„Private Equity kann die medizinische Qualität verbessern“

Ein Interview mit Philipp von Hammerstein, Gimv Health & Care

Bildnachweis: Gimv.

„Private Equity-Investoren im Gesundheitswesen: Fluch oder Segen?“ – Diese Frage ist nicht immer leicht zu beantworten. Dabei steht die Gesundheitsbranche, nicht nur wegen Corona, vor großen Herausforderungen. Und in vielen Fällen können starke Investoren die Akteure in Zeiten des Wandels unterstützen. Zum Wohle aller Beteiligten und vor allem im Sinne einer nachhaltigen und qualitativ guten medizinischen Versorgung.

 

Plattform Life Sciences: Herr von Hammerstein, aktuell redet man, verständlicherweise, allerorts über Corona und die dazugehörige Impfstoffentwicklung. Warum ist es wichtig, die anderen Bereiche der Life Sciences, also Medizintechnik und Healthcare, nicht außer Acht zu lassen?

Von Hammerstein: Natürlich gibt es auch abseits der Impfstoffentwicklung spannende Themen. Das sage ich aus der Perspektive des Investors. Die andere Perspektive ist die öffentliche oder auch die politische und regulatorische Wahrnehmung. Dadurch entsteht ein differenziertes Bild. Zwar sind alle froh, dass Venture Capital-Investoren in die Wirkstoffforschung und -entwicklung investieren und somit schnellere Ergebnisse erzeugt werden konnten. Trotzdem existiert gerade in Deutschland immer noch ein verzerrtes Bild von Investoren und deren Engagement im Gesundheitswesen, außerhalb der forschungsnahen Bereiche. Wenn dann noch Stimmen aus der Politik beispielsweise eine Aufhebung des Patentschutzes fordern, werden sich unter Umständen viele VC-Investoren aus der Forschungsfinanzierung zurückziehen, weil man ihnen so die Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg nimmt. Ohne die Aussicht auf den Patentschutz hätte es keinen Impfstoff gegen Corona gegeben.

In den Bereichen Healthcare-Services stehen momentan alle Träger, egal ob privat oder kirchlich, durch die Pandemie vor großen operativen und teils auch wirtschaftlichen Herausforderungen. Im Medizintechnik-Bereich sehen wir aktuell eine große Differenzierung. Es gibt Unternehmen mit hohen Umsatzgewinnen aufgrund großer Nachfragen. Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen mit starken Einbrüchen.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass der komplette Gesundheitsbereich in all seinen Facetten gut organisiert und vorgehalten werden muss. Insofern ist die Relevanz für Investoren weiterhin gegeben. Ich glaube, dass Investoren in allen Bereichen des Gesundheitswesens perspektivisch eine positive Rolle spielen können.

Beim Thema Wirkstoffentwicklung kam in den Medien auch das Thema „Finanzierung“ zur Sprache. Nicht immer genossen Finanzinvestoren, gerade im Gesundheitswesen, in der Vergangenheit einen guten Ruf. Hat sich das aus Ihrer Sicht nun geändert, weil man sehen kann, was insbesondere Venture Capital bewirken kann?

Corona hat kein völlig neues Bild von Finanzinvestoren im Gesundheitswesen gezeichnet. Ausklammern können wir den Bereich Wirkstoffforschung. Hier hat die Pandemie gezeigt, welch positive Auswirkungen Venture Capital haben kann. Eine Ausnahme bilden populistische Rufe nach einer Abschaffung des Patentschutzes. Auf der anderen Seite existiert eine grundlegende kritische Auseinandersetzung mit Investoren, die es seit Jahren gibt, und die sich in letzter Zeit nicht stark verändert hat.

Dabei gibt es Anlässe dazu. Denn Teil der Wahrheit ist auch, dass Deutschland im letzten Jahr sehr schnell in der Lage war, im Zuge von Corona großflächige Labortests durchzuführen. Dazu gehört auch die Tatsache, dass sich hierzulande rund 70 Prozent der Labore im Besitz von Finanzinvestoren oder großflächigen Unternehmensketten befinden und nicht mehr beim niedergelassenen Labormediziner. Man sieht also, dass sich das Engagement von Finanzinvestoren und sehr schlagkräftige Strukturen nicht widersprechen.

