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Teil 1
Ein Viertel der neuen Medikamente, die in diesem Jahr auf den Markt kommen, dürften gegen unterschiedliche Krebserkrankungen gerichtet sein. Dabei sollen unter anderem zwei neue CAR-T-Zell-Therapien als neue Behandlungsoptionen verfügbar werden. So stellt es der vfa, der Verband forschender Arzneimittelhersteller, in einem aktuellen Ausblick für 2021 dar. Bei diesen CAR-T-Zelltherapien werden patienteneigene Immunzellen im Labor gentechnisch so ausgerüstet, dass sie nach Rückführung in den Körper die Tumorzellen besser als vorher bekämpfen können – in den bisher zugelassenen Fällen solcher „lebenden Therapeutika“ hält diese Wirkung jahrelang. Die neuen CAR-T-Zell-Therapeutika des Jahres 2021 sind für Patienten mit Mantelzelllymphom oder Multiplem Myelom gedacht.
„Forschende Pharma-Unternehmen verbessern ungeachtet ihrer Anstrengungen gegen Covid-19 auch die Chancen für Krebspatientinnen und -patienten. Dafür bringen sie dieses Jahr neue Medikamente heraus und erweitern die Anwendungsgebiete vorhandener Medikamente auf zusätzliche Krebsarten. Zudem erproben sie weitere Krebsmedikamente in klinischen Studien, wenn auch pandemiebedingt etwas verlangsamt. Das ist der Beitrag der Branche auch zur ‚Nationalen Dekade gegen Krebs‚“ sagt vfa-Präsident Han Steutel mit Blick auf den Weltkrebstag am 4. Februar.

Krebs: small molecules, Antikörper, Zelltherapien

Andere neue Krebsmedikamente könnten bei Patienten mit Krebserkrankungen bei Brust, Lunge, Gebärmutter, Gehirn, Gallengang und Sehnen eingesetzt werden. Auch gegen verschiedene Leukämien und Lymphome richten sich die neuen Entwicklungen. Dabei spielen personalisierte Therapien – also auf bestimmte Genmutationen in den Tumorzellen zugeschnittene Mittel – eine große Rolle.
Ein Beispiel: KRAS-Mutationen sind bei vielen Krebserkrankungen Treiber für das Tumorwachstum. In seiner gesunden Form wechselt das KRAS-Protein zwischen seiner aktiven und inaktiven Form und fungiert damit als „Ein- und Ausschalter“ für die Regulierung der nachgeschalteten Signalwege. Eine besondere Form dieser KRAS-Mutationen (KRAS G12C) kommt vor allem bei Lungenkrebs, aber auch bei Darmkrebs und anderen soliden Tumoren vor. Die KRAS G12C-Mutation galt bisher als „undruggable“, also als therapeutisch nicht zugänglich. Über 40 Jahre wurde die KRAS-Mutation erforscht, ohne einen Durchbruch zu erzielen. Krebspatientinnen und Krebspatienten mit der KRAS G12C-Mutation stehen daher keine zielgerichteten Therapien zur Behandlung zur Verfügung.

Forscherinnen und Forschern von Amgen ist es gelungen, ein so genanntes Target auszumachen. Sie entdeckten auf der Oberfläche des mutierten KRAS G12C-Proteins eine Furche, an der ein Inhibitor binden kann. Dieser hält das KRAS-Protein in seinem inaktiven Zustand und verhindert damit die onkogene Signalübertragung. Klinische Studien, die in Auszügen auf diversen Krebskongressen präsentiert wurden, zeigten sehr großes Ansprechen der Patienten und eine deutliche Verringerung der Tumorlast.

