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Ein Ansatz aus der kardiovaskulären Grundlagenforschung soll bei Revier Therapeutics nun in die Wirkstoffentwicklung überführt werden: Wissenschaftler aus Heidelberg und Utrecht nehmen dazu eine bestimmte Gruppe von Histondeacetylasen (Klasse-IIa-HDACs) ins Visier – Enzyme, die unter anderem die Aktivität von Genen mitsteuern und bei kardiometabolischen Erkrankungen eine Rolle spielen. Unterstützt werden sie von institutionellen und regionalen Investoren. Die ersten Programme zielen auf Heart Failure with Preserved Ejection Fraction (HFpEF), eine Form der Herzinsuffizienz, und Atherosclerotic Cardiovascular Disease (ASCVD), durch Atherosklerose bedingte Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mit der Finanzierung beginnt nun der operative Aufbau und die Weiterentwicklung der präklinischen Pipeline.
Seed-Konsortium mit Life-Sciences-Erfahrung
Die 6 Mio. EUR schwere Seed-Runde wird vom KHAN Technology Transfer Fund II (KHAN-II) angeführt. Der Lead-Investor passt dabei eng zum wissenschaftlichen Ursprung von Revier Therapeutics: KHAN-II ist darauf ausgerichtet, frühe akademische Forschungsprojekte in kommerziell entwickelbare Wirkstoffprogramme zu überführen. Der Fonds konzentriert sich auf First-in-Class-Therapien und investiert bereits ab Proof-of-Concept sowie in der Pre-Seed- und Seed-Phase. Über die Khanu Fondsverwaltung besteht zudem eine enge Verbindung zum Lead Discovery Center (LDC) in Dortmund, das akademische Projekte nach industriellen Standards in der Wirkstoffentwicklung voranbringt. Zu den Kapitalgebern von KHAN-II gehören unter anderem der European Investment Fund (EIF), die Max Planck Foundation, Akros Pharma und die Thyssen’sche Handelsgesellschaft.
Mit dem High-Tech Gründerfonds (HTGF) kommt ein Investor hinzu, der bereits mehrere wissenschaftsbasierte Life-Sciences-Unternehmen in der kardiovaskulären Wirkstoffentwicklung begleitet hat. Dazu zählt Cardior Pharmaceuticals: Der HTGF beteiligte sich 2017 an der ersten Finanzierungsrunde des Spin-offs der Medizinischen Hochschule Hannover, das RNA-basierte Therapeutika unter anderem für Herzinsuffizienz entwickelte. 2024 übernahm Novo Nordisk Cardior für bis zu 1,025 Mrd. EUR einschließlich möglicher Meilensteinzahlungen. Seit 2025 ist der HTGF zudem an EvlaBio beteiligt, das First-in-Class-Therapeutika für kardiovaskuläre und kardiorenale Erkrankungen entwickelt.
VORNvc erweitert die Runde um einen technologieorientierten Investor mit regionalem Schwerpunkt. Der Dortmunder VC bündelt unter anderem Kapital regionaler Sparkassen und Unternehmer, investiert bis zu 5 Mio. EUR und kann Unternehmen als Lead- oder Co-Investor über mehrere Finanzierungsrunden begleiten. Life Sciences sind dabei nicht der alleinige Fokus; mit KyDo Therapeutics befindet sich jedoch bereits ein Dortmunder Biotechunternehmen im Portfolio, das niedermolekulare Inhibitoren für die Krebstherapie entwickelt.
Den unmittelbarsten Bezug zu Revier Therapeutics hat Revier Invest Heidelberg. Die eigens zur Beteiligung gegründete Gruppe besteht nach Unternehmensangaben aus neun privaten Investoren aus der Rhein-Neckar-Region, Lünen (bei Dortmund) und Detroit. Gegründet wurde Revier Invest Heidelberg von Business Developer Daniel Stern, der auch das Managementteam führt. Neben der Kapitalbeteiligung soll das Team Revier Therapeutics beim Business Development in Baden-Württemberg unterstützen. Die Gesellschaft versteht ihr Engagement damit auch als Beitrag zur Stärkung des Biotechnologiestandorts Baden-Württemberg.
