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In China entstehen dutzende staatlich abgesicherte Bioraffinerien, während Europa auf freiwillige Abnahmebündnisse und private Nachfrage hofft. Für Start-ups wie große Industrieunternehmen stellt sich die Frage, ob Europa damit global wettbewerbsfähig bleiben kann. Marco Rupp vom Bio-based Industries Consortium (BIC), das über 400 Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette vertritt, ordnet ein, warum die Vision der EU richtig ist – aber ohne konkrete Nachfrageinstrumente, De-Risking-Modelle und verbindliche Governance bleibt die industrielle Umsetzung auf halbem Weg stehen.
Plattform Life Sciences: Europa setzt, anders als Asien und insbesondere China, in der neuen Bioökonomiestrategie weitgehend auf private Nachfrage und freiwillige Allianzen. Wie soll Europa unter diesen Bedingungen konkurrenzfähig bleiben?
Marco Rupp: Es lässt sich nicht bestreiten: Die Geschwindigkeit und Entschlossenheit des chinesischen Top-down-Ansatzes ist bemerkenswert. Aber wir können und sollten das nicht alles kopieren, das funktioniert so in Europa nicht. Was wir uns aber anschauen sollten, ist der Mut. In China werden große Programme mit klaren Zielen aufgelegt. Ähnliches gilt für die USA, wo der Inflation Reduction Act Nachfrage- und Produktionsanreize kombiniert. Groß gedacht wurde zuletzt auch bei der Genesis-Mission und der Frage, wie AI und Biotech Innovation im großen Maßstab fördern kann. Das zeigt, wie eng industrielle Skalierung und Marktpolitik verzahnt sind. Bei uns stimmt zwar die Vision und die Strategie beschreibt sehr gut, wo die Reise hingehen soll. Sie enthält auch sehr konkrete Kapitel zu Skalierung, Leitmärkten und Biomasse – aber bei nachfrageseitigen und finanziellen Instrumenten bleibt sie immer noch zu unverbindlich. Deswegen ist unser Kommentar zur Strategie: Findings are not bindings.: Die Analyse ist richtig, aber sie wird noch nicht in politisches Handeln übersetzt. Und genau hier braucht Europa mehr Geschwindigkeit.
Parallel sehen wir eine Abwanderung: Unternehmen bauen große Anlagen nicht mehr in Europa, sondern dort, wo die Bedingungen besser sind.
Ja. Um ein Beispiel zu nennen: Wir haben Mitglieder, die PLA im Großmaßstab produzieren. Sie wollten in Europa investieren – und haben es bisher nicht geschafft. In China fanden sie deutlich bessere Rahmenbedingungen, kürzere Verfahren, verlässlichere Unterstützung. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt mögliche Konsequenzen auf: Erstens, geforscht wird in Europa, die Märkte entstehen aber außerhalb der EU. Gerade mit Blick auf China besteht die Gefahr, dass Überkapazitäten bei „Bioökonomie-Produkten“ auf unsere Märkte drängen. Drittens, damit einhergehend, verliert Europa industrielle Wertschöpfung. Wenn wir ernsthaft sagen, wir wollen nachhaltige Bio-basierte Wertschöpfung in Europa, dann müssen wir dafür auch die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Technologien haben zudem auch nicht alle dieselben Wettbewerbsbedingungen: Plattformchemikalien konkurrieren direkt mit fossilen Produkten und brauchen deshalb andere Preissignale als Proteine – etwa aus Precision Fermentation – die kein fossiles Pendant haben. Die Zahlungsbereitschaft für die sogenannte Grüne Prämie spielt also eine entscheidende Rolle je nach Marktsegment. Die Frage ist also, wie vergleichbare biobasierte versus erdölbasierte Produkte im Markt zueinanderstehen, Die Rahmenbedingungen werden darüber entscheiden, welche Märkte Europa halten kann und welche verloren gehen. Europa wird aber nicht jeden globalen Markt verteidigen können – und muss das auch nicht. Entscheidend ist, jene Segmente zu identifizieren, in denen Europa strukturelle Stärken hat und in denen Lead-Market-Maßnahmen tatsächlich Wirkung entfalten. Umso wichtiger ist die Frage, ob die neue EU-Bioökonomiestrategie diese Herausforderungen tatsächlich adressiert.

Welche sind das konkret?
Die Strategie erkennt die Problemfelder grundsätzlich richtig – die beiden „Valleys of Death“, das Investitionsrisiko, den globalen Wettbewerbsdruck. Aber bei der Frage, wie Europa genau jene Segmente stärkt, in denen es realistische Chancen auf industrielle Führung hat, bleibt sie unkonkret. Es fehlen Verbindlichkeit, klare Instrumente und politische Entscheidungen. Das ist auch nicht die Aufgabe der Strategie, muss aber jetzt in der Umsetzung erfolgen. Unternehmen investieren aber nur, wenn sie wissen und darauf vertrauen können, dass es einen Markt gibt – der jedoch nicht entsteht, wenn diese grundlegenden Bedingungen fehlen. Das gilt besonders für sektorspezifische Märkte. Nicht jede Wertschöpfungskette braucht dieselben Instrumente. Deshalb ist es wichtig, dass Europa im Lead-Market-Ansatz stärker differenziert: Wo funktionieren Offtakes? Wo brauchen wir Standards? Wo reicht eine Zertifizierungssystematik? Diese Präzisierung fehlt bislang. Die Strategie nennt einige Instrumente zwar ausdrücklich – Standards, Zertifizierung, öffentliche Beschaffung –, aber die verbindliche Umsetzung muss auch hier erst noch erfolgen.
