Achtung Konvergenz: besser gemeinsam

Eine Kolumne von Dr. Hubert Birner, Managing Partner, TVM Capital Life Science

Bildnachweis: TVM Capital Life Sciences.

Laut dem neuesten Global Healthcare  Report von CB Insights sind im ersten Halbjahr 2019 rekordverdächtige 26,9 Mrd. USD weltweit in Unternehmen des Gesundheitswesens geflossen. 3,5 Mrd. USD wurden in Digital-Health-Unternehmen investiert, im Bereich KI (ausschließlich Gesundheitswesen) konnten Unternehmen im zweiten Halbjahr 864 Mio. USD einsammeln; allein 200 Mio. gingen an Tempus. Gleichzeitig sahen wir eine Reihe von Deals mit Start-ups, die klinische Studien effizienter und schneller machen sollen.

Beide Bereiche – sowohl die eher arzneimittelentwicklungsorientierten KI-Anwendungen, also auch die digitalen Lösungen, die man eventuell mehr im Bereich „Zugang zum Patienten“ ansiedeln kann – sind sehr stark IT-getrieben.

Es erstaunt nicht, dass in Teilen dieses Marktsegments immer mehr Venture-Capital-Investoren unterwegs sind, die traditionell eher im IT-Bereich verortet werden: von Google Ventures (GV) über Amazon und Andreessen Horowitz, um nur ein paar Namen zu nennen.

Doch je tiefer die zu entwickelnde KI-basierte Lösung in den Bereich der Arzneimittelentwicklung einwirkt, desto höher werden die Barrieren für die Investoren, deren Wurzeln allein in der Informationstechnologie liegen. Denn hier wird naturgemäß der Anspruch an die vorhandene Expertise in den klassischen Bereichen wie Biochemie, Biopharmazie, Biomedizin, Medizin, sehr viel höher als dort, wo es um den reinen Zugang geht – sei es direkt zum Patienten, zu Daten sowie Datenmanagement, und den Schlüssen, die aus diesen Daten gezogen werden können.

All diese Felder in der notwendigen Breite und Tiefe abzubilden wird kaum einem Investor gelingen. Wir werden uns also zunehmend darauf einstellen müssen, mit Kollegen an einem Tisch zu sitzen, die nicht aus unserer Erfahrungswelt kommen sowie unter Umständen neben ihren Expertenkenntnissen auch eine andere Perspektive mitbringen, wenn es um die Steigerung des Unternehmenswertes geht. Den kann man z.B. in einem eher quantitativen Ansatz in der reinen Datengenerierung (Volumen) sehen, der langfristig zu besserer Therapie führt – oder man fährt einen qualitativen Ansatz, der u.U. schneller zu validierten klinischen Daten führt. Hört sich nicht nach totalem Gegensatz an, führt aber zu unterschiedlicher Ausgestaltung von Unternehmens- und den dazugehörenden Finanzierungsstrategien. Reibungsverluste wird es daher immer wieder geben. Sich in einem veränderten Umfeld neu kalibrieren zu müssen ist nicht immer bequem, aber wer hat auch jemals behauptet, dass Innovationsprozesse komfortabel wären? Gemeinsames Ziel aller Investoren muss sein, alle Kräfte zu bündeln, um mehr Patienten zu besserer Versorgung zu verhelfen. Auf dem Weg zu diesem Ziel kann ein gelegentlicher Perspektivenwechsel nicht schaden.

 

ZUM AUTOR

Dr. Hubert Birner verantwortet die Investmentstrategie von TVM Capital Life Science in Europa, Nordamerika und Kanada. Seine akademische Ausbildung umfasst ein Studium der Veterinärmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, gefolgt von einer Promotion in Biochemie, ausgezeichnet mit dem Hoffmann-La Roche Preis für Grundlagenforschung im Bereich metabolische Störungen, und eine Tätigkeit als Assistenz-Professor. Dr. Birner ist Absolvent (MBA) der Harvard Business School.

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