Bildquelle: © Immunic and Nela Dorner

Mit einem Börsenwert von rund 100 Mio. EUR zählt die seit 2019 an der Nasdaq gelistete Immunic (US4525EP1011) zu den Micro Caps unter den deutschen Biotechs. Schafft das Medikament Vidofludimus Calcium in den nächsten Jahren als Therapie gegen verschiedene Formen der Multiplen Sklerose (MS) den Sprung auf den Markt, steht die Aktie vor einer Neubewertung. Die gerade abgeschlossene Transaktion sichert Immunic die Finanzierung der klinischen Studien bis zur angestrebten Marktreife. Von Stefan Riedel

Über eine überzeichnete Privatplatzierung an ein Investorenkonsortium kann Immunic Bruttoerlöse von bis zu 400 Mio. USD einwerben. Davon sind 200 Mio. USD im Rahmen einer von Hauptaktionär BVF Partners L.P. angeführten Finanzierungsrunde bereits erfolgt, weitere 200 Mio. USD sind potenziell abrufbar. Für diese Kapitalmaßnahme hat das Unternehmen 229.076.000 vorfinanzierte Optionsscheine zum Erwerb von Immunic-Aktien zu einem Preis von 0,873 USD herausgegeben. Dieselbe Zahl an Optionsscheinen verfällt 30 Tage nach Veröffentlichung der entscheidenden Daten aus der klinischen Studie ENSURE, spätestens aber am 17. Februar 2031.

2026: Jahr der Entscheidung

Mit den Einnahmen will Immunic zum einen die zwei laufenden und zulassungsrelevanten klinischen Phase-3-Studien für sein Produkt Vidofludimus Calcium bei schubförmig verlaufender MS finanzieren. Das Produkt hat zwei große Vorteile: Anders als herkömmliche Arzneien, die intravenös verabreicht werden, wird es täglich als Tablette eingenommen. Darüber hinaus ist der Wirkstoff sehr gut verträglich. Als klinisches Ziel hat sich Immunic gesetzt, dass die Substanz sicherer und mindestens genauso wirksam ist wie die zugelassenen MS-Arzneien.

Die entscheidenden klinischen Daten werden bis Ende 2026 erwartet. Zum anderen unterstützen die eingeworbenen Finanzmittel das Unternehmen über das Einreichen eines Zulassungsantrags für Vidofludimus Calcium in dieser MS-Form Mitte 2027 hinaus wie auch für die Vorbereitung für den kommerziellen Marktstart. Sollte Vidofludimus Calcium die Marktzulassung für schubförmige MS erhalten, erwägt Immunic die Vermarktung auf dem US-Markt in Eigenregie. Die Größe eines entsprechenden eigenen Vertriebsteams beziffert Vorstandschef Daniel Vitt im oberen zweistelligen Bereich.

Ungedeckter medizinischer Bedarf

Zugleich verschafft die gerade abgeschlossene Finanzierungsrunde Immunic ausreichend finanziellen Spielraum, um eine zulassungsrelevante Phase-3-Studie mit Vidofludimus Calcium zur Behandlung der progressiv verlaufenden MS zu starten. Diese ohne Krankheitsschübe, aber stetig fortschreitende Krankheitsform verursacht die Hälfte aller bei MS entstehenden körperlichen Behinderungen. Der permanent fortschreitende Prozess zerstört die Myelinschichten an den Oberflächen der Nervenzellen und baut das gesamte neurologische Gewebe im Gehirn ab. Bislang gibt es keine Behandlungsoptionen für die progressiv verlaufende MS. Eine umfängliche Phase-3-Studie wird bis zu vier Jahre dauern.

Immunic stützt sich hier auf die 2025 ausgelesenen Ergebnisse der Phase-2-Studie CALLIPER. „Die Resultate zeigten eine deutliche Verlangsamung der Behinderungsprogression sowie ein vorteilhaftes Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil“, erläutert Vorstandschef Vitt gegenüber Plattform Life Sciences.