Ich plädiere sehr für regulatorische Standards und einen ethischen Umgang im Gesundheitswesen. Das hat allerdings nichts mit der Struktur der Trägerschaft zu tun. Ich bin davon überzeugt, dass Private Equity-getragene Strukturen zu sehr hohen Qualitätsstandards und klareren Compliance-Richtlinien und Corporate Governance beitragen. Ich bin für hohe Standards, die aber für alle gleichermaßen gelten sollten und auch entsprechend durchgesetzt werden.

„Fluch oder Segen?“ – Wie können sich Anbieter von Private Equity gegen den Vorwurf wehren, dass es ihnen nur um die Rendite geht?

Ein Teil der Diskussion beinhaltet natürlich die Ehrlichkeit, dass Investoren am Ende des Tages an der Rendite orientiert sind. Vor allem ist es wichtig, dass man hinsichtlich medizinischer Qualität Strukturen schafft, die durch eine Verfügbarkeit von medizinischen Dienstleistungen zur Zufriedenheit der Patienten sorgen. In fast allen Bereichen des Gesundheitswesens in Deutschland ist die Vergütung einer definierten Leistung festgelegt. Das bedeutet, es ist legitim, einen Wettbewerb darüber zu haben, wer bringt diese Leistungen früher und besser.

Wir betreiben verschiedenste Unternehmen im pharmazeutischen und medizintechnischen Bereich sowie im Bereich der Healthcare-Services, wie Hausarzt- und Zahnarztpraxen oder OP-Zentren. In all diesen Bereichen geht es uns darum, die Unternehmen dahingehend aufzustellen, dass sie langfristig und nachhaltig erfolgreich sind. Aus meiner Sicht ist der Zielkonflikt, der immer kolportiert wird, der zwischen Rendite und Qualität, nicht existent. Oft kommen wir in neue Unternehmen und es stellt sich die Frage: Wie können wir eine bessere Qualität messbar machen? Das ist ein Streben nach Transparenz, die man anders kaum möglich machen kann.

Private Equity dient häufig auch als eine Art Schmiermittel für notwendige Veränderungsprozesse. Das ist beim Wandel von stationärer zu ambulanter Behandlung genauso wie im Zuge der Digitalisierung und anderer Bereiche. Überall sind Veränderungen und Investitionen notwendig oder im Gange, die in größeren und strukturierteren Unternehmen besser erreichbar und darstellbar sind. Hier sehen wir Chancen und können als Investor Veränderungsprozesse anschieben und begleiten, die natürlich nicht von allen Beteiligten geliebt werden, die aber am Ende des Tages erforderlich sind und auch mit Kapitalbedarf zu tun haben.

Sind diese Veränderungsprozesse die gemeinsamen Interessen, auf deren Ebene sich Investoren, Mediziner und Patienten treffen?

Das unterscheidet sich je nach Gesundheitssystem. In einigen Ländern Europas gibt es noch Wartelisten für bestimmte Behandlungen. In Deutschland überlegen wir etwa bei der Übernahme etablierter Zahnarztpraxen, wie können wir bestehende Qualitätsstandards in der Gruppe weiterentwickeln? Können wir die Interaktion für den Patienten so einfach wie möglich gestalten? Wie kann ich meine Praxis so organisieren, dass Patienten, wenn nötig, auch an einem Samstag behandelt werden können? Solche Fragestellungen drängen sich für den klassischen niedergelassenen Arzt weniger auf. Wo solche Fragen allerdings auf eine größere Struktur treffen und wo der Arzt von administrativen Aufgaben entlastet wird und diese gebündelt werden, lassen sich solche Fragen anders gestalten.

Natürlich hat das auch eine wirtschaftliche Komponente. Doch aus der Sicht eines berufstätigen Patienten, der zum Zahnarzt gehen will, ist es eine Erleichterung, wenn er einen Termin am frühen Morgen, späten Abend oder am Wochenende wahrnehmen kann. Macht dies die Behandlung besser? Nein. Ist es ein Mehrnutzen für den Patienten? Ich denke schon.

Man kann in größeren Strukturen auch mehr Spezialitäten etablieren, wenn etwa fortan bestimmte Operationen vorgenommen werden können, die in einer normalen, niedergelassenen Praxis nicht so durchgeführt werden können, aus welchen Gründen auch immer. Diese abgestufte, intergrierte Versorgung zu etablieren, wird immer wichtiger. All dies erfordert größere Strukturen, die mit Private Equity viel leichter etabliert werden können, als in einer sehr fragmentierten Marktstruktur.

