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Im Gespräch mit der Plattform Life Sciences gibt Gimv-Manager Philipp von Hammerstein Einblicke in aktuelle und künftige Herausforderungen in die Life Science-Branche aus Sicht eines Evergreen-Investoren. Er verweist auf mögliche Folgen gesundheitspolitischer Umwälzungen und beantwortet die Frage, warum „Healthcare“ zunehmend weiblicher wird.

 

Plattform Life Sciences: Herr von Hammerstein, lange Zeit schien „Healthcare“ kein interessantes Betätigungsfeld für Investoren. Welche Rolle spielt dieses Segment aktuell in der Private-Equity-Branche im deutschsprachigen Raum?

Von Hammerstein: Natürlich gestaltet sich der gesamte Bereich „Healthcare“ sehr vielschichtig. Folglich finden sich in den einzelnen Sub-Segmenten verschiedene Arten von Investoren mit ganz unterschiedlichen Interessen.

Im Healthcare-Services-Bereich hat man bereits vor zehn oder 15 Jahren eine große Welle der Konsolidierung erwartet, die sich dann aber nicht in dieser Form materialisiert hat. In anderen Märkten, wie beispielsweise in Großbritannien, waren sehr viel dynamischere Entwicklungen zu beobachten.

Aktuell sehen wir aber, dass sich die Anzahl der Investoren erhöht, die sich zutrauen, in Healthcare-Services zu investieren. Es handelt es sich um einen stark reglementierten Markt, was lange Zeit viele Investoren abgeschreckt hatte – heute wird dies eher positiv gesehen, da umgekehrt geringe konjunkturelle Risiken gesehen werden.

In manchen Bereichen müssen Investoren gewisse Trägerstrukturen beachten, sofern sie Beteiligungen an Medizinischen Versorgungszentren anstreben. Aber selbst solche Hürden nehmen immer mehr Investoren in Kauf. Vor diesem Hintergrund beobachten wir inzwischen eine zunehmend sehr dynamische Aktivität von Investoren im Healthcare-Bereich.

Welchen Mehrwert kann Private Equity dem Gesundheitssektor bieten, im Allgemeinen und im Konkreten?

Es gibt im Gesundheitswesen einen klaren Bedarf an konsolidierten größeren Strukturen. Das heißt, der Mehrwert von Private Equity im Gesundheitswesen ergibt sich nicht alleine aus einer reinen Finanzlogik. Viele ambulante medizinische Versorgungseinrichtungen haben heute Strukturen, die denen eines kleinen Krankenhauses ähneln. Vor diesem Hintergrund ist eine bloße Finanzierung durch die Bank oftmals nicht ausreichend. Zugleich wollen immer weniger Ärzte tatsächlich selbstständig arbeiten. Und schließlich wird der Beruf an sich immer weiblicher. Das bedeutet, wir erleben mehr Ärztinnen in Teilzeit oder im Mutterschutz. Die gesamte ärztliche Personalsituation und Interessenlage verändert sich massiv. All dies erfordert höhere institutionelle Strukturen, bei deren Entwicklung Private Equity eine Art Katalysator sein kann. Private-Equity-Geber fungieren hier häufig als Experten mit betriebswirtschaftlichem Know-how und den notwendigen organisatorischen Strukturen.

Grundsätzlich ist dieses Managementwissen im Gesundheitswesen noch nicht flächendeckend vorhanden, die Branche ist also nicht „overmanaged“. Etablierte Prozesse und Strukturen aus anderen Branchen können unter Umständen im Gesundheitsbereich übernommen werden. Private Equity schaut dabei nicht nur auf Wirtschaftlichkeit oder Profitabilität, sondern wir denken hier insbesondere auch an Qualität, Prozess und Stabilität.

Welches sind die wichtigsten Trends im Gesundheitsbereich, auf die Private Equity setzt?

Ein ganz großes Thema verbirgt sich hinter dem Stichpunkt „Ambulantisierung“, also dem Trend, Patienten aus Krankenhäusern in spezialisierte ambulante Einrichtungen zu transferieren. Hier erleben wir massive strukturelle Marktveränderungen. Das ist für einen Investor oft ein sehr attraktives Betätigungsfeld.

Ein gutes Beispiel ist die Augenmedizin. Hier wurden die meisten Eingriffe bis in die 1990er-Jahre noch stationär vorgenommen. Heute werden etwa Operationen am grauen Star ganz überwiegend ambulant vorgenommen. Hier wandert ein nahezu kompletter Markt in eine andere Versorgungsform. Daraus entstehen neue Strukturen, auch im personellen Bereich. Eine vergleichbare Entwicklung findet in vielen Bereichen – bspw. auch in der Orthopädie – statt.

Ein zweiter Treiber ist das Fortschreiten der technologischen Entwicklung. Auch hierdurch entstehen neue bzw. verändern sich Versorgungsformen.

