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M Ventures ist der Corporate-Venture-Capital-Arm der Merck Group mit einem Investitionsvolumen von rund 600 Mio. EUR. Als Evergreen-Investor verfolgt M Ventures ein strategisches und finanzielles Doppelmandat und investiert global in Life Sciences, Healthcare, Electronics und Zukunftstechnologien – von der Gründung von Unternehmen in der Frühphase bis hin zur klinischen oder kommerziellen Phase. Plattform Life Sciences sprach mit Hakan Goker, Managing Director, M Ventures.

Plattform Life Sciences: Herr Goker, wie ist die Investmentstrategie von M Ventures konkret aufgebaut?

Goker: Wir investieren mit dem Ziel, zukunftsfähige Optionen für die drei Unternehmensbereiche der Merck-Gruppe aufzubauen: Life Sciences, Healthcare, Electronics. Ergänzt wird dies durch den ­Frontier-Technology-Fonds, der sich speziell mit Technologien befasst, die am Rande der drei Geschäftsbereiche angesiedelt sind, aber ebenfalls das Ziel ver­folgen, den menschlichen Fortschritt zu verbessern. Wir sind modalitäts- und stufenunabhängig und investieren entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Gründung von Unternehmen in der Frühphase bis hin zur klinischen oder kommerziellen Entwicklung. Ein Beispiel für ein eine Investition in der Spätphase im Bereich Fruchtbarkeit ist ReproNovo.

Wir möchten unseren Portfoliofirmen einen breiten Zugang zu ­Finanzmitteln und hohe Geschwindigkeit auf ­globaler Ebene ­ermöglichen.

Hakan Goker, Managing Director, M Ventures. Copyright Foto: M Ventures

Welche Felder stehen im Fokus – und welche weniger?

Im Healthcarebereich konzentrieren wir uns auf Onkologie, Immunologie, Neurodegeneration und Fertilität. Die Onkologie bleibt ein Schlüsselbereich, wird jedoch zunehmend wettbewerbsintensiver. Dementsprechend verlagern sich die Investi­tionsströme langsam auf andere Therapiebereiche wie Immunologie und Inflammation. Zusätzlich gibt es Aktivitäten im ­Bereich Neurologie; wir beobachten zudem die Kardiologie, aber sie steht aktuell nicht im Fokus, abgesehen von Bereichen, in denen es Überschneidungen mit neuromuskulären Indikationen gibt. Im Bereich Life-Sciences-Tools investieren wir in Analytik, Spatial Biology, Biomanufacturing und Bioprocessing – mit einem klaren ­Fokus auf entscheidungsrelevante Omics-Daten. Bei Electronics liegt der Schwerpunkt auf Materialien und Prozessen für Halbleiteranwendungen.

Wie arbeitet M Ventures konkret mit seinen Portfoliofirmen zusammen?

Wir möchten unseren Portfoliofirmen ­einen breiten Zugang zu Finanzmitteln und hohe Geschwindigkeit auf globaler Ebene ­ermöglichen. Unser europäisches Unternehmen DISCO Pharmaceuticals, das in einer sehr frühen Phase gemeinsam aufgebaut wurde, ist ein gutes Beispiel dafür. Die Erstinvestition erfolgte durch ein vierköpfiges Konsortium zusammen mit Sofinnova Partners, AbbVie Ventures und Panakès Venture. Ziel war es, von Beginn an ausreichend Kapital bereitzustellen, um substanzielle Daten zu generieren – anstatt das Unternehmen durch häufige Nachfinanzierungen zu entwickeln. So wollten wir sicherstellen, dass DISCO seinen First-in-Class-­Vorsprung mit seiner Technologie zur Iden­tifikation von Zielpaaren/Zielgemeinschaften auf der Zelloberfläche behaupten kann. Das Unternehmen hat die hohe Attraktivität seiner Technologie erst kürzlich durch den Abschluss einer ­Kooperation mit Amgen untermauert. Ein weiterer Teil unserer Zusammenarbeit mit unseren Portfoliounternehmen besteht darin, bei Interesse die Beziehungen ­zwischen ihnen und Merck zu fördern. Im Laufe der Jahre hat diese Förderung zu aktiven Kooperationen zwischen Merck und bis zu 40 % der M-Ventures-Unternehmen geführt – etwa durch Forschungs­kooperationen, Pilotprojekte oder Technologiepartnerschaften.

