Bildnachweis: Nuclidium AG.

Während viele Wettbewerber derzeit eigene Produktionsnetzwerke hochziehen, versucht NUCLIDIUM mit einem vergleichsweise schlanken Modell schneller zu skalieren: Partnerstrukturen statt eigener Infrastruktur, Hardware-IP statt großer Produktionsstätten, dazu die parallele Weiterentwicklung der klinischen Programme. Erst im Juli 2025 hatte das Unternehmen rund 84 Mio. EUR eingesammelt – nun legen dieselben Investoren bereits wieder nach. Das wirkt weniger wie eine klassische Anschlussfinanzierung als wie zusätzliche Beschleunigung für eine ohnehin schon laufende Entwicklung. Von Urs Moesenfechtel

Dr. Leila Jaafar ist gerade in den USA, als wir mit ihr sprechen. „Bei mir ist jetzt eigentlich vier Uhr morgens“, sagt die CEO und Mitgründerin der NUCLIDIUM AG. Viel Zeit zum Durchatmen bleibt ihr derzeit nicht. Finanzierungserweiterung, therapeutische Studienvorbereitungen, Produktionspartnerschaften und Gespräche mit internationalen Pharmakonzernen laufen bei NUCLIDIUM derzeit parallel. Nur wenige Monate nach der bislang größten Finanzierung des Unternehmens legt die Radiotheranostik-Gesellschaft bereits nach. Weitere 26,4 Mio. CHF fließen in die Serie B, deren Gesamtvolumen damit auf 105 Mio. CHF (rund 112 Mio. EUR) steigt. Für ein Unternehmen dieser Größe ist das bemerkenswert viel Kapital in bemerkenswert kurzer Zeit. Die Runde wurde erneut von Bestandsinvestoren getragen – darunter Kurma Growth Opportunities Fund, Angelini Ventures, Wellington Partners und Neva SGR aus der Intesa-Sanpaolo-Gruppe. Auch Bayern Kapital, NRW.BANK und der DeepTech & Climate Fonds (DTCF) beteiligen sich erneut.

Klinische Phase beginnt

Dr. Leila Jaafar, CEO und Mitgründerin der NUCLIDIUM AG. Copyright: NUCLIDIUM AG

Die Investoren finanzieren hier nicht mehr eine frühe Plattformidee. NUCLIDIUM bewegt sich nun zunehmend in Richtung therapeutischer klinischer Entwicklung. Das neue Kapital soll vor allem den Übergang der beiden Leitprogramme NU101 und NU201 in therapeutische Phase-1/2a-Studien finanzieren. NU101 adressiert metastasierten kastrationsresistenten Prostatakrebs (mCRPC), NU201 metastasierten Brustkrebs. Bislang liegen vor allem diagnostische Daten vor. Jetzt geht es darum zu zeigen, dass der therapeutische Ansatz funktioniert – und zwar klinisch skalierbar. „Die neuen Daten aus unseren diagnostischen Phase-1/2-Studien sorgen weiterhin für starken Rückenwind“, sagt Jaafar. Entscheidend sei nun der direkte Übergang „von der Diagnose zur Behandlung“.

Genau dieser Übergang ist der eigentliche Kern der Radiotheranostik: dieselbe biologische Zielstruktur zunächst diagnostisch sichtbar zu machen und anschließend therapeutisch mit einem anderen Isotop zu behandeln. NUCLIDIUM setzt dafür auf Kupfer-61 für die Diagnostik und Kupfer-67 für therapeutische Anwendungen. Gespräche mit Pharmaunternehmen laufen laut Jaafar bereits heute. Dabei gehe es längst nicht mehr nur um die zugrundeliegende Technologie, sondern um konkrete spätere Einsatzszenarien der Programme innerhalb bestehender Onkologie-Portfolios. „Sie wollen Produkte, keine Technologie“, sagt sie mit Blick auf Gespräche mit internationalen Pharmakonzernen. Diskutiert werde unter anderem, wo sich NU101 oder NU201 künftig innerhalb bestehender Therapiesequenzen positionieren könnten – etwa in früheren Behandlungslinien bei metastasiertem Brust- oder Prostatakrebs.

Nicht größer, sondern schneller

Auffällig ist dabei vor allem, wie anders das Unternehmen seine Organisation aufsetzt als viele Wettbewerber. Der Radiopharma-Markt erlebt derzeit eine Art Infrastruktur-Rüstungswettlauf. Andere Unternehmen investieren massiv in Produktionsnetzwerke, Isotopenversorgung und eigene Fertigungsstandorte. Große Pharmakonzerne bauen parallel vertikale Radiopharma-Strukturen auf. NUCLIDIUM dagegen versucht bewusst, kein Infrastrukturkonzern zu werden. „Unsere Identität ist ganz klar“, sagt Jaafar. „Wir wollen unsere klinischen Studien vorantreiben und die Pipeline befüllen.“ Dahinter steht allerdings ein bewusst anderes Skalierungsmodell. Statt selbst große Produktionskapazitäten aufzubauen, investiert NUCLIDIUM in Hardware-IP und Partnernetzwerke.

