„Unsere Wirkstoff-Pipeline geht weit über COVID-19 hinaus“

5 Fragen an Dror Ben-Asher, Chief Executive Officer, Red Hill Biopharma

Bildnachweis: Red Hill Biopharma.

RedHill Biopharma (Nasdaq: RDHL) (FRA: 2RH) mit seinen Hauptsitzen in Raleigh, NC, USA, und Tel Aviv, Israel, ist ein spezialisiertes biopharmazeutisches Unternehmen, das sich hauptsächlich auf Magen-Darm- und Infektionskrankheiten konzentriert. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen damit begonnen, substanzielle Umsätze zu erzielen. Die Verantwortlichen erwarten auch in Zukunft ein starkes Umsatzwachstum.

 

Plattform Life Sciences: Herr Ben-Asher, bitte stellen Sie uns RedHill Biopharma kurz vor. Was ist Ihr Alleinstellungsmerkmal?

Unser derzeitiger Fokus ist zweigeteilt: zum einen möchten wir die Verkaufszahlen unserer drei von der US-amerikanischen Zulassungsstelle FDA zugelassenen Produkte weiter erhöhen: Talicia gegen H. pylori-Infektion, Movantik gegen Opium-induzierte Verstopfung und Aemcolo gegen Reisedurchfall. Zum anderen möchten wir unsere fortgeschrittenen Pipeline-Produkte zur Zulassung bringen, damit Patienten davon profitieren können. Darunter befindet sich unser vielversprechendes Medikament Opaganib gegen COVID-19, welches in einer Phase-2-Studie positive Daten geliefert hat und sich in einem fortgeschrittenen Stadium einer globalen Phase-2/3-Studie mit hospitalisierten Patienten mit schwerem COVID-19 befindet. Mit Blick auf die deutlich größere Population der Patienten die an leichtem bis mittelschwerem COVID-19 erkrankt sind und nicht im Krankenhaus behandelt werden, beginnen wir zusätzlich eine Phase-2/3-Studie mit ambulanten Patienten mit RHB-107 (Upamostat). Dabei handelt es sich um ein Produkt mit deutschen Wurzeln, das wir von der Wilex AG (nun Heidelberg Pharma) einlizensiert haben.

Unsere Wirkstoff-Pipeline geht weit über COVID-19 hinaus. Wir sind sehr erfreut über das Potential unseres Wirkstoffkandidaten RHB-204, welcher sich in einer Phase-3-Studie für eine Lungenerkrankung mit nicht-tuberkulösen Mykobakterien (NTM) befindet. NTM ist eine seltene Erkrankung, für die es keine von der FDA zugelassene Erstlinientherapie gibt. Unsere könnte die erste sein. Wir haben darüber hinaus weitere Pipeline-Kandidaten in fortgeschrittenen Stadien der klinischen Entwicklung in verschiedenen gastrointestinalen und anderen Indikationen.

Als schnell wachsendes Unternehmen erzielen wir Umsätze, vergrößern die Gewinnmargen und sind auf dem Weg, in diesem Jahr profitabel zu werden – wir sind überzeugt von der Stärke sowohl unserer kommerziellen als auch Forschungs-und-Entwicklungs-Plattform, die wir in den letzten Jahren aufgebaut haben und die vielversprechende Wachstumsaussichten geben.

RedHill Biopharma ist an der Nasdaq gelistet. Vor einiger Zeit haben Sie einen Wirkstoff von Heidelberg Pharma einlizensiert. Planen Sie jetzt auch den „Sprung nach Deutschland“?

RedHill ist 2014 eine Partnerschaft mit Heidelberg Pharma (ehemals WILEX AG) eingegangen, um die Rechte an RHB-107 (Upamostat und früher bekannt als Mesupron) einzulizensieren. Zusätzlich zur Evaluierung von RHB-107 in einer Phase-2/3-Studie mit ambulanten COVID-19-Patienten untersucht RedHill weitere zusätzliche potentielle Indikationen für RHB-107, darunter Krebs, entzündliche Lungenerkrankungen sowie gastrointestinale Erkrankungen. Dabei bauen wir auf der Arbeit von Heidelberg Pharma in frühen Entwicklungsphasen auf.

Obwohl unser kommerzieller Fokus der US-amerikanische Markt bleibt, haben wir mehrere europäische Investoren, unter anderem aus Deutschland, unsere Aktien werden an deutschen Börseplätzen gehandelt und wir streben an, bestimmte relevante Produkte in Deutschland anzubieten. Dennoch haben wir aktuell keine Pläne für ein deutsches Börsen-Listing.