Weitere Beispiele führen auf eine Rundreise durch die deutsche Innovationslandschaft – der Süden

Beginnen wir im Süden: Im Münchner Innovations- und Gründerzentrum IZB hat in 2020 beispielsweise die Firma CatalYm mit einer hohen Finanzierungsrunde von 50 Mio. EUR für Aufsehen gesorgt. Das mit einer wissenschaftlichen Entdeckung aus der Universitätsklinik Würzburg ausgestattete Unternehmen will mit einem spezifischen Ansatz das Immunsystem mit besseren Antennen ausstatten, um frühzeitiger das Krebsgeschwür als „fremd“ und störend zu erkennen und attackieren zu können. Interessant dabei ist, dass dieser Faktor auch dazu beiträgt, dass in der Schwangerschaft das Ungeborene (das durch den väterlichen Genomanteil ja zur Hälfte ein „Fremdkörper“ ist) nicht vom Immunsystem der Mutter attackiert und abgestoßen wird.
Im IZB gibt es eine Reihe weiterer Firmen, die neue Ansätze gegen Krebserkrankungen verfolgen, etwa die nach der städtischen Surferwelle benannte Eisbach Bio. Diese verfolgen mit einer eigenen Technologieplattform Ansätze auf der Gen-Regulationsebene, also an der zeitlich gesehen vermutlich frühesten Weggabelung, wo aus einer Zelle durch einen Fehler eine Tumorzelle wird. Diese Genregulation hat beispielsweise auch etwas mit der Form und Aktivierbarkeit der Chromosomen selbst zu tun und Eisbach Bio kann solche „Fehler im Chromosom“ detektieren. Auch die frühe Diagnostik von Krebserkrankungen (Exosome Diagnostics), zielgerichtete Therapeutika-Applikation genau am Tumor (Thermosome) und selbst die Tumorbehandlung des „besten Freundes des Menschen“ (vulgo: Hund) durch die Firma adivo steht bei weiteren Firmen im IZB im Fokus.
Auch in Regensburg widmet man sich der Krebsforschung, und das nicht nur am Uniklinikum und dem José Carreras-Zentrum, sondern auch im dortigen BioPark, dem direkt auf dem Unigelände beheimateten Startup-Inkubator. Hier ist angewandte klinische Forschung am Werk und das Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin mit Prof. Christoph Klein an der Spitze interessiert sich für die so genannte „liquid biopsy“, also das Aufspüren von Krebszellen aus dem Blut. Im letzten Jahr konnte in einer Publikation im rennomierten Fachmagazin „nature“ das Ergebnis und neue Erkenntnisse über die Metastasenbildung und das Überleben von gestreuten Krebszellen über lange Zeiträume etwa im Knochenmark beschrieben werden. Hierbei finden hochsensitive Techniken ihren Einsatz, um solch seltenen, versteckten Einzelzellen, die sich zu bösartigen Metastasen entwickeln können überhaupt aufspüren zu können.

In diesem Bereich ist auch die ganz frisch gegründete Firma Telexos angesiedelt, eine Abspaltung des Branchenriesen Roche Diagnostics in einem Technology-Buy-out, die eine besondere Methode entwickelt und in Kürze als eigenes Produkt vermarkten wird, um diese seltenen“zirkulierenden Tumorzellen“ (im Englischen als CTCs abgekürzt) bei der Aufreinigung von Blutproben nicht zu verlieren und für die nachfolgende Detailanalyse nutzen zu können.

In unserer nächsten Folge überspringen wir den Weißwurstäquator…, bleiben Sie dran.

Die ganze Serie:

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Über den Autor

Dr. Georg Kääb ist seit 1. Februar Redaktionsleiter der Plattform LifeSciences. Davor war er über 10 Jahre Manager Communications bei der Biotech-Netzwerkagentur BioM. Von der Ausbildung her Biologe waren die ersten Berufsstationen als freier Journalist bei u.a. Süddeutscher Zeitung sowie DIE ZEIT und dann ebenfalls ein gutes Jahrzehnt als Chefredakteur der Mitgliederzeitschrift des Verbandes dt. Biologen, vdbiol.