Der kürzlich veröffentlichte Deutsche Biotechnologie-Report 2017 von EY zeichnet von der Finanzierungssituation deutscher Biotech-Firmen ein insgesamt positives Bild. So blieb das Kapitalvolumen auf dem hohen Niveau des Vorjahres erhalten, mehr Investoren, auch aus dem Ausland, interessierten sich für deutsche Life Sciences-Innovationen. Die Branche scheint einer glänzenden Zukunft entgegenzusehen, denn „Big Pharma needs Bio“! Oder doch nicht?

Im vergangenen Jahr erhielten 22 neue medizinische Wirkstoffe die US-Marktzulassung. Davon stammten elf aus dem Biotech-Sektor. Auch die Europäische Arzneimittelagentur hat 2016 insgesamt 27 Empfehlungen für neue Arzneimittel ausgesprochen, davon stammen acht von Biotech-Unternehmen.

Mahnung zur Eile

Beispielsweise die Notwendigkeit der großen Pharmakonzerne, schon in näherer Zukunft mit neuen Blockbuster-Medikamenten aufzuwarten. In vielen Konzernen präsentieren sich die Forschungspipelines vergleichsweise leer. Die Notwendigkeit schon bald mit neuen Blockbuster-Medikamenten den Markt aufzurollen, wird immer drängender. Auch auslaufende Patentschutze mahnen zur Eile. Anreiz gibt nicht zuletzt der demografische Wandel: So schätzten die Vereinten Nationen, dass sich der Anteil der über 60-jährigen bis zum Jahr 2050 verdoppeln wird: Die Nachfrage nach verschreibungspflichtigen Medikamenten wird weltweit steigen.

Vor diesem Hintergrund erlangen Biotech-Innovationen einen immer größeren Einfluss in den Forschungs- und Entwicklungspipelines von Big Pharma. Die großen Konzerne profitieren darüber hinaus von Aufkäufen kleinerer Biotech-Firmen oder der Einlizensierung von Wirkstoffentwicklungen.

Immunonkologie und Gentherapien

Als wachstumsstarke Trends gelten weiterhin die Bereiche Immunonkologie und Gentherapie. Allerdings stellt sich im Rahmen von Krebsimmuntherapien bei der Behandlung mit gentechnologisch veränderten CAR T-Zellen nicht zu Unrecht die Frage, inwiefern entsprechende Wirkstoffe später zu einem gesunden Preis-Leistungs-Verhältnis angeboten werden können.

Ein weiteres Feld ist die Entwicklung von Orphan Drugs zur Behandlung seltener Krankheiten. Diese fokussieren sich zwar auf einen vergleichsweise kleinen Patientenkreis, jedoch profitieren sie in ihrer Entwicklung von weniger aufwändigen klinischen Tests, einem beschleunigten Zulassungsverfahren sowie einer insgesamt einfacheren Kassen-Rückerstattung aufgrund ihres hohen medizinischen Bedarfs.

Überhaupt gelten individualisierte Therapieansätze sowie Immuntherapien, und diese vor allem als Alternative zu Dauermedikation bei chronischen Erkrankungen, als lukrative Investmentmöglichkeiten für Investoren. Auch mikrobiom-basierte Therapien und ursächliche Therapien stehen im Fokus der Kapitalgeber.

Antibiotika: Wie Kommerzialisieren?

Aktuell wird auch der Ruf nach der Entwicklung neuer Antibiotika vielerorts vernommen. Doch gestaltet sich die Kommerzialisierung in diesem Bereich äußerst schwierig. Der Anteil an Generika ist vergleichsweise hoch, die Verschreibungszeit dagegen kurz. Und die wenigsten Medikamente in diesem Segment sind auch verschreibungspflichtig.

Auch bei der Bekämpfung von Alzheimer-Erkrankungen ist der Durchbruch noch nicht gelungen. Dabei ist der Bedarf nach Innovation aus gesellschaftlicher Sicht unbestritten hoch, der Markt für neue Medikamente ist ohne Zweifel enorm

Zudem sollten Investoren nicht jede Modeerscheinung mitmachen. Manch einer versteht den Hype um CRISPR/Cas9 nicht, sei das Ganze doch eher eine Basistechnologie und kein Produkt. Vor allem im Bereich E-Health müssen viele Produkte und Technologien ihre Fähigkeit zur Kommerzialisierung noch beweisen.