 

Aktuell forscht RedHill Biopharma an einem Wirkstoff gegen COVID-19. Wie ist der aktuelle Stand?

RedHill hat aktuell zwei Produkte in fortgeschrittenen Entwicklungsstadien (Phase 2/3) für zwei unterschiedliche COVID-19-Patientenpopulationen:

Opaganib ist eines der fortgeschrittensten Entwicklungsprogramme für COVID-19 überhaupt und wird für hospitalisierte Patienten mit schwerem COVID-19 entwickelt. Es ist ein neuartiger, oral verabreichter selektiver Sphingosin-Kinase-2-(SK2)-Inhibitor, der sowohl antiinflammatorische als auch antivirale Aktivität aufweist. Dieser doppelte Wirkmechanismus hebt sich deutlich von anderen Medikamenten, die zur Behandlung von COVID-19 eingesetzt werden, ab. Opaganib zielt auf eine Komponente menschlicher Zellen ab, statt auf das Virus selbst, wodurch die Wahrscheinlichkeit sich entwickelnder viraler Resistenzen gegen das Medikament möglicherweise minimert wird. Angesichts der Gefahren durch Virusmutationen, wie der neuen Varianten aus Großbritannien und Südafrika, die aktuell weltweit Schlagzeilen machen, ist dies eine wichtige Eigenschaft. Zudem wird Opaganib oral als Tablette verabreicht, was bedeutende Vorteile bezüglich der Verfügbarkeit gegenüber den aktuellen Therapien hat.

Wir haben kürzlich vorläufige Ergebnisse unserer US-amerikanischen Phase-2-Studie mit schwer an COVID-19 erkrankten Patienten bekanntgegeben. Die Top-line-Daten dieser Studie mit 40 Patienten waren positiv und demonstrierten sowohl Sicherheit als auch erste Signale einer Wirksamkeit. Bei einer Reihe von Endpunkten, die die Schwere der Krankheit und das Behandlungsergebnis abbilden, wie beispielsweise das Erreichen des Stadiums, wieder mit der normalen Raumluft auszukommen, die Reduzierung der Versorgung mit künstlichem Sauerstoff sowie die Entlassung aus dem Krankenhaus, zeigten mit Opaganib behandelte Patienten überzeugende Verbesserungen gegenüber Patienten, die mit einem Placebo behandelt wurden. Die größere, weltweit laufende Phase-2/3-Studie wird bessere Rückschlüsse auf die Wirksamkeit von Opaganib für die Behandlung von Patienten erlauben.

Unsere globale Phase-2/3-Studie schreitet gut voran und wird voraussichtlich in der ersten Hälfte dieses Jahres Daten liefern. In den kommenden Wochen wird ein unabhängiges Gremium (das sogenannte DSMB) in einer Zwischenanalyse (Futility Analysis) die Ergebnisse der ersten 135 Patienten der Studie begutachten und entscheiden, ob die Studie fortgeführt werden soll.

Opaganib hat in präklinischen Studien auch gezeigt, dass es die Replikation von SARS-CoV-2, dem Virus, das COVID-19 verursacht, komplett unterbinden kann. Weiterhin verbessert es die Blutgerinnung, die mit Lungenversagen (Acquired Respiratory Distress Syndrome, ARDS), einer potenziell schwerwiegenden Folge von COVID-19, assoziiert ist.

Wir gehen davon aus, dass wir mit positiven Ergebnissen dieser Studie so schnell wie möglich eine globale Notfallzulassung in den USA, in Europa inklusive Deutschland und anderswo beantragen. Um uns darauf vorzubereiten, haben wir Produktionspläne ausgearbeitet, die sicherzustellen, den Bedarf decken zu können.

Der zweite Wirkstoffkandidat, den RedHill gegen COVID-19 entwickelt, ist RHB-107 (Upamostat), welcher in Deutschland von der Wilex AG (nun Heidelberg Pharma) entdeckt wurde und sich deutlich von Opaganib unterscheidet. Wir planen, die ersten Patienten in den nächsten Wochen in eine US-amerikanische Phase-2/3-Studie einschließen zu können. RHB-107 adressiert Patienten mit leichten oder mittelschweren Krankheitsverläufen, die nicht im Krankenhaus behandelt werden müssen, und spricht damit die bei weitem größte Patientengruppe an. RHB-107 ist ein oral verabreichter, wirksamer Inhibitor mehrerer Serinproteasen und hat antivirale und mögliche gewebeschützenden Eigenschaften gezeigt. Dieser kombinierte Wirkmechanismus und das etablierte Sicherheitsprofil machen RHB-107 besonders geeignet, um ihn für eine Behandlung von frühen COVID-19-Infektionen bei ambulanten Patienten zu untersuchen. RHB-107 zeigte außerdem in einer präklinischen Studie eine starke Hemmung der Replikation des SARS-CoV-2-Virus.

