Risiken wägen, Innovation wagen!

Eine Kolumne von Dr. Sascha Berger, Partner, TVM Capital Life Science

Bildnachweis: TVM Capital Life Science.

Im beruflichen Kontext dreht sich noch immer fast jedes längere Gespräch um COVID-19. Angemessenheit und Erfolg der Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie werden dabei mitunter hitzig diskutiert. Mir fällt auf, dass diese Diskussionen häufig um fundamentale Themen wie das Abwägen von Risiken, Entscheidungen unter Unsicherheit und Mut zur Umsetzung kreisen – Grundsatzthemen, die Kernkompetenzen eines erfolgreichen Risiko­kapitalgebers betreffen.

Fehlen uns gesamtwirtschaftlich die Instrumente, unter Krisenbedingungen vernünftige Abwägungen zu treffen? Nicht immer. Der Digitalisierungsschub in der Gesundheitsbranche, durch die Pandemie nicht ausgelöst, aber doch beschleunigt, ist greifbar. Deutschland hat letztes Jahr das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) aufgelegt und damit – als eines der ersten Länder überhaupt – den Digitalisierungsprozess im Gesundheitswesen durch das Schaffen von Rechtssicherheit deutlich befördert. Aber ein positives Beispiel macht leider noch keine Norm. Deutsche Firmen sind und waren vorne bei der ­COVID-19-Impfstoffentwicklung; dennoch sind die USA, Israel und auch Großbritannien durch ein effektiveres Impfmanagement aufgefallen.

Von Großbritannien können wir lernen, dass Kate Bingham, die Chefin der „Vaccine Task Force“, mit der Erfahrung und den Methoden einer VC-Investorin ein erfolgreiches Impfprogramm aufgesetzt hat. Sie hat die Risiken der Zulassung und der Beschaffung bereits im Frühjahr 2020 sorgfältig abgewägt und einen entsprechenden Plan entwickelt. Sie hat Zielkonflikte mithilfe eines Risikoprofils und daraus folgenden Priorisierungsregeln aufgelöst. Direkter Zugang zur Regierung und eine im Gesamtbudget großzügig eingepreiste PR-Kampagne waren für die erfolgreiche Umsetzung ebenso elementar.

Welche Konsequenzen sollten wir für uns in Deutschland ziehen, um Zieldilemmata wie Risiko vs. Sicherheit, Sicherheit vs. Geschwindigkeit etc. klug aufzulösen? Es beginnt mit Priorisierung – das führt zu klaren Zielen. Wir brauchen klare Regeln auf dem Weg zur Zielerreichung und den Mut, diese Regeln zu brechen, wenn sich die Umstände ändern. Dazu muss Wissenschaft auf Kommerzialisierungserfahrung, Pragmatismus und Entscheidungsfreude treffen. Und diese Entscheidungen müssen dann auch transparent kommuniziert werden – gerade, wenn es um die zugrunde liegenden Gewichtungen bei der Zieldefinition geht.

Wenn das nicht passiert, dann bleibt man im Impfzentrum auf kostbaren, lebensrettenden Dosen sitzen oder muss in der Schule diskutieren, ob es datenschutzrechtlich tragbar ist, dass ein positiv getestetes Kind die Klasse unter den Augen der Mitschüler verlassen muss. Ja, persönliche Daten müssen geschützt und privat sein und bleiben. Im Sinne eines vernünftigen Risikomanagements rufe ich aber dazu auf, entschlossen zu priorisieren. Dass man nicht alles allen recht machen kann, ist auszuhalten. Gute Lösungen sollen schnell eingesetzt werden; man kann sie später immer noch verbessern. Nicht machen und immer weiter diskutieren ist aber oft die schlechteste Lösung – nicht nur in einer Pandemie.

Über den Autor

Dr. Sascha Berger

Dr. Sascha Berger ist Partner bei TVM Capital Life Science, einem der Pioniere für innovative Venture-Capital-Finanzierungen für Biotechnologie, Medtech, Diagnostik und Digital Health, mit Standorten in München und Montreal. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Dealflow, Due Diligence und Transaction Management. Er verfügt über umfangreiche M&A-, Strategie- und Transaktionserfahrung. Dr. Berger studierte Technologiemanagement in München, Singapur und Boston, hält einen Diplomtitel der Technischen Universität München sowie einen Doktortitel in Banking & Finance und ist ein engagierter Triathlet.