Interessant ist auch der internationale Vergleich: In Frankreich ist Konsolidierung eine offizielle Strategie des Gesundheitsministeriums zur Kostenkontrolle, um so größere Strukturen zu etablieren. Dies könnte auch in Deutschland in der Nach-Corona-Zeit eine interessante Fragestellung werden, wenn es darum geht, eine qualitativ hochwertige und verfügbare medizinische Versorgung sicherzustellen, unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit und Finanzierbarkeit für das Gesamtsystem. Dafür ist in vielen Bereichen eine Konsolidierung des Systems erforderlich.

Schauen wir uns den Healthcare-Bereich genauer an: Welches sind aktuell die spannendsten Segmente für Investoren?

Im Bereich der Gesundheitsdienstleistungen sind dies vor allem jene Bereiche, die einen strukturellen Veränderungsprozess erfahren, etwa im Bereich „Von stationär zu ambulant“. Ein klassisches Beispiel sind Augen-OPs, wo Patienten heute dank moderner OP-, Linsen- und Lasertechnik zumeist wenige Stunden nach einem chirurgischen Eingriff die Praxis wieder verlassen können. Durch den Wandel von einem stationären zu einem ambulanten Setting konnten sich neue, größere Strukturen bilden, die sehr spezialisiert sind.

Andere Bereiche sind jene, die sehr stark von Skalierungseffekten profitieren, etwa Diagnostik, Radiologie oder Labormedizin, also Bereiche, in denen großen Investitionen in große Geräte wirkliche Effekte bringen hinsichtlich Auslastung oder Geschwindigkeit.

Schließlich gibt es Bereiche, in denen sich in den letzten 20 oder 30 Jahren so große Strukturen gebildet haben, bei denen eine klassische Nachfolgeregelung schwierig wird, etwa bei Zahnarztpraxen mit 40 Angestellten, bei denen auch ein gewisser Vermögenswert aufgebaut wurde.

Ein weiteres Segment ist die Versorgung älterer Patienten Zuhause. Hier kommt es zu Spezialisierung hinsichtlich bestimmter Produktgruppen, etwa im Bereich der Inkontinenzversorgung. Dieses Thema hängt nicht nur stark mit der alternden Gesellschaft zusammen, sondern auch mit dem soziologischen Aspekt, dass ältere Menschen nicht mehr gerne ins Alters- oder Pflegeheim gehen. Das Pflegeheim ist in der öffentlichen Wahrnehmung immer mehr zum Hospiz geworden. So organisieren immer mehr spezialisierte Anbieter die Versorgung und Pflege Zuhause.

Es ist spannend, solche Entwicklungen, die aus technologischen, sozio-demografischen oder aus regulatorischen Veränderungen resultieren, zu antizipieren und Veränderungsprozesse mitzugestalten, zu beschleunigen und mit Kapital auszustatten.

Welche positiven Fallbeispiele aus Ihrem Portfolio können Sie exemplarisch nennen?

Medi-Markt ist ursprünglich aus einem Sanitätshaus entsprungen und hat sich mit der Zeit zu einem spezialisierten Anbieter für die Beratung und Versorgung mit medizinischen Hilfsmitteln insbesondere im Bereich aufsaugender und ableitender Inkontinenz sowie Stoma entwickelt. Das Unternehmen ist ein gutes Beispiel zum Thema „Skalierung“, wenn es darum geht, Angebote und Patientengruppen zu bündeln und attraktive Angebote für Krankenkassen zu machen. Das Produktangebot ist sehr breit, gleichzeitig geht die Beratungsleistung wesentlich tiefer, als dies ein stationärer Versorger oder ein Sanitätshaus jemals schaffen könnte. Natürlich wollen einzelne Apotheken eine solche Preisentwicklung nicht mitgehen. Für den Beitragszahler ist ein derart spezialisiertes Angebot aber gleichwohl qualitativ und wirtschaftlich wesentlich attraktiver. Gimv ist seit 2018 in Medi-Markt investiert und wir wollen neben dem organischen Wachstum vor allem die Digitalisierung vorantreiben.

