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Bildnachweis: Andrey Popov – stock.adobe.com, privat.

Mein Weg vom Arzt zum Seed-Investor war nicht geplant, sondern ergab sich sukzessive: Das Leben ist eben kein Businessplan. Die Bausteine waren kritische Analyse hergebrachter Therapiekonzepte, Risikobereitschaft sowie klinische und wissenschaftliche Mentoren an der University of California, Los Angeles (UCLA), die neben der klinischen Rolle Medizintechnikunternehmen gründeten und die Translation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft vorlebten. Von Dr. Georg Matheis

 

An der Universitätsklinik in Frankfurt durften wir im Rahmen zahlreicher Medizinproduktestudien für Start-ups aus den USA mit deren Gründern und Investoren intensiv über den klinisch-wissenschaftlichen Tellerrand schauen und dabei auch Due Diligence und Businessplanung in der Praxis lernen.

Vom Herzchirurgen zum Vollzeitunternehmer

Diese Konstellation bahnte den Schritt vom Herzchirurgen und Wissenschaftler zum Start-up-Gründer und Unternehmer: Das erste, 1999 gegründete Start-up entwickelte ein Produkt zur Reanimation (extrakorporale kardiopulmonale Reanimation, eCPR) durch kontrollierte Ganzkörper-Reperfusion – dabei wird der Kreislauf durch eine Blutpumpe außerhalb des Körpers wiederhergestellt. Mein Zögern, den akademischen Weg zu verlassen, war groß, sodass ich mich nur neben der Klinikposition für das erste Start-up engagierte.

Dr. Georg Matheis

Die in der Klinik verlangte hohe Belastbarkeit, lange Arbeitszeit, aber auch der Teamgeist bereiteten mich gut auf das Gründerdasein vor. Trotzdem war die Lernkurve für den Erstgründer schnell und hart: keine Businesserfahrung, ein zwar komplementäres, aber kleines Team (Kaufmann und Ingenieur), dem Markt zu weit voraus und zu wenig Fokus neben der täglichen Arbeit in der Klinik. Jetzt, über 20 Jahre später, ist eCPR auf dem Sprung in die breitere klinische Anwendung und mehrere Produkte sind kommerziell verfügbar. An einem weiteren Start-up in diesem ­Bereich bin ich bis heute beteiligt.

„Die Exekution eines Businessplans folgt Naturgesetzen!“

Das zweite Start-up war ein großer Sprung: Meine Klinikkarriere zugunsten der Geschäftsführung eines Start-ups aufzugeben und Kredite für die Finanzierung aufzunehmen waren wichtige Schritte. Mentoren und Freunde aus der Branche haben mich sehr unterstützt – dieses Privileg erschloss sich mir jedoch erst im Rückblick in vollem Umfang.

Bis die extrakorporale Lungenunterstützung (ECMO) von der FDA zugelassen wurde und in der Pandemie unter öffentlicher Wahrnehmung und mit Studien belegt ihren Wert beweisen konnte, war es ein weiter Weg. Unsere Grundlage für die Produktentwicklung war eine solide Technologie zum Gründungszeitpunkt des Spin-offs ergänzt durch einen Technologiezukauf. Die Investition in klinische Daten legte die Grundlage für Markteintritt und Kostenerstattung – und damit für den Unternehmenserfolg. Das Interesse mehrerer großer Firmen führte zu einem erfolgreichen Trade Sale.

Nächste Station: Seed-Investor

Der notwendige zeitliche und wirtschaftliche Spielraum, um sich als Seed-Investor zu engagieren, steht den meisten Gründern erst nach einem oder mehreren erfolgreichen Exits zur Verfügung. Dem Fokus auf Lunge und Herz bin ich nicht nur als Investor, sondern als Sektorexperte, titelloser Mentor und Company Builder treu geblieben. Zur Medizintechnik mit aktuellem Fokus auf die STIMIT AG und die Tribio GmbH sind inzwischen mehrere Digital-Therapy-Start-ups hinzugekommen.

