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Kaum ein Bereich der Medizintechnik verändert sich derzeit so schnell wie die interventionelle Kardiologie. Neue Katheter-Verfahren ersetzen zunehmend offene Herzoperationen, Robotik hält Einzug in den OP-Saal und europäische Start-ups entwickeln Technologien, die weltweit auf Interesse stoßen. Für Venture-Capital-Investoren entsteht damit einer der dynamischsten Medtech-Märkte der kommenden Jahre. Doch warum spielt ausgerechnet Europa dabei eine so zentrale Rolle? Von Matthias Guth

Herzerkrankungen sind nach wie vor die häufigste Todesursache in Deutschland und in Europa. Hierzulande sterben jährlich rund 339.000 Menschen an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Das ist gut ein Drittel aller Todesfälle. Europaweit sind es fast vier Millionen, fast jeder zweite Todesfall. Medikamente lindern häufig lediglich die Symptome, ohne die Ursache zu beheben. Und die klassische Herzchirurgie, etwa die Bypass-Operation, bleibt ein Eingriff mit hohem Aufwand und großem Risiko.

Genau hier setzt eine der dynamischsten Entwicklungen der Medizintechnik an: die interventionelle Kardiologie. Zahlreiche Start-ups arbeiten europaweit daran, Herzerkrankungen minimalinvasiv statt klassisch operativ zu behandeln – ein Markt, der Venture-Capital-Investoren zunehmend anzieht. Deutschland ist dank seines Ingenieurwissens einer der stärksten Standorte Europas in diesem Feld, dicht gefolgt von Frankreich und der Schweiz, wo sich ebenfalls zahlreiche hochspezialisierte Med-Tech-Start-ups angesiedelt haben, die die Kardiologie auf ein neues Level heben wollen.

Der gemeinsame Nenner all dieser Ansätze: kürzere Eingriffe, kürzere Narkose, kürzere Reha-Phasen. Für Patienten bedeutet das weniger Belastung, für ein ohnehin überfordertes Gesundheitssystem geringere Kosten.

Vom Experiment zum medizinischen Standard

Wie weit diese Entwicklung schon ist, zeigt die Geschichte der Transkatheter-Aortenklappen-Implantation, kurz TAVI. Am 16. April 2002 setzte der französische Kardiologe Alain Cribier in Rouen die erste TAVI-Klappe der Welt ein – damals ein letzter Ausweg für einen Patienten, für den eine offene Operation zu riskant war. 24 Jahre später ist TAVI bei Aortenklappenstenose das bevorzugte Verfahren, auch bei jüngeren Patienten; operiert wird nur noch, wenn andere Faktoren gegen einen Katheter-Eingriff sprechen. Kürzere OP-Dauer und deutlich schnellere Genesung machen den Unterschied.

Diese Grafik wurde mithilfe von KI erstellt.
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Dieser Erfolg treibt die nächste Welle an: strukturelle Herzprobleme – also Erkrankungen, die die Mechanik des Herzens betreffen – sollen zunehmend minimalinvasiv statt chirurgisch behandelt werden. Dazu gehört auch insbesondere die Reparatur oder der Austausch der Mitral- oder Trikuspidalklappe.

Diese Grafik wurde mithilfe von KI erstellt.
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CoreMedic, ein Beteiligungsunternehmen der MIG Fonds, entwickelt mit ChordArt ein Katheter-System zur Reparatur der Mitralklappe. Es soll Patienten mit Mitralklappeninsuffizienz behandeln – einer Erkrankung, von der weltweit mehr als 24 Millionen Menschen betroffen sind. Andere Start-ups verschließen Löcher in der Herzscheidewand minimalinvasiv, steuern bei Herzinsuffizienz die Pumpfunktion von außen oder senken Bluthochdruck – ganz ohne Tablette.

Robotik als nächste Evolutionsstufe

Der nächste Entwicklungsschritt ist die Robotik: Sie soll die Katheter-Führung und auch die Bildgebung präzisieren – zwei der größten Fehlerquellen bei minimalinvasiven Eingriffen. Wie attraktiv dieses Feld für Investoren ist, zeigt ausgerechnet ein weiteres Start-up aus Rouen, der Geburtsstadt der TAVI: Robocath, Spezialist für robotergestützte Herzkatheter-Eingriffe, wurde 2026 vom US-Unternehmen Stereotaxis übernommen. Automatisierte minimalinvasive Eingriffe gelten längst als Milliardenmarkt, mit Anwendungen weit über die Kardiologie hinaus: Überall dort, wo höchste Präzision gefragt ist, kommt Robotik zunehmend zum Einsatz.