Altbekannte Namen

In Deutschland bewegten sich die Investitionen in heimische Biotech-Firmen im vergangenen Jahr laut einer Veröffentlichung des Branchenverbandes BIO Deutschland mit 505 Mio. EUR wieder auf einem hohen Niveau, im Vergleich zu 550 Mio. EUR in 2015. Gerade die börsennotierten Biotech-Firmen konnten punkten: Sie nahmen insgesamt 258 Mio. EUR ein (2015: 246 Mio. EUR). Höhepunkt war der Börsengang der Brain AG, ein Unternehmen aus der industriellen Biotechnologie. Es war immerhin der erste Biotech-Börsengang in Deutschland seit 2007.

Ein leichter Rückgang hingegen beim Wagniskapital – hier verzeichnete die Biotech-Branche Einnahmen in Höhe von 216 Mio.EUR (2015: 260 Mio. EUR). Geberfreudige VC-Fonds hierzulande rar gesät. Mit den MIG Fonds sowie den Family Offices des SAP-Gründers Hopp sowie der Gebrüder Strüngmann (ex-Hexal), sind die bekanntesten und aktivsten privaten Investoren bereits genannt und allseits bekannt. Nicht wenige deutsche Biotechs suchen daher ihre potenziellen Kapitalgeber im Ausland, der German Accelerator Life Sciences etwa, beheimatet in Massachusetts/USA, soll hier Abhilfe schaffen.

Wann kommen die Chinesen?

Das Fundraising ist auch in der deutschen Biotech-Szene ein leidiges Thema – und wird es wohl auch bleiben. Viele heimische Investoren investieren weiterhin in klassische Industriesegmente. Anders ausgedrückt: Manch einer agiert eher risikoscheu. Ein typisch deutsches Phänomen, wie bereits vielerorts beschworen? Doch andererseits, investieren ohne Risiko, wie soll das gehen?

Zudem verfügt Deutschland über keinen Biotech-spezifischen Exit-Kanal. Die Deutsche Börse in Frankfurt fällt in diesem Segment kaum ins Gewicht. Demgegenüber hat sich die Mehrländer-Börse Euronext in den vergangenen Jahren auf Life Sciences-Börsengänge spezialisiert, zuletzt wagte die deutsche Curetis im November 2015 in Amsterdam den Sprung aufs Parkett. Und es fehlt weiterhin an branchenerfahrenen Beratern, Analysten und Juristen, die Life Science-Börsengänge in Deutschland hinreichend betreuen könnten.

Mit Gimv, Gilde, LSP oder Forbion findet man in den BeNeLux-Ländern darüber hinaus sehr finanzstarke und aktive Life Science-Investoren. Die in der Regel noch finanzstärkeren US-Investoren trauen sich hingegen noch vergleichsweise selten ins deutsche Getümmel, wenn auch mit steigender Aktivität in den letzten Jahren. Vor allem das heimische Aktienrecht stößt auf häufigen Unmut.  Auch Schlagworte wie Erlöspräferenzen, Mitarbeiterbeteiligungsmodelle, Zeitdifferenz oder die immer noch zu geringe Sichtbarkeit deutscher Biotechs in den USA werden als Hinderungsgründe genannt – von den interessanteren Investitionsmöglichkeiten in den USA ganz zu schweigen.

Ein neuer Player am VC-Markt kommt hingegen aus dem fernen Osten: Chinesische Venture Capital-Gesellschaften haben ein großes Interesse an deutschen Technologien, auch abseits des Mittelstands. Problem: Chinesische Investoren wollen lieber vermarktungsfähige Produkte, während die deutschen Biotechs zumeist noch weit vom Markt entfernt agieren. Und ihr Blick wandert noch in die „falsche“ Richtung, nämlich über den Pazifik in Richtung USA. Europa liegt in der anderen Richtung.

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