Bildnachweis: Andriy Onufriyenko, Getty Images, Servier Deutschland.

Bei niedriggradigen Gliomen, einer seltenen Form von Hirntumoren, waren die therapeutischen Möglichkeiten lange begrenzt. Servier hat nun eine zielgerichtete Behandlungsoption verfügbar gemacht und stärkt sein Engagement bei Hirntumoren mit weiterer Forschung und der milliardenschweren Übernahme des US-Biotechunternehmens Day One. Von Urs Moesenfechtel

Dahinter steht eine Onkologiestrategie, die über Jahre mit Investitionen und Akquisitionen aufgebaut wurde. Dass Servier Deutschland 2026 sein 30-jähriges Bestehen feiert, rückt deshalb eine Voraussetzung besonders in den Blick: Medizinischer Fortschritt braucht langen Atem.

Seltene Erkrankung, hoher Therapiebedarf

Gliome sind Hirntumoren, die aus Gliazellen beziehungsweise deren Vorläuferzellen entstehen. Bei IDH-mutierten Gliomen Grad 2 weisen die Tumorzellen eine charakteristische Veränderung in den Genen IDH1 oder IDH2 auf. Diese Tumoren betreffen häufig jüngere Erwachsene und wachsen meist langsam, können aber fortschreiten und sich zu aggressiveren Formen entwickeln. Nach einer möglichst weitgehenden Operation kann eine Phase folgen, in der eine unmittelbare Radio- oder Chemotherapie noch nicht angezeigt ist. Gliome weisen ein diffuses infiltratives Wachstumsmuster auf, bei dem Tumorzellen weit in das umliegende Hirngewebe eindringen. Dadurch verbleiben selbst nach einer Resektion in der Regel residuelle Tumorzellen im Gehirn, die zu einem weiteren Fortschreiten der Erkrankung beitragen können.

Damit bestand über Jahre ein therapeutisches Dilemma: Radio- und Chemotherapie können mit langfristigen Belastungen verbunden sein, bloßes Beobachten greift dagegen nicht in die Tumorbiologie ein. Der medizinische Bedarf bemisst sich nicht an der Zahl der Betroffenen, sondern an der Schwere der Erkrankung und den verfügbaren Behandlungsoptionen. Zugleich ist die Erkrankung selten: Eine 2025 veröffentlichte Analyse auf Basis deutscher Krebsregisterdaten schätzt die Zahl neu diagnostizierter IDH-mutierter Grad-2-Gliome in Deutschland auf durchschnittlich 460 Fälle pro Jahr – rund 0,6 pro 100.000 Einwohner.

Für Servier passt diese Konstellation zur Ausrichtung auf seltene Krebserkrankungen mit hohem ungedecktem Therapiebedarf und molekular definierten Zielstrukturen. Eine solche bieten Veränderungen in den Genen IDH1 oder IDH2. Sie führen zu mutierten IDH-Enzymen, die einen Stoff produzieren, der die Entwicklung und das Wachstum des Tumors fördert. Die Mutation dient damit nicht nur der genaueren Bestimmung des Tumors, sondern eröffnet auch einen Ansatz für eine gezielte Behandlung.

Erstmals eine zielgerichtete Therapie

Mit Vorasidenib von Servier steht für diese Patientengruppe erstmals seit mehr als zwei Jahrzehnten eine neue Therapieoption zur Verfügung. Der Wirkstoff hemmt die veränderten Enzyme IDH1 und IDH2. Den klinischen Nachweis lieferte die internationale Phase-III-Studie INDIGO mit 331 Patientinnen und Patienten, die nach einer Operation keinen unmittelbaren Bedarf an einer Radio- oder Chemotherapie hatten. Das mediane progressionsfreie Überleben lag bei 44,1 Monaten versus 11,4 Monaten unter Placebo (Datenschnitt vom Januar 2025, präsentiert Ende Mai 2026 beim American Society of Clinical Oncology (ASCO) Annual Meeting, einem der weltweit wichtigsten Onkologiekongresse). Auch die Zeit bis zur nächsten therapeutischen Intervention verlängerte sich deutlich.

Illustration. © Servier Deutschland
Illustration. © Servier Deutschland

Seit September 2025 ist Vorasidenib in der EU zur Behandlung überwiegend nicht kontrastmittelanreichernder Grad-2-Gliome mit einer IDH1- oder IDH2-Mutation zugelassen. Dazu zählen Astrozytome und Oligodendrogliome, zwei unterschiedliche Formen von Gliomen. Die Zulassung gilt für Erwachsene und Jugendliche ab zwölf Jahren und einem Körpergewicht von mindestens 40 Kilogramm, die bislang ausschließlich operiert wurden und keine unmittelbare Strahlen- oder Chemotherapie benötigen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) stellte im Mai 2026 für das Orphan Drug einen Anhaltspunkt für einen nicht quantifizierbaren Zusatznutzen fest.

