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In Österreich herrscht vor der HV-Saison 2026 gute Stimmung. Dies hat verschiedene Ursachen, die nicht nur mit der Performance der Börsen weltweit zu tun haben – auch einige hausgemachte Gründe lassen sich für die positiven Anlageentscheidungen in Wien ausmachen. Anleger durften und dürften positiv reüssieren. Auch die alpenländische Hauptversammlungskultur kommt dabei zum Zuge. Doch der Reihe nach.
Dieser Beitrag ist im HV Magazin 01/26 erschienen!
Der Leitindex ATX hat nach bald 20 Jahren erstmals wieder sein Allzeithoch erreicht. Es ist erst wenige Wochen her, da konnte der Index auf den Vergleichswert aufschließen. Dass dies so lange dauert, liegt mehrheitlich an der technischen Zusammensetzung des Index. Dieser berücksichtigt nicht den Total Return, sondern lediglich die Aktienkursperformance der größten österreichischen Unternehmen. Die Berechnung des ATX inklusive der gezahlten Dividenden, analog zum DAX, war bereits vor einigen Jahren durch die wichtige Schallmauer gestoßen.
Starke Performance des Finanzsektors
Was gab den Ausschlag hierfür? Die Wiener Börse verzeichnet traditionell eine starke Gewichtung auf die Bank- und Versicherungstitel, Stichworte: Raiffeisenbank International, Erste Group, VIG oder UNIQA. All diese legten in den vergangenen zwölf Monaten eine außerordentliche Aktienkursperformance vor, was diese Erholung ermöglichte. Es ist jedoch anzumerken, dass über 75 % des Umsatzes in Wien von internationalen Investoren getätigt wird – gerade sie sind daher hauptverantwortlich für diese Leistung. Dies impliziert ferner ein Erstarken des Vertrauens in den Wiener Kapitalmarkt, insbesondere in Fragen der internationalen Corporate Governance und Kapitalmarktkultur. In der Tat blieb der Aktienmarkt von den Wirtschaftsskandalen rund um SIGNA, Wirecard etc. verschont.
„Besseres Deutschland“
Ähnlich wie in Deutschland leidet auch die Wirtschaft der Alpenrepublik unter schlechter Stimmung in der Realwirtschaft. Auf den ersten Blick erscheint die Loslösung der ATX-Entwicklung von dieser Stimmungslage wenig plausibel. Die den Leitindex bestimmenden Börsenunternehmen sind jedoch weitgehend international aktiv, mit einem traditionell starken Fußabdruck in Osteuropa. Die Verknüpfung mit den dort solide performenden Märkten lässt die Stimmung im Heimatmarkt in den Hintergrund treten und zieht eine entsprechende Resilienz nach sich.
Auch politisch hat Österreich partiell einige Zeichen der Zeit erkannt. Die neue Bundesregierung, bestehend aus einer Dreierkoalition von ÖVP, SPÖ und den liberalen NEOS, konnte vor wenigen Wochen eine Industriestrategie inklusive Zielmarken vorlegen. Kernstück ist darin die Unterstützung der Industrie in der Energieversorgung und Energiesicherheit. Weitere essenzielle Standortfragen für die nachhaltige Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit schwingen mit und werden politisch gefördert. Kombiniert mit einem traditionell reduzierten Kündigungsschutz, niedrigeren Löhnen und deutlich zunehmender Digitalisierungsquote bzw. Bürokratieabbau, positioniert man sich als verlässlicher Industriestandort im Herzen Europas. Wenn man so will: als „besseres Deutschland“.
Physische Hauptversammlungskultur
Es ist daher wenig verwunderlich, dass die Vorstände und Aufsichtsräte bemerkenswert wenig Probleme damit haben, physisch vor ihre Aktionäre zu treten. Die an der Wiener Börse gelisteten Unternehmen machten, trotz rechtlicher Möglichkeit, seit der Coronapandemie kaum Gebrauch von der virtuellen HV. 2025 war nur eine einzige rein virtuelle Versammlung bei einem unbedeutenden Nebentitel zu verzeichnen. Die einzige hybride Hauptversammlung im deutschsprachigen Raum, Raiffeisenbank International, gilt weiterhin als positives Beispiel für eine aktionärsfreundliche Umsetzung der Hauptversammlung mit großer physischer Präsenz. Nebenbemerkung: Wer die Verhältnisse der Raiffeisenbank International in Bezug auf ihre Russlandbeteiligung und im Kontext des Ukrainekonflikts kennt, muss feststellen, dass die partiell physische Durchführung von Mut und dem Wunsch nach Transparenz getragen ist.
Für die kommende Saison wird vermutet, dass die börsengelisteten Unternehmen wohl keine einzige Hauptversammlung rein virtuell durchführen werden – sehr zur Freude der Streubesitzaktionäre, deren Zahl in den Versammlungen langsam wieder zunimmt.
Woman-on-Board-Richtlinie
Eines der Themen der anstehenden HV-Saison ist die Umsetzung der EU-Richtlinie „Women on Board“. Sie steht in Österreich kurz bevor, womit eine zwingende Umsetzung und Erfüllung von entsprechenden Geschlechterquoten in Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen vorgesehen ist. Zwar steht ein finaler Gesetzesentwurf für die parlamentarische Beschlussfassung noch aus, jedoch hat sich die Regierung auf die Einbringung einer Umsetzungsvariante verständigt.
Die Regierungsverständigung rückt von diversen „Goldplating-Vorgaben“ – strengere Umsetzung von EU-Richtlinien in nationales Recht – ab und sieht eine 40-%-Quote im Aufsichtsrat für das unterrepräsentierte Geschlecht vor. Ferner sind die Unternehmen angehalten, eine Förderung von Frauen für Führungspositionen vorzusehen. Mit der Umsetzung dieser Richtlinie werden viele Unternehmen auf dem falschen Fuß erwischt. Bisher haben nur ca. zehn Unternehmen die Vorgabe erfüllt, die große Mehrheit schafft es derzeit auf eine 30-%ige Quote. Es ist also von einer Bestellungsoffensive in der kommenden Saison auszugehen.
Negative Vorzeichen für Vergütungsberichte
Nachhaltige Probleme für Österreichs Börsenunternehmen kommen im Rahmen der Vergütungsberichte auf. Das alpenländische Vergütungsberichtswesen hat über die Jahre ein nationales Eigenleben entwickelt. Häufiger Kritikpunkt der internationalen Stimmrechtsberater war die fehlende Transparenz der Vergütungszurechnung. Nach Aussagen der Berater wird ab der Berichtssaison 2026 der internationale Maßstab für die Vergütungsberichte herangezogen. Anders als in Deutschland ist das Votum der Stimmrechtsberater zwar weitgehend ohne Konsequenzen, jedoch mag sich angesichts der beschriebenen Streubesitzzusammensetzung kaum ein Unternehmen langfristig auf die nationalen Usancen versteifen. Ob eine Umsetzung zeitnah und flächendeckend erfolgt, ist offen.
Fazit
Österreichs Börsenunternehmen zeigen in Zeiten der geopolitischen Eruptionen erstaunliche Krisenbeständigkeit. Ähnlich zu den weltweiten Börsen reüssiert der Wiener Finanzmarkt. Die kommende Hauptversammlungssaison wird sich weitgehend ähnlichen Themen wie in Deutschland widmen. Dabei dürfte die HV-Kultur allerdings für einen deutlich konfliktfreieren Ablauf sorgen.
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