Das Unternehmen arbeitet unter anderem mit der Canadian Light Source, Iotron Medical sowie dem Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf zusammen, um Produktionsprozesse für Kupfer-67 aufzubauen. Im Zentrum steht dabei die Idee modularer Produktionseinheiten. „Ein Modul – mit Linearbeschleuniger, Shielding und Bunker – könnte etwa 80.000 Patientendosen produzieren“, sagt Jaafar. Langfristig gehe es darum, Kupfer-67 breiter verfügbar zu machen und Produktionskosten zu senken. Intern denkt das Unternehmen bereits deutlich weiter als klassische Lieferverträge oder Exklusivpartnerschaften. „Für uns geht es darum, die Nutzung von Kupfer-67 zu ermöglichen und langfristig eine Commoditization dieses Radionuklids zu erreichen“, sagt Jaafar.

Kupfer-67 als strategischer Hebel

Technologisch versucht sich NUCLIDIUM ebenfalls klar vom Markt abzugrenzen. Die Branche wird derzeit vor allem von Lutetium-177-basierten Ansätzen dominiert. Parallel arbeiten zahlreiche Entwickler an Actinium-225- oder Blei-212-Plattformen. Kupfer-67 dagegen galt lange eher als Nischenthema – nicht zuletzt wegen limitierter Produktionskapazitäten. Genau dort setzt NUCLIDIUM an. „Kupfer-67 ist neben Lutetium eines der wenigen Radionuklide, das heute bereits industriell produziert werden kann“, sagt Jaafar. Gleichzeitig verweist sie auf die bislang begrenzte Marktverfügbarkeit. NorthStar Medical Radioisotopes habe zuletzt weitgehend exklusiv mit dem australischen Unternehmen Clarity Pharmaceuticals zusammengearbeitet.

Clarity gilt derzeit als wichtigster internationaler Wettbewerber im Kupfer-Bereich und ist bereits an der Nasdaq notiert. Allerdings fokussiert sich Clarity primär auf Kupfer-64-basierte Diagnostikprogramme, während NUCLIDIUM gezielt die Kombination aus Kupfer-61 und Kupfer-67 als integrierten theranostischen Ansatz entwickelt. Im Prostatakarzinom arbeitet NUCLIDIUM laut Jaafar zudem an einem vergleichsweise frühen und engen Dosierungsschema. Hintergrund sei die Beobachtung, dass die PSMA-Expression nach dem ersten Therapiezyklus sinken könne. Kupfer-67 ermögliche durch sein Zerfallsprofil engere therapeutische Intervalle als viele andere Beta-Emitter. „Unsere Targeting-Moleküle bleiben biologisch 48 bis 72 Stunden am Tumor. Kupfer-67 hat eine Halbwertszeit von 2,6 Tagen. Dadurch passieren die Decays genau dann, wenn das Molekül noch auf dem Tumor sitzt“, sagt Jaafar.

Der Engpass liegt in der Klinik

Mit zunehmender Verbreitung der Radiotheranostik verschiebt sich der Fokus der Branche derzeit sichtbar. Nicht mehr nur klinische Wirksamkeit, sondern auch Produktionslogistik, Krankenhaus-Workflow und Entsorgung werden zu strategischen Themen. Darauf versucht NUCLIDIUM früh zu reagieren. „Man nimmt Kupferchlorid und mischt es mit dem Precursor. Raumtemperatur, fünf Minuten – und man hat ein Radiopharmakon“, beschreibt Jaafar den Herstellungsprozess. Gerade in Europa könnten Infrastrukturfragen zum begrenzenden Faktor werden. Viele Kliniken verfügten schlicht nicht über die Mittel, zusätzliche Radiopharma-Infrastruktur aufzubauen, sagt Jaafar. Entsprechend stark fokussiert sich NUCLIDIUM auf Verfahren, die sich möglichst unkompliziert in bestehende Krankenhausabläufe integrieren lassen. Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Kupfer-67 zerfällt zu stabilem Zink-67 und verursacht dadurch geringere Anforderungen beim radioaktiven Abfallmanagement. Gerade bei großen Patientenzahlen könnte das operativ relevant werden. Ein Börsengang sei derzeit dagegen kein vorrangiges Thema. „Data first“, sagt Jaafar mehrfach im Gespräch. Zunächst gehe es darum, therapeutische Daten zu generieren und die klinische Entwicklung umzusetzen.

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Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.