Neben dem Kapital soll das von Daniel Stern geführte Management Revier Therapeutics beim Business Development in Baden-Württemberg unterstützen. Die Beteiligung ist damit nicht auf die Finanzierung beschränkt: Revier Invest Heidelberg soll Revier Therapeutics auch beim weiteren Unternehmensaufbau in Baden-Württemberg begleiten.
Operativer Start mit zwei präklinischen Programmen
Histondeacetylasen sind schon länger ein Ansatzpunkt für neue Medikamente: Sind bestimmte HDAC-abhängige Prozesse krankhaft verändert, kann es therapeutisch sinnvoll sein, die beteiligten Enzyme zu hemmen. Frühere HDAC-Inhibitoren hatten jedoch ein Problem: Sie unterschieden zu wenig zwischen den verschiedenen HDAC-Klassen und blockierten mehrere davon gleichzeitig. Sie griffen vergleichsweise breit in verschiedene HDAC-Klassen ein. Eine solche geringe Selektivität kann dazu führen, dass neben der gewünschten Wirkung auch biologische Funktionen beeinflusst werden, die erhalten bleiben sollen. Laut Revier Therapeutics waren bei früheren Ansätzen dosislimitierende Nebenwirkungen eine wesentliche Folge.
Hier setzt das Unternehmen mit seinen Small Molecules an. Statt mehrere HDAC-Klassen zu hemmen, sollen die Wirkstoffkandidaten selektiv die krankheitsrelevante enzymatische Aktivität von Klasse-IIa-HDACs adressieren. Zugleich sollen wichtige biologische Funktionen der Klasse-IIa-HDACs sowie kanonischer Klasse-I-HDACs erhalten bleiben. Revier Therapeutics verspricht sich von dieser Trennschärfe einen therapeutischen Effekt bei gleichzeitig günstigerem Sicherheitsprofil. Die Wirkstoffkandidaten sind zudem auf eine orale Verabreichung ausgelegt. Nach Angaben des Unternehmens handelt es sich um einen First-in-Class-Ansatz: Revier Therapeutics will erstmals Klasse-IIa-HDACs selektiv für die Behandlung kardiometabolischer Erkrankungen therapeutisch nutzen. Ob dieses Konzept den gewünschten klinischen Vorteil bringt, muss allerdings erst gezeigt werden. Die Pipeline befindet sich noch in der präklinischen Entwicklung.
Start bei Herzinsuffizienz und Atherosklerose
Das Lead-Programm zielt auf HFpEF, eine Form der Herzinsuffizienz. Anders als bei anderen Formen der Herzschwäche ist die Pumpkraft des Herzens dabei nicht deutlich vermindert. Das Problem liegt unter anderem darin, dass sich die linke Herzkammer nicht ausreichend entspannen und mit Blut füllen kann. Dadurch steigt der Druck im Herzen und im Lungenkreislauf – Betroffene leiden beispielsweise unter Atemnot und eingeschränkter körperlicher Belastbarkeit. Das zweite Programm adressiert ASCVD. Dabei handelt es sich nicht um eine einzelne, sondern um eine Gruppe von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, denen Atherosklerose als gemeinsamer Krankheitsprozess zugrunde liegt. Dabei führen Ablagerungen in den Arterien zu Verengungen und einer schlechteren Blutversorgung. Zu den möglichen klinischen Folgen zählen koronare Herzerkrankungen und Herzinfarkte ebenso wie ischämische Schlaganfälle oder periphere arterielle Erkrankungen.