Was müsste Europa konkret tun, damit die Strategie Wirkung entfaltet und Unternehmen hier investieren?
Wir brauchen drei Dinge. Erstens: klare Nachfrageimpulse. Die Strategie spricht über Lead Markets, aber bleibt bis auf einen Einzelfall ohne verbindliche Ziele, wie das zu mehr Nachfrage und Offtake führen kann. Zweitens: Das Schließen der Finanzierungslücke. Europa ist im ersten Innnovation Valley of Death mit dem Public-Partnership (CBE JU) gut aufgestellt, darum beneidet uns der Rest der Welt. Im zweiten Valley of Death haben wir in Europa ein strukturelles Problem: Banken und institutionelle Investoren gehen nicht ins Risiko, solange Projekte nicht bankable sind. Die Strategie beschreibt das – zeigt aber nicht, wie wir es konkret lösen. Drittens: bessere Planbarkeit bei der nachhaltigen Bereitstellung von Biomasse. Zu viel bleibt freiwillig. Die Vision ist stark, aber sie muss in Instrumente übersetzt werden. Sonst verliert Europa weiter Tempo. Konkret heißt das: schnellere Genehmigungen, bessere Mobilisierung von privaten und öffentlichen Mitteln, Standortentscheidungen – hier verlieren wir Monate bis Jahre. Geschwindigkeit ist auch bei der Bioökonomie ein globaler Wettbewerbsfaktor.´
Die Strategie bleibt vage, wenn es um die konkrete Risikoteilung geht. Wie könnte ein Modell aussehen, bei dem der Staat zwar de-risked, aber nicht allein das Risiko trägt?
Zunächst: Es ist wichtig zu verstehen, warum die öffentliche Hand überhaupt gebraucht wird. First-of-its-kind-Anlagen bekommen oft weder Venture Capital – die steigen aus Rendite- und Zeitgründen aus – noch Bankenfinanzierung, weil es keinen gesicherten Offtake, Produkt- oder Anlagereferenzen gibt. Genau deshalb spricht die Strategie von De-Risking. Zuschüsse oder Garantien ersetzen keine privaten Investitionen, sie machen Projekte überhaupt finanzierbar. Wir diskutieren in der Industrie verschiedene Modelle. Ein Ansatz sind staatliche Ausfallbürgschaften. Wenn der Staat einen Teil des Risikos trägt, nähert sich eine risikoreiche Anlage einer sicheren an. Dann akzeptieren Investoren niedrigere Renditen – statt zehn Prozent vielleicht drei oder vier. Dieses Delta kann man monetarisieren, zum Beispiel durch eine Prämie oder eine Gewinnbeteiligung bei Erfolg. Solche Modelle funktionieren besonders gut in Portfolios, in denen der Ausfall eines Projekts nicht alles kippt. Und sie ermöglichen es Pensionskassen oder Versicherern überhaupt erst, in Bioökonomie zu investieren. Wichtig ist auch: Unterschiedliche Technologien bringen unterschiedliche Risiko- und Zeitprofile mit. Precision-Fermentation-Anwendungen skalieren anders als großvolumige Chemikalien, und eine Bioraffinerie auf Basis landwirtschaftlicher Reststoffe hat andere Pfadabhängigkeiten als eine auf Basis von Holz. Ein gutes Risikomodell muss diese Unterschiede abbilden. Die Strategie erwähnt diese Ansätze – und darauf müssen jetzt aufgebaut werden. Hier braucht es jetzt eine konkrete Ausgestaltung. Also: Der Staat soll dabei nicht als dauerhafter Risikoträger fungieren, sondern als Katalysator, der private Investitionen ermöglicht. Genau so beschreibt es zwar auch die Strategie – aber ohne den Schritt zur operativen Ausgestaltung zu gehen.
Wie müsste eine Governance aussehen, die nicht nur etablierte Regionen stärkt, sondern strukturschwache Regionen mitnimmt?