Philipp von Hammerstein, Gimv: „Gerade im Gesundheitssystem brauchen manche Entwicklungen länger als erwartet.“ Bild: Gimv

Umgekehrt: Welche Hoffnungen aus der Vergangenheit haben sich nicht erfüllt?

Gerade im Gesundheitswesen brauchen manche Entwicklungen länger, als man zunächst erwartet. Digitalisierung und Big Data mag hier ein gutes Beispiel sein. Viele Ideen erscheinen logisch und sinnvoll, aber es passiert sehr langsam. Häufig entfalten viele Entwicklungen erst nach einer langen Phase sehr langsamer Entwicklung eine echte Dynamik. Hier ist, gerade auch in Deutschland, häufig Geduld gefragt.

Nachholbedarf sehe ich vor allem im Bereich Prävention, also wenn es darum geht, den Ausbruch oder das Fortschreiten von Krankheiten zu verhindern. Hier mag die Krux auch im deutschen Gesundheitswesen liegen. Grundlegend sind Trends aber eher eine Frage der Geschwindigkeit denn eine Frage des Möglichen oder Unmöglichen.

In welche Unternehmen hat Gimv zuletzt investiert?

Aktuell befinden sich 16 Unternehmen in unserem Healthcare-Portfolio. Die Spanne reicht von Frühphasenprojekten (Venture Capital) in forschenden Bereichen wie Biotech oder Medtech bis hin zu klassischen Dienstleistungsunternehmen (Healthcare Services). Herausheben möchte ich beispielsweise die MVZ Holding in der Schweiz, eine Kette von Hausarztpraxen. Hier wollen wir den Wachstumskurs des Unternehmens fortsetzen, um vor allem die ärztliche Versorgung im ländlichen Bereich auszubauen und sicherzustellen. Ohne dieses Angebot wäre in vielen Fällen die ärztliche Versorgung in diesen Regionen gar nicht mehr organisierbar.

Ein anderes Beispiel aus den Niederlanden ist Equipe, ein Betreiber von ambulanten Operationszentren und in Europa der größte Anbieter von Hand- und Handgelenkchirurgie. Dieses Unternehmen unterstützen wir bei der Eröffnung weiterer Standorte in den Niederlanden, aber auch strategisch beim Einstieg in die Vorsorge sowie in die post-operative Nachsorge. Somit soll dem Patienten ermöglicht werden, ihn während der kompletten Behandlungsdauer in ein und demselben System zu behandeln – bei messbar höherer Qualität sowie besserer Kosteneffizienz für das Gesundheitssystem –, sehr zur Freude der Patienten, aber auch der Krankenkassen.

Wie umgeht Gimv die viel diskutierte Finanzierungslücke?

Kapitallücken drohen eher im Frühphasenbereich. Als börsennotiertes Unternehmen besitzen wir eine Evergreen-Struktur, das heißt, wir verfügen über gut gefüllte Taschen und unbegrenzte Laufzeiten. Im Rahmen unserer Investments wollen wir ein starker Partner sein. Momentan scheint es auch so, dass wieder viel Geld im Markt vorhanden ist. Allerdings gibt es einen speziellen Bedarf an Healthcare-Service Venture Capital oder Early Private Equity für jene Projekte, die zwar über gute Geschäftsmodelle verfügen, jedoch noch keine nennenswerten Umsätze erzielen. Gimv ist hier seit Jahren tätig. Getrieben durch den Anlagedruck, schauen sich aber viele neue Investoren auch in diesem Bereich um.

Wie viel Kapital steht Ihnen für weitere Investments derzeit noch zur Verfügung?

Als börsennotiertes Unternehmen investieren wir überwiegend aus unserer eigenen Bilanz. Insgesamt haben wir derzeit Assets under Management im Wert von ca. 1,6 Mrd. EUR. Unser Ziel ist es, pro Jahr über die Länder verteilt, in denen wir im Bereich Healthcare aktiv sind, im Schnitt einen mittleren bis höheren zweistelligen Millionenbetrag zu investieren.

Welche Entwicklungen werden wir 2018 im HealthCare-Markt sehen – was ist Ihre Prognose, Herr von Hammerstein?

Im Versorgungsalltag werden sich keine dramatischen Neuerungen einstellen. Es wird hoffentlich einige vielversprechende Innovationen im Bereich von Pharma und Medizintechnik geben, die Demographie wird die Patientenzahlen weiter steigen lassen und die Anbieterstruktur wird sich auch zukünftig konsolidieren.

Echte Neuerungen könnten nächstes Jahr aber aus dem politischen Bereich erwachsen. Die Debatte zur Bürgerversicherung wird häufig über die Finanzierungsseite geführt – also wie finanzieren wir die Ausgaben. Ganz wesentliches Element ist aber auch die Einebnung der Abrechnungstarife. Sollte tatsächlich die GoÄ (der Abrechnungskatalog für Privatleistungen) abgeschafft werden, werden sich viele Anbieter vollständig neu orientieren müssen.

Herr von Hammerstein, haben Sie herzlichen Dank für das interessante Gespräch.

Das Interview führte Holger Garbs.

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