Neuer Wirkmechanismus

Gegenüber den bislang verfügbaren MS-Medikamenten will Immunic damit punkten, dass Vidofludimus Calcium nicht nur die Entzündungseffekte der Krankheit adressiert, sondern auch die stetige Krankheitsverschlechterung. „Unser Kandidat zeigt vielversprechende neuroprotektive Signale, die genau bei diesem ungedeckten medizinischen Bedarf entscheidend sind“, meint CEO Vitt. „Gerade die stetige Krankheitsverschlechterung ist ein Aspekt, vor dem Menschen mit MS besonders große Angst haben, weil er unmittelbar mit dem Verlust der eigenen Unabhängigkeit verbunden ist.“

Bei den zwei Phase-3-Studien ENSURE-1 und ENSURE-2 bei schubweise verlaufender MS ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Ergebnisse positiv ausfallen. Sollte Vidofludimus Calcium die Zulassung schaffen, erwägt Immunic die Vermarktung auf dem US-Markt in Eigenregie zu betreiben. Die Größe eines entsprechenden Vertriebsteams beziffert die Gesellschaft im oberen zweistelligen Bereich. „Unser primärer Fokus bei der Vermarktung liegt in den USA. Im Anschluss daran würden wir auch die europäischen Märkte ins Auge fassen“, gibt Vitt die Richtung vor.

Neben den MS-Therapien hat Immunic mit einem Produkt die klinische Phase 1 abgeschlossen: IMU-856 wird gegen Zöliakie entwickelt, eine Autoimmunerkrankung, gegen die es bislang keine Behandlungsmöglichkeiten gibt. Der Heilprozess von IMU-856 erfolgt im Verdauungstrakt ohne Immunsuppression. Rund zwei Millionen Personen in den USA und 3,5 Millionen in Europa sind davon betroffen. Immunic beabsichtigt hier, für etwa 30% aller Patienten eine erstattungsfähige Therapie zu entwickeln, die trotz glutenfreier Diät an einer Zerstörung der Darmzellwände ernsthaft erkrankt sind.

Vertriebsprofi soll neuer CEO werden

Den potenziellen Auftrieb für den Aktienkurs wird in diesem Jahr aber Vidofludimus Calcium liefern. Zugleich bereitet sich Immunic auch personell auf den Schritt zu einem kommerziellen Unternehmen vor. Mitbegründer und CEO Vitt wird gemeinsam mit dem Aufsichtsrat die Suche nach einem neuen CEO mit kommerzieller MS-Expertise einleiten. Vitt selbst will anschließend in eine neue Führungsposition mit Fokus auf die wissenschaftliche Strategie und die Weiterentwicklung des Portfolios wechseln und Mitglied im Aufsichtsrat bleiben.

FAZIT

Anders als an der Nasdaq fristete die Immunic-Aktie an den deutschen Börsenplätzen in den letzten Jahren ein Schattendasein. Mit dem Nachrichtenfluss zu Vidofludimus Calcium kann sich das in diesem Jahr ändern. Aktuell versucht sich die hochvolatile Aktie an einem charttechnischen Ausbruch aus ihrem mehr als einjährigen Abwärtstrend. Seit Jahresanfang hat sie um 60% an Wert gewonnen. Liefert Immunic dieses Jahr positive Ergebnisse, geht die Aktie durch die Decke. Ähnlich groß ist aber auch im Falle des Scheiterns der Kurshebel nach unten.

Autor/Autorin

Stefan Riedel
Finanzredakteur at Büro für Kommunikation

Stefan Riedel ist in den internationalen Finanzmärkten unterwegs. Seit 20 Jahren schreibt der passionierte Börsianer für die Plattformen und Publikationen von GoingPublic Media, unter anderem GoingPublic und die Plattform Life Sciences.