Die Strategie regelt das nicht. Wir brauchen klare Rollen, Transparenz über Risiken und klare Eingriffsmöglichkeiten. Ein Beispiel für eine aus unserer Sicht funktionierendes Co-Governance ist das CBE Joint Undertaking: fünf Vertreter der EU, fünf der Industrie, klar definierte Aufgaben und Entscheidungsprozesse. Diese Form der gemeinsamen Steuerung könnte als Modell für weitere Programme dienen. Für die regionale Dimension gilt: Man muss zwischen Greenfield- und Brownfield-Standorten unterscheiden. Eine Anlage auf der grünen Wiese ist teurer und dauert länger. Deshalb braucht es zuerst eine solide Datenbasis: Welche Biomasse ist wo verfügbar? Welche Unternehmen sind bereits aktiv? Welche technologischen Kombinationen sind sinnvoll? Wir haben dafür BIC Country Reports erstellt, etwa für Polen, Rumänien oder Ungarn. Auch unsere BIC regional funding database kann helfen, die aufzeigt, welche Region wie die Bioökonomie fördern. Bevor Regionen Hotspots werden, müssen diese Grundlagen stimmen. Eine Governance, die diese regionale Heterogenität berücksichtigt und datenbasierte Standortentscheidungen ermöglicht, wäre entscheidend dafür, dass auch strukturschwache Regionen von neuen Investitionsprogrammen profitieren. Regulatorische regionale Sandboxes wären eine weitere Möglichkeit.
Viele Start-ups scheitern nicht an Technologie, sondern an „Investor Readiness“. Was müsste Europa tun?
Die Qualität der Start-ups ist enorm gestiegen, ihre Pitches, Teams, und technologischen Ansätze. Aber Bioökonomie bedeutet Skalierung. Dafür braucht man Smart Investors, Industriepartner und technisches Scale-up-Know-how. Europa hat zudem zu wenig VC-Liquidität. Nur zum Vergleich: US-Pensions-Fonds investieren 100-mal mehr in Venture Capital als dies in der gesamten EU der Fall ist. Und institutionelle Investoren wie Pensionskassen steigen kaum ein in Europa, weil die Risiken ungelöst sind. Mit Ausfallbürgschaften könnte man sie erstmals aktivieren. Zudem brauchen Start-ups Zugang zu Demonstrationsanlagen. Wir diskutieren ein EU-weites Voucher-Modell: Ein Start-up bekommt einen Gutschein, um zwei Monate in eine Pilot-Anlage zu gehen und den Scale-up zu testen. Das spart CAPEX, weil nicht jedes Start-up seinen eigenen Fermenter bauen muss. Es braucht klare Unit Economics. Das sehen wir oft beim Wege vom Lab to Fab: Technologie ist stark, aber die Skalierungslogik, zeitliche Umsetzung und Kapitalintensität gerade beim Sprung vom Demoprojekt zum FOAK-Projekt wird oft unterschätzt.
Europa spricht viel über Lead Markets. Was fehlt?
Wir brauchen verbindliche Nachfrageentwicklung: Offtake-Mechanismen, Preissignale, Quoten, Standards. Die Strategie öffnet Türen, aber „groß gedacht“ ist noch nicht „groß gehandelt“. Jetzt braucht es konkrete Schritte. Bevor es eine Einigung auf Quoten oder ähnliche Ziele gibt, braucht es Alternativen, z.B. „Frontrunner Rewards“ – also Anreize für Unternehmen, früher auf biobasierte Produkte umzustellen. Solche Mechanismen könnten helfen, die Nachfrageseite schneller zu aktivieren.
Die EU-Kommission hat erst kürzlich die wichtigsten Industrie-, Wissenschafts- und Finanzakteure nach Kopenhagen eingeladen, um die Umsetzung der neuen Bioökonomiestrategie zu diskutieren. Welche Kernbotschaft haben Sie aus diesem Treffen mitgenommen?
Das Motto war „Time is money“. Die Vision ist da, aber jetzt braucht es mutige, schnelle Maßnahmen. Das war die einhellige Position von Investoren, Start-ups und Industrie. Die Politik hat das mitgenommen. Und es war bemerkenswert, wie geschlossen diese Botschaft von allen Stakeholdern formuliert wurde. Die Politik hat klar verstanden: Verzögerungen kosten Europa Marktanteile.
Ist ein „Bounce Back“ aus Europa für Deutschland zu erwarten?
Deutschland war zuletzt sehr aktiv. Bei den sogenannten Important Projects of European Interest (IPCEI) wurde eine der Arbeitsgruppen von Deutschland geleitet. Mit dem Ergebnis, dass es jetzt um die konkrete Ausgestaltung von drei „bio“ IPCEI geht: bio-based chemicals, bio-based materials und biomanufacturing von food und feed ingredients. BIC hat schon vor zwei Jahren in Brüssel solche IPCEI angeregt. Aber mein Rat bleibt: „Schaut auch mal über die Grenze hinaus.“ Und das gilt natürlich auch andersrum: Deutschland hat kluge Köpf und eine starke Industrie – entscheidende Voraussetzungen, um die Ziele der Bioökonomiestrategie zu erreichen. In Europa gibt es viele innovative Regionen. Deutschland ist stark – aber mit europäischem Denken lässt sich das volle Potenzial heben.
Autor/Autorin
Urs Moesenfechtel, M.A., ist seit 2021 Redaktionsleiter der GoingPublic Media AG - Plattform Life Sciences und für die Themenfelder Biotechnologie und Bioökonomie zuständig. Zuvor war er u.a. als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.






