt sich der Trend erkennen, relevante Themen wie Wesentlichkeit und Strategie nach vorne zu stellen und methodische Hinweise, die vom Rahmenwerk gefordert sind, eher am Ende der Kapitel zu verorten.
Was das für die Kapitalmarktpraxis bedeutet
Das zweite Anwendungsjahr der CSRD steht unter dem Motto: Fokus.
Damit greift die Entwicklung der Berichterstattung den regulatorische Simplifizierungsansätzen aus Brüssel voraus. Durch die Überarbeitung der ESRS erhofft sich der Regulator zukünftig eine Nachhaltigkeitsberichterstattung, welche die Besonderheiten eines Unternehmens besser widerspiegeln kann und weniger strikt rein gesetzlichen Anforderungen folgt. Doch die Unternehmen finden bereits mit dem originalen Rahmenwerk Möglichkeiten, den Fokus zu schärfen. Die Vereinfachung, die der Gesetzgeber von außen anstrebt, beginnen die Besten im Markt also bereits von innen. Wer jetzt in Fokus, Struktur und Adressatenorientierung investiert, wird auch mit einem schlankeren Rahmenwerk besser aufgestellt sein und Berichte produzieren, die nicht nur geprüft, sondern tatsächlich gelesen werden. Für die Investor-Relations-Arbeit wird der CSRD-Bericht damit vom regulatorischen Pflichtdokument zu einem Baustein der Equity Story. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob berichtet wird, sondern ob der Bericht dem Kapitalmarkt hilft, ein Unternehmen besser zu verstehen.
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Alle Ergebnisse der Studie „Die CSRD-Berichterstattung im zweiten Jahr: Ein Vergleich“ sind als Whitepaper auf kirchhoff.de abrufbar.





