Letztes Jahr habe ich an dieser Stelle gefragt, ob wir wohl die perfekte ­Welle für unsere Branche erwarten dürfen – aufgrund der vielfältigen Entwicklungen, die sich in der sogenannten smarten Medizin und der allgemeinen Notwendigkeit zur Transformation im Gesundheitswesen abgezeichnet hatten. Befeuert, aber nicht ausgelöst durch die Pandemie.

Und ich habe die Hoffnung geäußert, dass wir die Welle so reiten können, dass durch Interesse und mehr zur Verfügung stehendes Kapital in Europa Innovation nicht nur entsteht, sondern auch groß und marktreif werden kann.

Bei Betrachtung der Fundamentaldaten hat sich etwas aufgebaut, das wir so vielleicht dann doch nicht ganz erwartet haben. Die Pharmaindustrie hat im Jahr 2021 Rekordumsätze erzielt, auch wenn diese nach Einschätzung von Analysten nicht langfristig wirken werden. 2021 betrug allein der ­Umsatz mit den fünf wichtigsten COVID-19-Impfstoffen fast 60 Mrd. USD – ein ­wahrscheinlich beispielloser Erfolg in der ­Geschichte der modernen Pharmazeutika.

Gleichzeitig wurde von vielen Regierungen erkannt, dass die Leistungsfähigkeit ihres Gesundheitswesens ein wesentlicher Faktor für die Resilienz ihrer Volkswirtschaften, mithin ihrer Wettbewerbsfähigkeit ist. Deutschland erhielt auch deswegen ein ­neues Gesetz zur digitalen Versorgung, das weltweit seinesgleichen sucht und Innova­tionen in diesem Bereich fördert.

Die Chancen, die sich hier bieten, sind natürlich auch von Investoren erkannt worden, die bisher nicht im hoch regulierten, forschungsgetriebenen und relativ reaktionsträgen Gesundheitsmarkt unterwegs sind – mit der Folge, dass sprunghaft weitaus mehr Kapital für die Finanzierung von Innovationen in unserem Sektor zur Verfügung steht: Laut CB Insights wurden beispielsweise im Jahr 2021 weltweit mehr als 55 Mrd. USD ausschließlich in digitale Health-Start-ups investiert, was einer Steigerung von gut 80% im Vergleich zum Vorjahr entspricht.

Da liegt die Befürchtung nahe, dass sich statt der perfekten Welle doch vielleicht eine instabile Flutwelle aufgebaut hat. Dass gerade ungewöhnlich große Summen in unsere Branche fließen, erhöht gerade bei branchenfremden Investoren die Erwartungshaltung und wird eines Tages vermutlich ­einer gewissen Ernüchterung weichen. Das kann noch etwas dauern, denn Erfolge, wie auch Misserfolge, zeigen sich im Gesundheitsbereich nicht sofort. Manch einer wird aber die Geduld verlieren und sich wieder auf konservativere Anlagestrategien und weniger risikobehaftete Assets fokussieren.

Bis die Konsolidierungsphase kommt, werden spezialisierte Investoren und Wagniskapitalgeber noch mit hohen Bewertungen kämpfen und ihre Beteiligungen noch ­genauer aussuchen müssen. Die gute Nachricht ist: Sorgfalt war noch nie ein Feind ­erfolgreicher Investitionen. Doch auch ­unsere Branche differenziert sich konti­nuierlich, von Open-End-Fonds über eher traditionelle Venture-Capital-Fondsvehikel bis zur Deal-by-Deal-Plattform. Auch hier gilt: Wer Innovationen finanziert, muss sich selbst eben auch gelegentlich neu erfinden, um erfolgreich zu bleiben.

Solange diese Trends dazu führen, dass mehr Geld in junge innovative Unternehmen fließt, gerne in Europa, ist das gut für uns alle.


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Dieser Beitrag erscheint in der Ausgabe „Smarte Medizin“ der Plattform Life Sciences 1/22.

Autor/Autorin

Dr. Sascha Berger

Dr. Sascha Berger ist Partner bei TVM Capital Life Science, einem der Pioniere für innovative Venture-Capital-Finanzierungen für Biotechnologie, Medtech, Diagnostik und Digital Health, mit Standorten in München und Montreal. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Dealflow, Due Diligence und Transaction Management. Er verfügt über umfangreiche M&A-, Strategie- und Transaktionserfahrung. Dr. Berger studierte Technologiemanagement in München, Singapur und Boston, hält einen Diplomtitel der Technischen Universität München sowie einen Doktortitel in Banking & Finance und ist ein engagierter Triathlet.