Bildnachweis: Primogene GmbH.

Mit einer Seed-Runde über 4,1 Millionen Euro will Primogene seine enzymatische Plattformtechnologie industriell skalieren. Im Interview spricht COO und Migründerin Linda Karger über Investorenanforderungen, technologische Differenzierung und die Herausforderung, gleichzeitig Produktionskapazitäten, IP und Marktaufbau voranzutreiben. Von Urs Moesenfechtel

Das Leipziger Biotechnologie-Start-up Primogene hat in der vergangenen Woche eine Seed-Finanzierung über 4,1 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wurde die Runde vom High-Tech Gründerfonds (HTGF), beteiligt sind zudem TGFS, better ventures, die Sächsische Beteiligungsgesellschaft (SBG), die Golzern Holding, FS Life Science Investment sowie der c-LEcta (jetzt KERRY Group)-Gründer Dr. Marc Struhalla. Das Unternehmen entwickelt enzymatische Produktionsverfahren für komplexe bioaktive Moleküle, die bislang nur schwer oder mit hohem Kostenaufwand industriell hergestellt werden konnten. Im Fokus stehen dabei insbesondere komplexe Human-Milk-Oligosaccharide (HMOs) wie DSLNT oder LNDFH I, die als klinisch relevante Bestandteile der Muttermilch gelten und bislang nicht am Markt verfügbar sind.

Im Fokus stehen insbesondere Human-Milk-Oligosaccharide (HMOs), also bioaktive Bestandteile der Muttermilch, die unter anderem für Frühgeborene klinisch relevant sind. Primogene verfolgt dabei einen enzymatischen Ansatz als Alternative zu klassischen Fermentationsverfahren. Die Technologie soll die Herstellung komplexer Moleküle nachhaltiger, kosteneffizienter und besser skalierbar machen. Anders als klassische Fermentationsverfahren stößt der enzymatische Ansatz laut Primogene auch bei strukturell komplexeren Molekülen nicht an vergleichbare biologische Grenzen. Neben Anwendungen in der frühkindlichen Ernährung adressiert das Unternehmen auch Märkte wie Pharma-Rohstoffe, funktionelle Inhaltsstoffe sowie Personal Care. Mit dem frischen Kapital will Primogene Produktionskapazitäten in Leipzig ausbauen, strategische Partnerschaften vertiefen und das eigene IP-Portfolio erweitern. Produziert wird künftig im BioCube Leipzig – in ehemaligen Produktionsflächen von c-LEcta –, wo Primogene derzeit seine skalierbare Technikum-Infrastruktur aufbaut.

Über die Finanzierung, technologische Skalierung und die strategische Entwicklung des Unternehmens sprachen wir mit Linda Karger, COO und Mitgründerin von Primogene.

Linda Karger, COO und Mitgründerin von Primogene, absolvierte an der Technische Universität München einen Masterstudiengang in Management and Technology und wurde währenddessen durch ein Unternehmerstipendium von UnternehmerTUM gefördert. Copyright Foto: Primogene GmbH

Frau Karger, mit HTGF, TGFS, SBG, better ventures sowie strategischen Investoren wie Marc Struhalla vereint Primogene sehr unterschiedliche Kapitalgeber in einer Seed-Runde. Nach welchen Kriterien haben Sie den Investorenkreis zusammengestellt?

Für uns war entscheidend, einen Leadinvestor an Bord zu haben, der versteht, dass Biotechnologie eben nicht nach klassischen Software-Logiken funktioniert – und da sind wir mit dem HTGF an der richtigen Adresse. Dort gibt es nicht nur einen klaren Deep-Tech- und Life-Science-Fokus, sondern auch ein Team mit herausragendem technischen Hintergrundverständnis. Parallel dazu standen wir bereits früh mit regionalen Investoren wie TGFS und SBG im Austausch. Beide bringen auch ein regionales Netzwerk mit, was für uns als Leipziger Unternehmen relevant ist. Dr. Marc Struhalla wiederum war bereits in unserer Pre-Seed-Runde als Angel Investor beteiligt und hat uns jetzt erneut unterstützt. Dadurch bestand schon früh ein Vertrauensverhältnis. Durch seine Erfahrung mit c-LEcta bringt er sowohl technologisches Verständnis als auch industrielle Perspektive mit.

Ihre Technologie ist mit hohen Anforderungen an Skalierung, IP-Schutz und industrielle Umsetzung verbunden. Welche Voraussetzungen mussten Sie vor der Finanzierung konkret nachweisen?

Es gab weniger starre Meilensteine als vielmehr eine sehr intensive technologische Prüfung. Unsere Investoren haben eine tiefgehende Tech-Due-Diligence durchgeführt, zusätzlich begleitet von externen Experten. Ein weiterer wichtiger Punkt war der Schutz unseres geistigen Eigentums. Wir hatten bereits Patente angemeldet und früh begonnen, unser IP-Portfolio strategisch aufzubauen. Gleichzeitig wurde geprüft, ob unsere Prozesse wirtschaftlich tragfähig sind. Wir konnten zeigen, dass wir kostengünstiger produzieren können als bestehende Technologien und damit auch die Unit Economics stimmen.

Bilder vom Upstream Processing (Bild 1, linksaußen), Downstream Processing (Bild 2, Mitte) und Formulation and Drying (Bild 3, rechtsaußen). Copyright: Primogene GmbH

Ein wesentlicher Teil des Kapitals soll in Produktionskapazitäten, Partnerschaften und den Ausbau des IP-Portfolios fließen. Wie priorisiert man als junges Life-Sciences-Unternehmen den Mitteleinsatz nach einer Seed-Runde?

Anhand unserer Ziele und Meilensteine ist bereits vor der Finanzierungsrunde geplant, was wir erreichen wollen, wofür Mittel benötigt werden, und auch wie viele Mittel benötigt werden. Die ganze Finanzierungsrunde definiert sich schließlich nach dem Bedarf für die nächsten Monate. Nach der Runde ist also relativ klar, wofür das Geld eingesetzt wird, weil dies ja im Vorgang geplant wurde. Natürlich gibt es aber in einem jungen Unternehmen immer Änderungen, man muss flexibel sein, und der Finanzplan wird kontinuierlich von uns angepasst, iteriert und Abweichungen evaluiert.

Primogene adressiert gleichzeitig Infant Nutrition, Pharma-Rohstoffe und Personal Care – also Märkte mit sehr unterschiedlichen regulatorischen und kommerziellen Dynamiken. Wie diskutieren Investoren in diesem Zusammenhang die Balance zwischen Plattformstrategie und fokussierter Marktpositionierung?

Grundsätzlich verstehen wir Primogene klar als Plattformtechnologie, haben jedoch einen sehr starken Fokus auf die Entwicklung mit Marktbedürfnissen. Die Priorisierung erfolgt bei uns weniger auf Marktebene als auf Produktebene. Viele der Moleküle lassen sich in unterschiedlichen Anwendungen einsetzen, teilweise marktübergreifend. Bei der Priorisierung der Produkte achten wir sehr stark auf Feedback vom Markt und sprechen viel mit Kunden oder potentiellen Kunden. Das Wir vereinbaren Vorbestellungen mit Kunden, bevor wir große Mengen produzieren, und reduzieren dadurch das Risiko, am Markt vorbei zu entwickeln. Das Wichtigste ist, auf den Markt zu hören. Das erkennen auch Investoren. Sie sehen das Potential der Plattformtechnologie, und erkennen auch, dass wir eng am Markt arbeiten.

Autor/Autorin

Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.