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Vom Nischenthema zum strategischen Feld: Die Life Sciences gewinnen für Private Equity zunehmend an Bedeutung. Stefan Greger, Partner bei Baker Tilly Deutschland und ausgewiesener Experte für Transaktionen, Bewertung und Due Diligence in den Bereichen Healthcare, Pharma und Life Sciences, erläutert Chancen und Fallstricke von Investments, ordnet regulatorische Dynamiken ein – und zeigt, wie Baker Tilly Mandanten unterstützt.
Plattform Life Sciences: Herr Greger, warum hat der Life-Sciences-Sektor aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren so stark an Bedeutung für Private Equity gewonnen?
Greger: Durch die Pandemie wurde deutlich, wie schnell technologische Fortschritte in Biotechnologie, Diagnostik und Medizintechnik den Markt bewegen können. Gleichzeitig ist der Markt noch sehr fragmentiert – gerade in Europa. Das macht ihn interessant für Buy-and-Build-Strategien. Wir sehen z.B., dass Venture Capital oft die frühen Phasen finanziert, dann aber das Geld fehlt. Hier kann Private Equity einsteigen – wenn ein Unternehmen schon über Phase II hinaus ist, in Phase III oder später. Genau dann braucht es Kapital für Wachstum und Internationalisierung. Genau dort können PE-Investoren ein guter ergänzender Faktor sein. Ein Beispiel aus unserer Praxis: Im Life-Sciences-Sektor, insbesondere bei Labor- und Diagnostikunternehmen, begleiten wir etwa einen Private-Equity-Investor seit Jahren bei erfolgreichen Transaktionen. Die Wertsteigerungen entstehen dabei nicht allein durch Kapital, sondern vor allem durch operative Weiterentwicklung – etwa durch Internationalisierung, gezielte Portfolioerweiterungen (Add-ons) und Managementoptimierungen.
Doch PE-Investoren halten sich zurück, da die Life Sciences als besonders risikobehaftet gelten …
Ja, die Abhängigkeit von klinischen Studien ist enorm. Scheitert eine Phase, kann das ganze Geschäftsmodell hinfällig sein. Dazu kommt der hohe Kapitalbedarf – gerade in den frühen Phasen verbrennen Unternehmen viel Cash. Und: Zulassungen ziehen sich oft über Jahre, die regulatorischen Anforderungen sind immens. Trotzdem: Wer diese Hürden überwindet, erschließt einen großen Markt mit attraktiven Renditechancen. Am Ende entsteht ein starker Hebel. Wenn die Produkte zugelassen sind, entstehen Cashflows, die für PE interessant sind. Man muss sich nur bewusst sein: Die Haltezeiten sind länger, man braucht mehr Geduld. Aber die Renditeerwartungen sind dann entsprechend höher – und das haben auch PE-Investoren zunehmend begriffen. Noch braucht es Überzeugungsarbeit, doch die Zurückhaltung nimmt ab; Investoren registrieren zunehmend, dass sich der lange Atem lohnt. Gleichzeitig sehen wir neue Dynamiken, die Life Sciences vom Nischenthema zum Wachstumstreiber machen.
Welche?
In der Diagnostik hat Corona wie ein Katalysator gewirkt: Unternehmen, die als reine Testanbieter gestartet sind, konnten durch Investitionen ihre Marktstellung massiv ausbauen. In Digital Health sehen wir Telemedizin und KI-basierte Diagnostik – diese Modelle skalieren schnell und benötigen weniger Kapital als klassische Biotechunternehmen. Und in der Medtech profitieren Implantate und minimalinvasive Verfahren vom demografischen Wandel.
Wir sehen neue Dynamiken, die Life Sciences vom Nischenthema zum Wachstumstreiber machen.
Die regulatorische Landschaft gilt als zentrale Hürde – MDR in Europa, FDA in den USA. Bremsen diese Vorgaben das Wachstum?
Ja und nein. In Europa wirkt die MDR eher bremsend, vor allem für kleinere Unternehmen. In den USA dagegen kann die FDA mit ihrem Fast-Track-Verfahren echte Beschleunigung bringen. Und auch in Deutschland gibt es Positivbeispiele: Digitale Gesundheitsanwendungen, die DiGAs, öffnen neue Märkte. Man sieht: Regulatorik ist nicht nur Bremse, sie kann auch Chancen schaffen.

Neben Labor und Diagnostik sind es vor allem KI-gestützte Verfahren, die schnelle Ergebnisse ermöglichen. Robotik, insbesondere minimalinvasive Systeme, gewinnt an Bedeutung. Zudem sehen wir Konsolidierungen im ärztlichen Bereich: kleinere Praxen, die von Investoren aufgekauft und zusammengeführt werden. Es muss nicht immer die klassische Pharma-Pille sein – Software und Plattformen werden ebenso zu Wachstumstreibern.
Welche Rolle spielt Internationalisierung?
Wir bewegen uns im Small- und Mid-Cap-Segment. Da sehen wir aktuell weniger
US-Investoren, die nach Europa schauen – auch wegen geopolitischer Unsicherheiten. Aber innerhalb Europas beobachten wir, dass Private-Equity-Häuser paneuropäisch agieren: Investitionen in Deutschland, den Niederlanden, Italien oder UK werden kombiniert, um einen europäischen Player aufzubauen.
Wir sehen Konsolidierungen im ärztlichen Bereich: kleinere Praxen, die von Investoren aufgekauft und zusammengeführt werden.
Was unterscheidet Baker Tillys Ansatz bei Life-Sciences-Transaktionen von anderen Beratungshäusern?
Unser integrierter Ansatz. Wir decken Financial, Tax und Legal aus einer Hand ab – und haben gleichzeitig regulatorische Expertise im Team. Diese Kombination ist entscheidend in einem Sektor, der so komplex ist wie die Life Sciences. Wir fordern Businesspläne heraus, prüfen Cashflow-Modelle und identifizieren Zulassungsrisiken. Wir arbeiten heraus, wo Wachstumschancen liegen und wo Prognosen zu optimistisch waren. Das hilft unseren Mandanten, realistisch zu investieren. Wir sagen gern: Baker Tilly ist ein Powerhouse in diesem Bereich.
Herr Greger, herzlichen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Urs Moesenfechtel.
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Autor/Autorin

Urs Moesenfechtel
Urs Moesenfechtel, M.A., ist seit 2021 Redaktionsleiter der GoingPublic Media AG - Plattform Life Sciences und für die Themenfelder Biotechnologie und Bioökonomie zuständig. Zuvor war er u.a. Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.