Ein anderes Beispiel ist die Zahnarztkette GPNZ, die wir aufbauen und betreiben. Der Schwerpunkt liegt auf Praxen in kleineren Städten sowie Randlagen von größeren Städten. Hier gibt es viele Praxen, die mit der Zeit so gewachsen sind, dass sie etwa im Fall einer Nachfolgeregelung gar nicht mehr ohne weiteres an einen zahnärztlichen Nachfolger veräußert werden können. Gleichzeitig wollen sich viele Zahnärzte nicht selbstständig niederlassen, um Beruf und Familie miteinander vereinbaren zu können. Die sehr starke Feminisierung in diesem Bereich verstärkt diesen Trend.

Viele Private Equity-Gesellschaft sind in diesen Segmenten tätig. Am Ende des Tages wird es einen Wettbewerb um Patienten geben, aber damit auch einen Wettbewerb um die bessere Verfügbarkeit und höhere Qualität

Trotz vieler positiver Aspekte von Private Equity im Gesundheitswesen, muss hier in Zukunft noch mehr Aufklärungsarbeit geleistet werden?

Ich glaube, dass sich für die Patienten wenig ändert. In fast allen Zahnarztpraxen, in denen wir investiert sind, arbeiten immer noch die gleichen Ärzte, das heißt, die Ärzte, die ihre Praxis verkauft haben, sind dort weiterhin beschäftigt. Im Zweifelsfall ändert sich für den Patienten die Interaktion mit der Praxis nicht und nur die Rechnung kommt von einem neuen Träger und es sind in der Gruppe mehr Spezialisten verfügbar oder die Öffnungszeiten ändern sich. Die Preissetzung oder die medizinische Qualität hat sich per se nicht geändert.

Die Fragestellung die wir haben, ist eine der politischen Öffentlichkeit und auch der standespolitischen Öffentlichkeit. Es gibt nach meiner Überzeugung gewisse Funktionäre in der Ärzteschaft und in anderen Bereichen des Gesundheitswesens, die sehr partikulare Interessen vertreten, und es wird gegen Veränderungen im System gewettert, ohne dass dies eine medizinisch-qualitative Begründung hat. Viele Dinge bleiben unwidersprochen im Raum stehen. Das sind überwiegend haltlose Positionen, etwa hinsichtlich Qualitätsverlusten durch Sparmaßnahmen. Erst kürzlich hat das Bundesgesundheitsministerium durch den Sachverständigenrat ein Gutachten eingeholt, das zu dem Ergebnis kommt, dass viele der Einschränkungen, die eingeführt worden sind, um dem Wachstum von Investoren im Gesundheitswesen entgegenzuwirken wahrscheinlich verfassungswidrig sind und dass es darüber hinaus keine konkreten Hinweise dafür gibt, dass es dadurch zu einer Verbesserung oder Verschlechterung der medizinischen Qualität kommt – übrigens auch nicht außerhalb Deutschlands. Selbst politisch liberale Kräfte sind plötzlich bestrebt, Investoren zu beschränken, weil sie ihre klassische Wählerklientel bedienen wollen. Wobei es ja die Ärzte selbst sind, die ihre Praxen verkaufen.

Letztlich geht es um Transparenz. Auch Register sind möglich, in denen steht, wem gehört eigentlich welche Praxis. Ich bin auch dafür, dass Daten veröffentlicht werden. Qualität muss messbar sein. Das muss aber für alle gelten, für jede Praxis, ob diese nun von einem Arzt oder einem Investor gehalten wird. Ich bin davon überzeugt, dass die medizinische Qualität einer Arztpraxis, die von einem Private Equity-Unternehmen geführt wird, höher ist, als der Durchschnitt, und zwar im ärztlichen als auch im pflegerischen Bereich.

Das Interview führte Holger Garbs.

 

ZUM INTERVIEWPARTNER

Philipp von Hammerstein ist seit 2016 Teil des Gimv Health & Care Teams. Seither verantwortete er die Investmentaktivitäten von Gimv im deutschsprachigen Europa (DACH Region). Vor seinem Einstieg bei Gimv war Philipp von Hammerstein für KPMG in Deutschland im Bereich Deal Advisory – M&A tätig. Philipp von Hammerstein hat in Bonn, Berlin und Toulouse studiert. Er ist Diplomkaufmann (Technische Universität Berlin) und hält einen Master in Management (ESC Toulouse/Toulouse Business School).

Über den Autor

Holger Garbs ist seit 2008 als Redakteur für die GoingPublic Media AG tätig. Er schreibt für die Plattform Life Sciences und die Unternehmeredition.