Weitere Auswertungen der INDIGO-Studie, ebenfalls vorgestellt auf dem ASCO Annual Meeting 2026, zeigen zudem, dass Vorasidenib die Rate an epileptischen Anfällen – eine häufige und belastende Folge von Gliomen – um 72 % im Vergleich zu Placebo reduzieren kann. Bei Patientinnen und Patienten mit Anfällen blieb auch die gesundheitsbezogene Lebensqualität im Vergleich zu Placebo über die Zeit länger erhalten.

Milliardeninvestition in niedriggradige Gliome.

Für Servier ist Vorasidenib Teil einer größeren Entwicklung. Im April 2026 schloss der Konzern die Übernahme des US-Biotechunternehmens Day One Biopharmaceuticals für rund 2,5 Mrd. USD ab. Dahinter steht ein Wandel in der Onkologie: Statt großer organbezogener Indikationen rücken kleinere, molekular definierte Patientengruppen in den Fokus. Auch geringe Fallzahlen können für die Arzneimittelentwicklung relevant sein, wenn ein hoher medizinischer Bedarf auf eine therapeutisch nutzbare Zielstruktur trifft.

Onkologie wird zur wirtschaftlichen Säule

Wie stark Servier diesen Bereich ausgebaut hat, zeigen die Geschäftszahlen. Der Onkologieumsatz stieg von 1,43 Mrd. EUR 2023/24 auf 2,21 Mrd. EUR 2024/25 – ein Plus von 54,6 %. Der Anteil am Konzernumsatz wuchs von 24,2 auf 32,2 %. Servier führt den Wachstumsschub insbesondere auf den US-Launch von Vorasidenib unter dem Handelsnamen Voranigo zurück. Der Gesamtumsatz erreichte 2024/25 6,86 Mrd. EUR, 16,2 % mehr als im Vorjahr. Rund 70 % der Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen fließen inzwischen in die Onkologie. Mitte 2026 umfasste die gesamte Pipeline 60 Forschungs- und Entwicklungsprojekte, davon 37 in klinischer Entwicklung. Die Schwerpunkte reichen von Hirntumoren über gastrointestinale Tumoren bis zu hämatologischen Erkrankungen. In Deutschland entfallen nach Unternehmensangaben rund 90 % des Umsatzes auf Hämatologie und Onkologie. Das Onkologieportfolio umfasst fünf Präparate: Lonsurf, Onivyde, Tibsovo, Oncaspar und Voranigo.

Über Jahre aufgebaut

Die heutige Position ist Ergebnis eines langfristigen Aufbaus. 2015 begann Servier, die Onkologie systematisch zu einer strategischen Säule zu entwickeln. 2018 übernahm der Konzern für 2,4 Mrd. USD die Onkologiesparte von Shire. Zum Paket gehörten unter anderem Oncaspar, internationale Rechte an Onivyde und weitere Entwicklungsprogramme; zugleich erhielt Servier eine direkte kommerzielle Präsenz im US-Markt. Es folgten Investitionen in Forschung, Partnerschaften und Akquisitionen. Die Übernahme von Day One 2026 setzt diese Linie fort.

Drei Jahrzehnte als Fundament

Für Servier Deutschland fällt diese Entwicklung in ein besonderes Jahr. Die 1996 in München gegründete Landesgesellschaft besteht 2026 seit 30 Jahren und blickt zugleich auf zehn Jahre operative Tätigkeit in Hämatologie und Onkologie zurück. Das Jubiläum verdeutlicht, wie viel Vorlauf pharmazeutische Innovation benötigt: Zwischen der Identifikation einer molekularen Zielstruktur, Forschung, klinischen Studien, Zulassung und Versorgung liegen Jahre.

Serviers Struktur unterstützt diese langfristige Perspektive. Der 1954 gegründete, nicht börsennotierte Konzern, wird seit 2014 von einer gemeinnützigen Stiftung getragen. Rund 20 % der Umsätze mit Originalpräparaten fließen nach Unternehmensangaben in Forschung und Entwicklung. Gerade bei seltenen Erkrankungen mit kleinen Patientenpopulationen, langen Forschungszyklen und hohen Entwicklungsrisiken wird langfristige Kapitalallokation zum strategischen Faktor. In Deutschland steht neben der 1996 gegründeten Vertriebsgesellschaft eine bereits seit 1985 bestehende Forschungs- und Entwicklungseinheit; der Standort ist zudem in internationale klinische Entwicklungsprogramme eingebunden.

Die Entwicklung bei IDH-mutierten Gliomen zeigt damit, was langer Atem in der Arzneimittelentwicklung konkret bedeutet: Aus einem molekularen Ansatz wurde über Jahre eine zugelassene Therapie, während Servier parallel Forschung, Portfolio und Onkologiegeschäft ausbaute. Die 30 Jahre Servier Deutschland sind ein Teil dieses Fundaments.

Autor/Autorin

Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.