Die Seed-Finanzierung ist dabei nicht allein für die Arbeit an den Wirkstoffkandidaten vorgesehen. Revier Therapeutics will mit dem Kapital auch seine operativen, wissenschaftlichen und klinischen Funktionen aufbauen. Damit finanziert die Runde den Übergang von der wissenschaftlichen Grundlage hin zu einer breiter aufgestellten präklinischen Entwicklung und schafft zugleich die organisatorischen Voraussetzungen für die nächsten Entwicklungsschritte. Erklärtes Ziel von Revier Therapeutics ist es, die Lead-Programme zügig in Richtung Klinik voranzubringen. Einen konkreten Zeitplan für den Beginn klinischer Studien nennt das Unternehmen bislang nicht.
Von Heidelberg und Utrecht zur Biotech-Pipeline
Die wissenschaftlichen Wurzeln von Revier Therapeutics liegen maßgeblich in der kardiovaskulären Forschung um Prof. Johannes Backs. Er leitet das Institut für Experimentelle Kardiologie am Universitätsklinikum Heidelberg und erforscht die molekularen und epigenetischen Mechanismen von Herzerkrankungen. Darüber hinaus ist Backs Interimsdirektor des Helmholtz Institute for Translational AngioCardioScience (HI-TAC) und über eine Professur mit dem Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) verbunden. Seine Forschung beschäftigt sich mit den molekularen und epigenetischen Mechanismen von Herzerkrankungen; ein Schwerpunkt liegt auf Histondeacetylasen (HDACs) und ihrer Rolle bei kardiovaskulären Erkrankungen. Grundlagenarbeiten aus seinem Forschungsumfeld bilden die wissenschaftliche Basis für den heutigen Fokus des Unternehmens auf Klasse-IIa-HDACs bei kardiometabolischen Erkrankungen.
CEO und Mitgründerin Prof. Eva van Rooij forscht an den molekularen Ursachen von Herzinsuffizienz und neuen therapeutischen Ansätzen an University Medical Center Utrecht. Erfahrung mit der Überführung solcher Erkenntnisse in die Wirkstoffentwicklung sammelte sie bereits in den USA: Ihre Arbeiten zu microRNAs bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen bildeten eine wissenschaftliche Grundlage für das Biotechunternehmen miRagen Therapeutics (jetzt: Viridan Therapeutics), für das sie anschließend auch tätig war.
Zum Führungsteam von Revier Therapeutics gehören außerdem CTO Mike Nolan und CSO Matthias Dewenter sowie CMO Prof. Norbert Frey.
Selektivität muss sich in der Klinik beweisen
Die Ausgangsthese von Revier Therapeutics ist klar: Eine selektivere Beeinflussung der HDAC-Biologie könnte einen therapeutischen Ansatz ermöglichen, ohne die Nachteile einer breiteren HDAC-Hemmung in gleichem Maße in Kauf nehmen zu müssen. Revier Therapeutics will daraus langfristig nicht nur einzelne Wirkstoffe, sondern eine Pipeline krankheitsmodifizierender Therapien für kardiometabolische Erkrankungen entwickeln.
Mit HFpEF und ASCVD adressiert Revier Therapeutics Erkrankungen mit hoher Krankheitslast. Nach den im Mai 2026 veröffentlichten Daten des ESC Atlas lebten 2023 in den Mitgliedsländern der European Society of Cardiology rund 121 Mio. Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, mehr als 9 Mio. davon mit Herzinsuffizienz. Wie relevant dabei HFpEF ist, zeigt eine 2022 veröffentlichte Auswertung der populationsbasierten Hamburg City Health Study: Unter 7.074 Teilnehmern im Alter von 45 bis 78 Jahren lag die HFpEF-Prävalenz nach den ESC-Kriterien von 2021 bei 2,19%; HFpEF machte rund 45% der diagnostizierten Herzinsuffizienzfälle aus.
Noch steht allerdings die entscheidende Translation bevor. Ob sich die Selektivität der Klasse-IIa-HDAC-Inhibitoren aus präklinischen Modellen in einen klinisch relevanten Wirksamkeits- und Sicherheitsvorteil übersetzen lässt, wird sich erst in der weiteren Entwicklung zeigen.
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.