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Das Interview mit Hakan Goker ist in der aktuellen Plattform Life Sciences-Ausgabe „Investoren in Life Sciences“, 2 Jg., erschienen. Titelbild. Copyright: Phoenix AI Photo – stock.adobe.com

Wie sehen Sie Syndikate und wachsende Cap Tables?

Syndikate sind immer dealspezifisch. ­Entscheidend sind das Alignment hinsichtlich Zielsetzung, Zeithorizont und Kapitalbedarf sowie die Fähigkeit und ­Bereitschaft, über fünf bis acht Jahre lang in Technologieinvestitionen in ­einem frühen Stadium zu investieren. Große Cap Tables sind dabei häufig eine Folge hoher Entwicklungskosten im Vergleich zur Verfügbarkeit von Kapital. In den meisten Fällen ist es entscheidend, das richtige Finanzierungsumfeld zum rich­tigen Zeitpunkt zu finden, um zu bestimmen, wie „busy“ die Cap Tables aus­sehen. Eine der größten Herausforderungen für Gründer besteht darin, die richtige ­Mischung von Investoren zu finden, die nicht nur Kapital, sondern auch umfangreiche Netzwerke, Fachwissen sowie ­strategisches und Marktverständnis mitbringen.

Wie ordnen Sie das aktuelle Marktumfeld ein?

Die Kapitalmärkte waren angespannt, ­zeigen aber inzwischen erste Anzeichen einer Erholung. Die M&A-Aktivität im Healthcarebereich war 2025 höher als in den Jahren zuvor. IPOs wurden zwar vielfach verschoben, mehrere Unternehmen konnten sich jedoch privat weiterfinanzieren, um reifere Datensätze aufzubauen. Entscheidend war und ist dabei Disziplin: Nur wer mit dem ersten Kapital relevante Meilensteine erreicht, wird weiterfinanziert. Disziplin bedeutet, Kapital gezielt einzusetzen – also nicht alle Programme parallel voranzutreiben, sondern Ressour­cen und finanzielle Reserven auf daten­relevante Assets zu konzentrieren, die sich deutlich von denen der Wettbewerber unterscheiden.

Ein häufig genannter Kritikpunkt ist die Mid-Stage-Finanzierungslücke. Teilen Sie das?

Ja. Zwischen der präklinischen Phase und dem Ende der Phase-I-Studien gibt es eine klar dokumentierte Finanzierungs­lücke, insbesondere in Europa. Eine ­Finanzierung in der Frühphase ist häufig möglich, ebenso sehr große Finanzierungen in der Spätphase – wie beispielsweise bei Tubulis, die rund 300 Mio. EUR einwerben konnte. Dazwischen wird es schwierig. Corporate Venture Funds ­spielen in dieser Phase eine zentrale ­Rolle und tragen manchmal ein höheres Risiko, um die Unternehmen durch diese Engpassphase zu bringen. Dies zeigt sich in der Regel in Fällen, in denen institutionelle VC-Konsortialpartner entweder aufgrund geringer Reserven in Zeiten des Marktabschwungs oder aufgrund des ­nahenden Endes ihrer Fondslaufzeit Schwierigkeiten haben. Die Bedeutung von CVCs für Gründer wird besonders in angespannten Marktphasen deutlich. Wir davon aus, dass diese Finanzierungs­lücke leider das ganze Jahr über bestehen bleiben wird. Für uns bedeutet dies, dass wir uns noch stärker darauf konzentrieren müssen, von Anfang an frühzeitig mit den geeigneten Investoren zusammenzuarbeiten, um relevante Daten aufzubauen. Wir sehen jedoch in Europa und Großbritannien durch den EIF und die British Business Bank mehrere Impuls­geber, die sich dieser Finanzierungslücke annehmen.

Herr Goker, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Urs Moesenfechtel.

Autor/Autorin

Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.