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Plattform Life Sciences: Herr Litzka, vor wenigen Wochen hat Andera Partners bekannt gegeben, dass der Pharmakonzern Pfizer Anderas Portfoliounternehmen ReViral für einen Gesamtbetrag von bis zu 525 Mio. USD erwerben wird. Was können Sie uns über den Verkaufsprozess berichten?

Litzka: Verkaufsprozesse in der Biotechnologie entwickeln sich über einen langen Zeitraum. Parteien zeigen sich interessiert und es kommt zu Anfragen. Die wichtigste Voraussetzung für einen erfolgreichen Verkauf ist natürlich die positive Entwicklung des Produkts und wie in jeder Firma gab es Aufs und Abs. Zusammengefasst hat ReViral in den vergangenen Jahren eine gute Entwicklung vollzogen.

Das Respiratory Syncytial Virus (RSV) ist ein sehr spannendes und aktuelles Thema, welches zuletzt bedingt durch Corona etwas in den Hintergrund gerückt wurde, nun aber auch in den Medien wieder stärker Beachtung findet. RSV befällt die Atemwege und kann in Hochrisikogruppen wie Kleinkindern, immungeschwächten oder älteren Personen zu schweren und lebensbedrohlichen Infektionen der unteren Atemwege führen.

Olivier Litzka, Andera Partners.

Pfizer ist durch die Zusammenarbeit mit BioNTech eine starke Antiviral Company geworden und will diesen Kurs mit der Übernahme von ReViral nun fortsetzen. Es freut uns sehr, dass Pfizer die weitere Entwicklung nun besonders stark unterstützen wird, und schlussendlich freuen wir uns auch über einen starken Exit, genauso wie sich unsere Investoren über eine starke Trade-Sale-Liquidität freuen.

Andera Partners führte bereits 2015 die Series-A-Finanzierung des Unternehmens an und beteiligte sich auch an den folgenden Finanzierungsrunden. Ein rundherum gelungenes Investment also?

Als Investor waren wir von Anfang an dabei. Wir waren vom Molekül und der Indikation absolut überzeugt, ebenso vom Gründerteam. Wir haben in diesem Zusammenhang auch mit Raymond Schinazi zusammengearbeitet, dem Gründer von Pharmasset, welches später von Gilead übernommen wurde. Schinazi ist ein ausgewiesener Experte in antiviralen Themen. Wir tauschen uns immer wieder mit ihm aus und auch er war von der Idee hinter ReViral sehr angetan.

Es gab natürlich auch Überlegungen, den Exit über einen Börsengang an der NASDAQ zu vollziehen. Exitgedanken verlaufen immer mehrgleisig. Am Ende lag ein gutes Verkaufsangebot auf dem Tisch. Es wurde verhandelt und verglichen, und sicher sind die Börsen im Moment etwas schwächer. Für uns als VC-Geber und auch für das Gründerteam war das Kaufangebot letztlich attraktiv genug für einen Abschluss.

ReViral ist im Bereich neuartiger antiviraler Therapeutika tätig. Was macht dieses Segment so spannend für „Big Pharma“?

Antivirale Wirkstoffe und Vakzine sind heute, anders als noch vor drei Jahren, sehr interessante Themen. Auch bedingt durch COVID stehen sie bei vielen ­Beteiligten sehr weit oben auf der Agenda und ich freue mich, dass die Entwicklung nun weiter vorangetrieben wird. Das würde ich mir umgekehrt auch bei anderen Themen wünschen, etwa bei den Antibiotika.

Beobachten Sie insgesamt ein wachsendes Interesse seitens Pharmakonzernen am Kauf lukrativer Biotechs?

Bis vor wenigen Monaten hatten viele Firmen noch eine lukrative Exitalternative über ein IPO. Deswegen hatte sich das M&A-Geschäft auch weniger stark entwickelt. Das ist erst einmal vorbei. In der Folge haben Pharmaplayer nun bessere Chancen, ihre Pipelines zu vernünftigen Preisen weiter auszubauen.

Gehen die großen Konzerne nicht auch große Risiken ein? ReViral beispielsweise erforscht aktuell einen oral verabreichten Inhibitor des RS-Virus bei Kleinkindern „nur“ in einer Phase-II-Studie – der Erfolg des Wirkstoffs ist also noch gar nicht garantiert.

Mehr noch als die Pharmaindustrie steigen wir als Venture-Capital-Geber viele Jahre vor einem finalen Produkt in eine Biotechfirma ein. Das heißt, wir treffen eine rationale Entscheidung, dass wir zu diesem Moment das Risiko auf uns nehmen und dafür unseren Shareholdern einen bestimmten Betrag zahlen müssen, den wir bislang nicht in dieses Produkt investieren mussten, um es bis in dieses Stadium zu bringen. Natürlich machen sowohl wir als auch die Pharmafirmen eine Due Diligence.

Wenn eine Pharmafirma ein Biotech kauft, dann zählt dieses in einer Phase II nur über wenige Hundert Patienten. So war es bei Pharmasset, als das Unternehmen 2011 für 11 Mrd. USD an Gilead verkauft wurde. So etwas passiert nicht aus einem Hype heraus, sondern weil zahlreiche gute Dinge erreicht wurden. Solche Deals haben positive Energie in die Biotechmärkte gebracht. Diese haben sich zwar in letzter Zeit wieder etwas abgekühlt – das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass auch in Deutschland viele gute Firmen ihre Pipelines konsequent weitergeführt haben.