Neben COVID-19 und Ihrem kommerziellen Portfolio im Bereich der Gastroenterologie entwickelt RedHill Biopharma mehrere Wirkstoffe gegen eine Vielzahl unterschiedlicher Indikationen. Was sind die wichtigsten Assets, nach denen Investoren Ausschau halten sollten?

Das Hauptaugenmerk wird auf RHB-204 gerichtet sein. RedHill initiierte kürzlich eine Phase-3-Studie mit RHB-204 als oral verabreichte Erstlinien-Monotherapie zur Behandlung von pulmonalen Erkrankungen mit nicht-tuberkulösen Mykobakterien (NTM). NTM ist eine chronische und schwächende Lungenkrankheit, die Fieber, Gewichtsverlust, Brustschmerzen und blutigen Husten hervorruft. Sie kann zu wiederkehrenden Fällen von Bronchitis und Lungenentzündung sowie in einigen Fällen zu Atemversagen führen.

Trotz der Seltenheit steigen die Inzidenz und Verbreitung pulmonarer NTM in vielen Regionen der Welt. In den Vereinigten Staaten gab es 2017 geschätzt 110.000 Patienten mit pulmonarer NTM, was einem Marktpotenzial von geschätzt über 500 Mio. $ entspricht.

Aufgrund der Schwere von NTM und mangelnder Behandlungsoptionen – es gibt momentan keine von der FDA zugelassene Erstlinientherapie – hat die FDA RHB-204 den Fast-Track- sowie Orphan-Drug-Status erteilt und die QIDP-Kennzeichnung (Qualified Infectious Disease Product). Das birgt potenziell einige wichtige Vorteile, um die Entwicklung und Überprüfung neuer Medikamente zu beschleunigen und verlängert die US-amerikanische Marktexklusivität für RHB-204 für voraussichtlich zwölf Jahre ab Zulassung.

Abgesehen vom NTM-Programm haben wir spannende Entwicklungen in den großen Märkten für IBS-D und Morbus Crohn, die es sich mittelfristig sicherlich lohnen wird, im Blick zu behalten.

Zum Schluss ein Ausblick: Welche Meilensteine stehen in den nächsten 24 Monaten an? Beispielsweise haben Sie kürzlich auch ein kommerzielles Team in den USA installiert.

Wir haben ein 100 Personen starkes Vertriebsteam in den USA aufgebaut, das aktiv unsere drei von der FDA zugelassenen Produkte bewirbt und deren Verkaufszahlen steigert. Nachdem wir Movantik von Astra Zeneca gekauft haben, konnten wir die Verschreibungen des Produkts wieder steigern. Auch die Verschreibungen von Talicia steigen aufgrund der guten Deckung der Krankenversicherung signifikant und werden weiterhin Fahrt aufnehmen, wenn das Leben nach der Pandemie wieder einigermaßen normal wird. Und wir erwarten, dass Aemcolo anläuft, sobald die Pandemie-bedingten Reisebeschränkungen gelockert werden. Weiterhin stehen wir in Verhandlungen, um zusätzliche von der FDA zugelassene und umsatzbringende Produkte in unser Portfolio aufzunehmen. Mit dem anhaltenden Wachstum unserer Produkte erwarten wir, dieses Jahr profitabel zu werden. Und auch in unserer Entwicklungspipeline haben wir einige Assets, die in nächster Zeit Meilensteine haben und wo sich ein genauer Blick lohnt. Über unsere COVID-19-Produktkandidaten haben wir ja bereits ausführlich gesprochen.

Kurz gesagt, die kommenden 24 Monate werden spannend und wir sind überzeugt, exzellente Fortschritte zeigen zu können – sowohl was das Wachstum unserer kommerziellen Aktivitäten angeht als auch dabei unserer Entwicklungskandidaten in dringend benötigte Medikamente zu überführen.

 

ZUM INTERVIEWPARTNER

Dror Ben-Asher ist CEO und Mitgründer von RedHill Biopharma. Zuvor war er bei ProSeed Capital, einer europäischen Finanz-Boutique, tätig. Dror Ben-Asher hat einen Abschluss der Universität Oxford (M.Jur.) sowie einen LL.M. der Harvard University, wo er sich als Fulbright Scholar auf die pharmazeutische Industrie und den Pharma-Markt spezialisierte.

Über den Autor

Holger Garbs ist seit 2008 als Redakteur für die GoingPublic Media AG tätig. Er schreibt für die Plattform LifeSciences und das VentureCapital Magazin.