„Start-ups stehen vor dem Problem, dass sie ihr Produkt auf einen Markt bringen wollen, den sie nur in Teilen verstehen“

5 Fragen an Achim Raschka, Head of the Department “Technology & Markets“, nova-Institut

Bildnachweis: nova-Institut..

Herr Raschka, das Schlagwort der „erneuerbaren Chemie“ ist in aller Munde. Kurz zusammengefasst, was ist eigentlich die erneuerbare Chemie?

Erneuerbare Chemie ist – nach unserem Verständnis – eine chemische Industrie, die auf der Nutzung von erneuerbarem Kohlenstoff als Rohstoff aufbaut, also statt fossiler Ressourcen auf die Nutzung von alternativen Rohstoffen setzt. Das nova-Institut hat im Vergangenen Jahr eine Initiative gestartet, bei der diese Nutzung von erneuerbaren Rohstoffen im Mittelpunkt steht: die „Renewable Carbon Initiative“ (https://renewable-carbon-initiative.com). Dabei definieren wir im Wesentlichen drei Kohlenstoffquelllen als erneuerbar: CO2 aus der Atmosphäre, Biomasse und Kohlenstoff aus der Technosphäre, der sich bereits im Umlauf befindet und mechanisch oder chemisch recycelt und wieder in den Kreislauf gebracht werden kann.

Welche Märkte werden mit der erneuerbaren Chemie adressiert?

De fakto werden alle Märkte adressiert, die auf der organischen Chemie aufbauen. Natürlich steht dabei zuerst einmal die Kunststoff- und Werkstoffindustrie im Mittelpunkt, jedoch gibt es darüber hinaus natürlich auch zahlreiche weitere Sektoren, die aktuell auf fossilem Kohlenstoff aufbauen und in Zukunft zur Nutzung erneuerbarer Kohlenstoffquellen wechseln sollte. Beispiele dafür sind etwa die Hersteller von Lösungsmitteln, Klebstoffen, Lacken und Farben genauso wie die Produzenten von Waschmitteln, Körperpflegeprodukten oder Kosmetika. Die Kunststoffindustrie ist auch nicht nur auf Verpackungen beschränkt, sondern bedient wiederum auch die Automobil- und Bauindustrie. Doch auch Treibstoffe, vor allem Flugtreibstoffe, können in Zukunft auf der Basis von CO2 hergestellt werden. Oder um es zusammenzufassen: Alle Produkte, die heute aus Erdöl hergestellt werden, können und sollten in der Zukunft auf erneuerbaren Rostoffen basieren und im Kreislauf genutzt werden.

Das Thema ist innovativ und erscheint somit attraktiv für Neugründungen und Investitionsmöglichkeiten. Finden potenzielle Investoren also ausreichend Investitionsobjekte?

Unternehmen, die innovativ sein wollen und Produkte auf der Basis von erneuerbaren Rohstoffen herstellen möchten, kommen schnell an die Grenzen. Es gibt zwar viele Unternehmen, die bereits seit Jahrzehnten traditionell etwa Biomasse als Rohstoff einsetzen, etwa die Oleochemie oder die Papier- und Zellstoffindustrie, aber gerade bei den Produkten, die aktuell vornehmlich auf der Basis von Erdöl produziert werden, gibt es bislang nur wenige, die die Basischemikalien liefern können und diese sind den potenziellen Abnehmern häufig nicht bekannt.

Unternehmen haben einen großen Bedarf an Informationen, da sich Entscheidungen direkt auf Technologieentscheidungen, Wettbewerbsfähigkeit und das ökologische Nachhaltigkeitsprofil ihrer Unternehmen und Marken auswirken können.

Wo genau liegen die Risiken bei Investitionen in erneuerbare Chemie? Ein Problem scheint ein Mangel an belastbaren Daten und Marktanalysen zu sein.

Es gibt kaum Daten, um diese neuen und sich entwickelnden Märkte belastbar zu bewerten. Welche Technologien, Chemikalien und Materialien sind bereits verfügbar und in welchem Reifegrad? Wie groß sind die Märkte und der Bedarf? Wie hoch sind die Produktionskosten und Zielpreise und welche Premiumpreise können in welchen Anwendungen und für wie lange erzielt werden? Und schließlich, oft die wichtigste Frage: Wie sieht der Wettbewerb aus, wie viele Unternehmen investieren in den gleichen oder konkurrierenden Märkten? Hier ist spezialisiertes Expertenwissen gefragt. Nur wenige Marktteilnehmer und noch weniger Unternehmen haben den Überblick über die verschiedenen Optionen und brauchen entsprechend Berater wie das nova-Institut, um einen Überblick zu bekommen und spezifische Lösungen für ihre Produkte oder attraktive Investitionsmöglichkeiten zu identifizieren.

Wo liegen für Start-ups die größten Herausforderungen aus unternehmerischer Sicht?

Gerade Start-ups stehen vor dem Problem, dass sie ihr Produkt auf einen Markt bringen wollen, den sie nur in Teilen verstehen. Sie müssen ihre unternehmerischen Entscheidungen auf der Basis des Wissens fällen, das ihnen verfügbar ist, und das Risiko aufgrund von Fehleinschätzungen zu scheitern ist entsprechend groß.

Dabei ist der Markt aktuell stark in Bewegung und bietet auch zahlreiche Chancen: Produzenten von Ethanol aus Biomasse oder CO2-reichen Abgasen sind zusammen mit Kunststoffherstellern und Raffinerien zunehmend an effizienten Wegen der Ethylenproduktion und bestehenden Technologien interessiert, und Hersteller von Biodiesel können mit ein paar Modifikationen auch Bio-Naphtha liefern und damit neue Optionen ermöglichen. Neu entwickelte und spezielle Chemikalien und Polymere wie PEF müssen ihren Weg auf die Märkte finden, und die Unternehmen wollen wissen, wie sich diese in Zukunft entwickeln werden. Hersteller von Werkstoffen, Verpackungsmaterialien und Konsumgütern suchen nach nachhaltigeren Lösungen für ihre Produkte mit gleichen oder besseren Eigenschaften und Unternehmen mit potenziellen Rohstoffen wie Bioabfällen oder CO2-reichen Abgasströmen suchen nach Technologien, um diese aufzuwerten und müssen über verfügbare Technologien, Kosten und potenzielle Märkte Bescheid wissen. Hier gibt es zahlreiche Möglichkeiten, attraktive Wertschöpfungsketten und Unternehmen aufzubauen – aber eben auch etliche Fallstricke.

Über den Autor

Holger Garbs ist seit 2008 als Redakteur für die GoingPublic Media AG tätig. Er schreibt für die Plattform Life Sciences und die Unternehmeredition.