„Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“

Eine Kolumne von Dr. Hubert Birner, Managing Partner, TVM Capital Life Science

Bildnachweis: TVM Capital Life Sciences.

Hierbei handelt es sich um ein Zitat des dänischen Philosophen, Theologen und Schriftstellers Søren Kierkegaard, der im Jahr 1855 gestorben ist und daher in Sachen Biotechnologie nicht als ausgewiesener Branchenkenner bezeichnet werden kann. Dennoch fiel mir dieser Satz ein, als die Bitte kam, zum Thema Biotechfinanzierung einen kurzen Kommentar zu verfassen. Warum? Weil sich an der Diskussion zu diesem Thema nicht allzu viel geändert hat, seit ich in dieser Branche vor gut 20 Jahren anfing. Immer noch vergleichen wir uns mit den USA, nur um immer wieder festzustellen, dass es dort mehr Biotechinvestoren gibt sowie größere Finanzierungsrunden und natürlich auch mehr IPOs. Der Kapitalmarkt dort ist im Vergleich zu unserem, selbst wenn man dies europäisch betrachtet, leistungsfähiger, größer, aufnahmefähiger. Nicht umsonst suchen viele der europäischen Biotechunternehmen ihr IPO-Glück in den USA. Das ist bedauerlich, denn so geht uns Innovationskraft verloren. Wir können auch immer weiter – auch das passiert seit mehr als 20 Jahren – darüber lamentieren, dass es in Deutschland keine so systematische, staatlich gesteuerte Förderung von Innovation in der Biotechnologie gibt wie anderswo, etc. pp.

Oder: Wir hören einfach damit auf …

… und fangen endlich an, uns auf andere Dinge zu konzentrieren. Warum sind IPOs das Maß aller Dinge? Schon lange sind sie für Venture-Capital-(VC-)Investoren nur ein weiteres Mittel zur Unternehmensfinanzierung, meist kein Exit. Deshalb präferieren wir in unserem aktuellen Fonds den strategischen Verkauf und fahren damit sehr gut. Natürlich liegt dem auch ein entsprechendes Investitionskonzept zugrunde. Geeignete Wirkstoffkandidaten kommen meist aus der akademischen und institutionellen Grundlagenforschung oder den Forschungsabteilungen der forschenden Pharma- oder Biotechbranche. Die Weiterentwicklung wird von einem kleinen Expertenteam organisiert und begleitet, das über die für dieses Projekt notwendige Managementerfahrung und einen fachlich-technischen Hintergrund verfügt. Dieses Team wird von wechselnden Spezialisten aus einem Pool von Fachleuten unterstützt, die auch anderen Projekten zuarbeiten. Der akademische Spiritus Rector eines solchen Projekts begleitet diese Entwicklung mit seiner wissenschaftlichen Kompetenz aktiv. Damit alle Beteiligten wissen, auf welches Ziel sie hinarbeiten, steht die Verteilung des Verkaufserlöses von Anfang an für alle Beteiligten fest. Da der Finanzierungsbedarf im Schnitt im niedrigen zweistelligen Mio. EUR-Bereich liegt, werden keine Folgefinanzierungen mit entsprechenden Verwässerungseffekten der Anteile notwendig. Für jeden Beteiligten ist also von Projektanfang bis -ende die Gewinnerwartung bzw. das Risiko absehbar. Da der VC-Geber faktisch die Gesamtverantwortung für das Projektmanagement übernimmt, wird er die Mehrheit am Projekt kontrollieren und ein effizientes Matrixmanagement sicherstellen. Risikodiversifizierung findet konsequenterweise nicht mehr innerhalb einer Beteiligung, sondern im Gesamtportfolio des VCs statt.

Natürlich machen andere das auch in abgewandelter Form; mit Kurma Partners hat sogar ein neuer VC in München ein Büro eröffnet, der sich explizit um den deutschen Markt im Frühphasensegment kümmern will. Denn es ist ja unbestritten, dass wir hier und in den Nachbarländern ungeheuer gute Forscher und Forschungsprojekte haben, dass die benötigten Ökosysteme vorhanden sind, mit unseren Universitäten, Forschungsinstituten und Biotechclustern – und nicht zu vergessen: mit erfahrenen Biotechunternehmern!

Machen wir doch das Beste aus dem, was wir haben. Und wenn wir unseren Erfolg messen wollen, dann sollten wir vielleicht prüfen, ob wir bisher die richtigen Kriterien angelegt haben.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist nicht alles gut. Durch Zusammenarbeit ließen sich bei einer Vielzahl von Dingen Verbesserungen erzielen. Auch deshalb bin ich seit Kurzem im Vorstand von BIO Deutschland aktiv, denn an den Schrauben, an denen wir für unsere Arbeit drehen können, sollten wir es auch tun – wir und jetzt.

 

ZUM AUTOR

Dr. Hubert Birner verantwortet die Investmentstrategie von TVM Capital Life Science in Europa, Nordamerika und Kanada. Seine akademische Ausbildung umfasst ein Studium der Veterinärmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, gefolgt von einer Promotion in Biochemie, ausgezeichnet mit dem Hoffmann-La Roche Preis für Grundlagen­forschung im Bereich meta­bolische Störungen, und eine Tätigkeit als Assistenz-Professor. Dr. Birner ist Absolvent (MBA) der Harvard Business School.

www.tvm-lifescience.com