Europas Innovationen, Amerikas Käufer

Für VC-Investoren ist die Kardiologie auch deshalb attraktiv, weil ein etabliertes Ökosystem an Käufern existiert. Boston Scientific, Medtronic, Edwards Lifesciences und weitere Konzerne erwerben gezielt innovative Start-ups und bringen deren Technologien selbst zur Zulassung. Der Fall Robocath zeigt aber zugleich ein Muster, das sich seit Jahren durch viele Bereiche der europäischen Start-up-Welt zieht: Fast alle dieser Käufer sitzen in den USA.

Die Grafik wurde mithilfe von KI erstellt.
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Das mindert die Substanz des europäischen Markts nicht – im Gegenteil. Der Markt für strukturelle Herzerkrankungen in Europa soll laut Marktforschern von rund 5,2 Mrd. USD 2025 auf knapp 14 Mrd. USD bis 2033 wachsen. Die Europäische Union unterstützt die kardiovaskuläre Forschung zusätzlich über ihr Horizon-Programm mit 6 Mrd. EUR. Auch bei den Finanzierungsrunden zeigt sich der Schwung: Weltweit flossen 2025 bereits rund 2,67 Mrd. USD in Herz-Kreislauf-Start-ups, mit London und Paris als zwei der wichtigsten Standorte. Das französische Start-up FineHeart etwa sammelte Anfang 2026 83 Mio. EUR an privatem Kapital und EU-Fördermitteln ein, um eine neue Therapie für fortgeschrittene Herzinsuffizienz zur Marktreife zu bringen – einer von mehreren Belegen dafür, dass europäisches Kapital in diesem Feld zunehmend auch größere Finanzierungsrunden stemmt.

Mehr als ein Medtech-Trend

Die interventionelle Kardiologie vereint Eigenschaften, die Venture-Capital-Investoren in dieser Kombination schätzen: ein enormer medizinischer Bedarf, hohe technologische Eintrittsbarrieren, klar messbare klinische Vorteile und einen etablierten Markt strategischer Käufer. Verfahren wie die TAVI zeigen, welches Potenzial in diesem Feld steckt. Was 2002 als letzter Ausweg für einen einzelnen Hochrisikopatienten begann, ist heute eine Standardtherapie, von der weltweit jedes Jahr mehrere hunderttausend Patienten profitieren. Dass Europa dabei eine Schlüsselrolle spielt, ist kein Zufall. Mit mehr als 38.000 Medizintechnikunternehmen, rund 930.000 Beschäftigten und über 15.700 jährlichen Patentanmeldungen verfügen wir über eines der innovationsstärksten Medtech-Ökosysteme weltweit. Hinzu kommen international führende Herzzentren sowie die enge Zusammenarbeit von Kliniken, Ingenieurwissenschaften und Industrie. Bei Innovationen ist Europa also Taktgeber. Ein zentrale Zukunftsaufgabe wird es sein, den größeren Teil der daraus entstehenden Wertschöpfung im eigenen Ökosystem halten.

Autor/Autorin

Matthias Guth. Copyright: MIG Fonds
Matthias Guth
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Matthias Guth ist Experte für Medizintechnik. Er stieß 2007 zum MIG-Team und hat mit seinen langjährigen Erfahrung im Bereich Corporate Finance und Venture Capital wesentlich zur Entwicklung des MIG Portfolios beigetragen. Er war an der Entwicklung und dem Verkauf vieler Unternehmen aus dem MIG-Portfolio maßgeblich beteiligt. Vor seiner Zeit bei der MIG baute Matthias Guth bei Goetzpartners (jetzt Fortlane Partners) die Life Sciences-Practice mit auf; bei der Spitzmüller AG unterstützte er Technologieunternehmen u.a. beim Einwerben öffentlicher Fördermittel für ihre Produktinnovationen. Seit 2008 ist Matthias zudem als Coach des High-Tech Gründerfonds und des Seedfonds Bayern aktiv. Er ist Mitautor des „Handbuch Venture Capital“. Matthias studierte Maschinenbau an der RWTH Aachen, wo er sich auf Medizintechnik spezialisierte.