Gilead Sciences baut sein Engagement im Bereich Onkologie deutlich aus: Der US-Pharmakonzern übernimmt die Münchener Biotechfirma Tubulis für bis zu 5 Mrd. USD. Davon entfallen 3,15 Mrd. USD auf sofort fällige Zahlungen, der Rest von bis zu 1,85 Mrd. USD wird über erfolgsabhängige Meilensteine geleistet. Der Abschluss der Transaktion wird für das zweite Quartal 2026 erwartet. Tubulis soll nach der Übernahme als eigenständige Forschungseinheit innerhalb von Gilead bestehen bleiben, der Standort München wird als Innovationshub für Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADC) weitergeführt. Von Jenny Gspahn

Fokus auf zielgerichtete Krebstherapien

Tubulis wurde 2019 als Spin-off des Leibniz-Forschungsinstituts für Molekulare Pharmakologie (FMP) in Berlin und der Ludwig-Maximilians-Universität München gegründet. Es entwickelt zielgerichtete ADCs, die Antikörper und zytotoxische Substanzen verbinden, um Krebszellen selektiv zu zerstören. Besonders weit fortgeschritten ist das Präparat TUB-040 gegen platinresistente Eierstock- und bestimmte Lungenkrebsarten. Ergänzt wird das Portfolio durch TUB-030 in der klinischen Entwicklung. Der Wert des Unternehmens vor allem in der zugrunde liegenden Konjugations- und Linker-Technologie, die stabile und erweiterbare ADCs ermöglicht.

Strategische Bedeutung für Gilead

Gilead arbeitet bereits seit knapp zwei Jahren mit Tubulis zusammen. Für Gilead bedeutet die Übernahme nun eine vertikale Integration im ADC-Segment: Das Unternehmen erhält Kontrolle über zentrale Technologiebestandteile, direkten Zugriff auf Payload-Optimierungen und Unabhängigkeit von externen Plattformanbietern. Tubulis hatte bereits bestehende Partnerschaften mit Gilead und Bristol-Myers Squibb, was technische und klinische Risiken reduziere. Gleichzeitig erweitert Gilead seine Expertise in der ADC-Entwicklung neben bestehenden Produkten wie Trodelvy für Brustkrebs.

Finanzielle und marktstrategische Dimension

Seit den frühen Finanzierungsrunden wurde Tubulis von einem breiten Investorenkreis getragen. In der Series A 2020 gehörten dazu u.a. der  High-Tech Gründerfonds (HTGF), Seventure Partners, coparion, Bayern Kapital und OCCIDENT. Die Series B über 60 Mio. EUR wurde 2022 von Andera Partners angeführt; hinzu kamen damals unter anderem Evotec und Fund+. Die große Series C belief sich zunächst auf 308 Mio. EUR und wurde von Venrock Healthcare Capital Partners angeführt; beteiligt waren zudem Wellington Management, Ascenta Capital sowie bestehende Investoren wie Nextech Invest, EQT Life Sciences, Frazier Life Sciences, Andera Partners, Deep Track Capital und weitere. In einem zweiten Closing wurde die Runde auf insgesamt 344 Mio. EUR erhöht; neu hinzu kamen Fidelity Management & Research Company, Janus Henderson Investors und Blackstone Multi-Asset Investing. Gerade diese Rekordfinanzierung machte Tubulis auch publizistisch zum Unicorn-Fall: GoingPublic ordnete das Unternehmen in der Ausgabe 4/2025 sowie im begleitenden Beitrag „Tubulis: Kampf dem Krebs“ der Serie „Unicorns auf Börsenkurs“ zu und verwies auf eine Bewertung von mehr als 2 Mrd. USD.

Analysten sehen in der Übernahme ein Signal für die steigende Attraktivität deutscher Biotech-Firmen, auch vor dem Hintergrund einer weltweiten Übernahmewelle in der Pharmabranche. Die Branche verfügt über erhebliche finanzielle Ressourcen: Laut EY-Bericht stehen Life-Science-Unternehmen 2026 rund 2,1 Bio. USD für M&A-Transaktionen zur Verfügung. In den letzten Jahren wurden nahezu 80 % der neu zugelassenen Medikamente aus kleinen Biotech-Firmen durch die Integration in große Pharmakonzerne zur Marktreife gebracht.

Ausblick

Die Übernahme von Tubulis unterstreicht Gileads strategische Priorität im ADC-Segment und die Bedeutung technologischer Kontrolle für langfristige Marktpositionen. Für Gilead ist es bereits der dritte relevante Deal 2026 neben den Übernahmen von Arcellx und Ouro Medicines.

Autor/Autorin

Content Managerin at GoingPublic Media AG

Jenny Gspahn ist Content Managerin für die Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). In ihrer täglichen Arbeit beschäftigt sie sich mit Themen rund um den Aktienmarkt, aktuelle Börsengänge sowie alle Aspekte rund um die Börsennotiz von Unternehmen.