Als Seed-Investor habe ich die eigene Erfahrung beherzigt, dass ein wichtiger Aspekt für die unternehmerische Motivation des Gründerteams eine solide Beteiligung ist, die nicht auf das Niveau von Jahresboni wegdiluiert wird. Es muss die Chance bestehen, angesichts des immensen Ausfallrisikos mehr zu verdienen als kurzfristig incentivierte, bonusgetriebene Manager in großen Unternehmen. Es ist daher wichtig, mit seinen Investoren eine partnerschaftliche Beziehung zu etablieren. Oft halten es Start-up-Gründer im Käuferuniversum nicht lange aus, obwohl die bei Käufern aktuell beliebten meilensteinbeladenen Trade Sales einen anderen Anschein erwecken. Dem Käufer nach der Transaktion einen „Brain Dump“ anzubieten ist ein gangbarer Weg, eine dauerhafte Managementposition in einem Konzern für viele Gründer aber nicht realistisch.

Werttreiber Medical Need und Patientennutzen

Als wissenschaftlich getriebener Arzt mit Klinik- und 25 Jahren Unternehmererfahrung basieren all meine Engagements auf dem Medical Need und der Bereitschaft, hergebrachte Therapiekonzepte zu hinterfragen, um neue Lösungen zu finden. Gründer, Investor und Beirat bzw. Aufsichtsrat haben das gemeinsame Ziel, Wert zu schaffen. Dies gelingt durch hohen Patientennutzen. Klinische Studien sind die entscheidende Konfrontation mit der klinischen Realität und damit ein zentraler Beitrag zur Sicherung des Erfolgs – klinische Daten müssen daher früh, rasch und dauernd erzeugt werden.

Angesichts der hohen Anforderungen an klinische Studien, Zulassung und Kostenerstattung sind die Qualität des Teams, Fokus, Tempo und Umsetzungsstärke durch alle Rollen hindurch entscheidend. Die Kommunikation zwischen Gründern und Investoren muss eng und vertrauensvoll sein. Mehrmals pro Woche miteinander zu kommunizieren ist wichtig: Denn dies ermöglicht dem Investor tiefen Einblick und damit Urteilsvermögen und Vertrauen für das gemeinsame Ziel, den Unternehmenswert zu steigern.

Ich lehre weiter mit Freude an der Goethe-Universität und durfte gerade mit einem Gründerteam aus zwei Kollegen und einer äußerst talentierten und engagierten Studentin nach über 20 Jahren mit Patronus Health ein weiteres Start-up aus dieser Universität auf den Weg bringen. Dabei habe ich mit Freude festgestellt, dass die Frankfurter Universität heute exzellente Rahmenbedingungen bietet, um ihre Gründer zu unterstützen. Auch VisionHealth ist ein gutes Beispiel für ein auf jahrzehntelanger Erfahrung der Gründerin und ihres Umfelds auf solidem Medical Need aufgebautes Start-up im ­Bereich Lunge und Inhalationstherapie.

 

ZUM AUTOR

Dr. Georg Matheis hat mehr als 30 Jahre Erfahrung als Unternehmer, Herzchirurg und Wissenschaftler. Er ist Experte für Organunterstützung sowie die Translation von Therapiekonzepten und der dazu erforderlichen Medizinprodukte und Apps in die klinische Anwendung. Seine Laufbahn als (Mit-)Gründer, Vorstand, Investor und Aufsichtsrat reicht u.a. von Lifebridge zu Novalung, Xenios, Tribio, STIMIT und VisionHealth. Dr. Matheis schloss mehrere Unternehmensverkäufe ab. Er arbeitete klinisch und wissenschaftlich als Herzchirurg unter anderem an der University of California in Los Angeles (UCLA) und lehrt an der Goethe-Universität in Frankfurt. Sein Portfolio umfasst zahlreiche Patente im Medizinproduktebereich.