Und ReViral ist ein gutes Beispiel dafür. Pfizer kauft sich jetzt in das Unternehmen ein und nimmt dabei ein Risiko auf sich – aber ein vermindertes Risiko im Vergleich zu dem Zeitpunkt, als wir in das Unternehmen eingestiegen sind. Trotzdem ist es noch kein Produkt, sondern ein Produktkandidat.

Welche weiteren Segmente aus der Biotechnologie sind aktuell spannend für Investoren?

Wir müssen unsere Investoren dazu motivieren, dass sie uns unterstützen, damit wir wiederum die Firmen unterstützen können. Dafür entwickeln wir unsere Strategie, ein ausbalanciertes Portfolio zu generieren, und zwar in vier Dimensionen.

Erstens investieren wir zu zwei Dritteln in Biotech und zu einem Drittel in Medtech. Damit sind wir seit 20 Jahren gut gefahren und damit machen wir auch weiter.

Zweitens investieren wir in viele Indikationen, nicht nur Immunonkologie oder Orphan Drugs, was in den letzten Jahren gut gefahren ist, sondern darüber hinaus auch in Cardiovascular, Diabetes, Antiinfektiva, Antiviral, Antibiotika oder auch komplizierte Indikationen wie Schlaganfall, Sepsis, Parkinson oder Alzheimer.

Die dritte Dimension ist: zwei Drittel in Europa und ein Drittel in den USA. Entscheidend ist der Public Market, der in Europa nicht stark ausgeprägt ist. Daher haben wir auch US-amerikanische Investoren mit einbezogen. Dafür muss man aber auch in US-amerikanische Firmen investieren und somit vor Ort sein. So entstehen auch wichtige Kontakte zu Cross-over-Investoren, mit deren Hilfe man ein NASDAQ-IPO vorbereiten kann. Man muss vor Ort sein und bekannt sein.

Und schließlich die vierte Dimension: Wir machen sehr frühe Investments, sehr späte, aber auch viel dazwischen. Bei T-knife beispielsweise, heute ein transatlantisches Unternehmen, waren wir bereits in der Seed­Runde investiert. Unser Spektrum ist also sehr variabel: Seed, Series A, Series B, Later Stage bis hin zum IPO können wir aus demselben Fonds generieren.

Schlussendlich sind wir nicht so getrimmt, dass wir einem bestimmten Trend hinterherlaufen. Wir gehen unsere Investments sehr divers an. Wenn wir ein interessantes Thema sehen, schauen wir uns das an. Wenn wir uns damit auskennen, können wir relativ schnell antworten – und wenn wir uns nicht auskennen, schauen wir uns das Thema so lange an, bis wir eine Antwort geben.

Mit Blick auf die Finanzierungssituation generell: Was hat sich in den letzten 24 Monaten pandemiebedingt verändert?

Es sind zahlreiche größere Fonds geraist worden, es sind neue Investoren hinzugekommen und es hat größere Finanzierungsrunden gegeben, was großartig ist für Europa. 66 Mio. EUR in der Series A für T-knife, dann noch einmal 110 Mio. USD in einer Series B! Solche Summen sind notwendig für die Zelltherapie, aber es war schwieriger in der Vergangenheit.

Der Erfolg einer BioNTech hat vielen ­Leuten die Augen dafür geöffnet, dass es hilfreich ist, eine Biotechindustrie zu haben. Entsprechend ist das Interesse an unseren Fonds und an den Firmen groß. Man kann diese Industrie alimentieren. Die Pandemie war ein großer Schub für Biotech. Es hat allen gezeigt, dass „Alandos“ keine Lösungen für massive medizinische Probleme bieten.

Und wie blicken Sie auf die kommenden 24 Monate?

Im Moment ist der Markt etwas abgekühlt, aber die Fonds sind ja weiterhin da. Wir closen demnächst unseren Fonds BioDiscovery 6. Auch andere Wettbewerber wie LSP, Sofinnova oder Forbion haben große Fonds geraist. Mit anderen Worten: Das Geld ist da und es gibt gute Firmen in Europa, auch mit guten Managements. Insofern sehe ich keine negative Welle heranrollen. Ich denke, es wird mehr Trade Sales geben. Das ist gut für die Industrie, dass Phamafirmen mehr Interesse haben und ein IPO nicht immer das Maß aller Dinge ist.

Mit Andera wollen wir uns künftig auch mehr in der DACH-Region engagieren, auch weil Großbritannien nicht mehr zur EU gehört. Hierfür wollen wir auch in Deutschland mehr institutionelle Investoren gewinnen.

Viele Mitarbeiter in den Fonds haben auch die Jahre 2000 bis 2010 erlebt und ihre Lehren gezogen. Wenn ein guter Wind weht, muss man die Segel aufspannen – und wenn der Wind wieder etwas nachlässt und man finanzielle Reserven hat, dann kommt man auch da durch. Da die Grundlagen in vielen Firmen ausgezeichnet sind, wird es zudem auch in Zukunft innovative Lösungen für Krankheiten geben. Man muss nicht immer auf Big Pharma schauen: Die Innovation kommt aus der Biotechnologie.

Herr Litzka, ich danke Ihnen für das interessante Gespräch!

Das Interview führte Holger Garbs.

 

ZUM INTERVIEWPARTNER

Olivier Litzka ist Partner bei Andera Partners und operiert vom Büro München aus.

Autor/Autorin

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