Bildnachweis: HTGF.

Der High-Tech Gründerfonds (HTGF) ist einer der führenden und aktivsten Frühphaseninvestoren in Deutschland und Europa für technologieorientierte Startups. Mit öffentlichem und privatem Kapital unterstützt er Gründerteams von der Seed-Phase bis in die Wachstumsphase und bietet neben Finanzierung auch Zugang zu einem starken Netzwerk sowie strategischem Know-how.

 

Plattform Life Sciences: Welche Rolle nimmt der HTGF im Venture-Capital-Ökosystem ein?

Dr. Nik Raupp: Wir geben Gründerinnen und Gründern mit wirklich großen Ideen in der Frühphase die bestmöglichen Startchancen, insbesondere dann, wenn andere Investoren noch zögern, ins Risiko zu gehen. Dazu begleiten wir Startups nicht nur mit Kapital, sondern auch mit gezieltem Sparring, ehrlichem Marktfeedback, Zugang zu Co-Investoren sowie über unser gesamtes Netzwerk hinweg. Wir verbinden frühes Kapital mit industriellem Zugang und unternehmerischer Erfahrung. Gleichzeitig verstehen wir uns als Plattform, die privates Kapital gezielt mobilisiert und nicht ersetzt. Unser Ziel ist es, tragfähige Finanzierungsstrukturen von der frühen Phase bis zur Skalierung aufzubauen. Mit der Integration des DeepTech & Climate Fonds (DTCF) wird diese Rolle weiter gestärkt. Frühere und spätere Finanzierungsphasen werden enger verzahnt. Für Gründerinnen und Gründer entsteht so ein klarerer Finanzierungspfad von der technologischen Idee bis zur Skalierung.

Dr. Nik Raupp, Partner, HTGF. Copyright: HTGF
Dr. Nik Raupp, Partner, HTGF, startete seine Karriere bei einem Beratungsunternehmen und promovierte berufsbegleitend zum Thema Venture Capital Finanzierung von Biotechnologieunternehmen in Japan. Nach einem Jahr Projektmanagement in der Biotechnologie-Branche wechselte er Anfang 2011 in die Chemieindustrie. Raupp verfügt über langjährige internationale Erfahrung als Experte für nachhaltige Innovationen, den Einsatz nachwachsender Rohstoffe und Klimaschutz. Von 2018 bis März 2021 arbeitete Raupp für die BASF im regionalen Marketing in Hong Kong und initiierte zahlreiche Neuentwicklungen für Kunden in China, Japan, Australien und Indien. Seit April 2021 ist er mit Fokus auf Chemie-Startups im Life Science Team. Copyright Foto: HTGF

Wie hat sich die Value Proposition des HTGF für Fondsinvestoren über die Jahre verändert?

Im Kern bieten wir nach wie vor das, wofür der HTGF von Beginn an steht: Zugang zu sehr frühen Technologie-Startups, eine stabile Public-Private-Fondsstruktur, sowie ein professionelles Dealflow- und Selektionssystem. Gleichzeitig haben wir in den vergangenen Jahren klar gezeigt, dass Frühphasen-Investing sowohl wirkungsorientiert als auch finanziell erfolgreich sein kann. Unser Anspruch ist es, finanziell erfolgreich zu sein wie jeder andere Venture-Capital-Fonds und dabei unseren politischen Auftrag mitzudenken: früh zu investieren, Risiken zu übernehmen und privates Kapital zu mobilisieren. Für Corporate-Investoren ist insbesondere unser strategischer Zugang zu Innovationen relevant. Da unsere Fondsinvestoren aus Mittelstand, Konzernen und Family Offices sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben, setzen wir heute stärker auf individuelle Betreuung, themenspezifische Workshops und eine Rolle als aktiver Sparringspartner. Entgegen einer immer noch verbreiteten Annahme schränkt uns der öffentliche Kapitalanteil in unserer operativen Arbeit nicht ein. Wir können eigenständig investieren, Bewertungen festlegen und agieren in der Praxis wie ein klassischer VC. Die zentrale Einschränkung besteht lediglich darin, dass wir kein weiteres öffentliches Kapital matchen dürfen. Im aktuellen Seed-Fonds HTGF IV investieren wir deutlich höhere Beträge pro Startup. Diese Flexibilität ist ein zentraler Erfolgsfaktor unseres Modells.

Welche Funktion übernimmt dabei der Opportunity Fonds?

Der HTGF Opportunity Fonds ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie sich unsere Value Proposition weiterentwickelt hat. Er erlaubt uns, besonders starke Portfolio-Unternehmen auch in späteren Finanzierungsrunden weiter zu unterstützen und ihnen beim Übergang in die Skalierung den Rücken zu stärken. Mit Tickets von bis zu 30 Mio. Euro schließen wir eine Lücke beim Wachstumskapital in Deutschland. Gleichzeitig zeigt der Fonds sehr gut, wofür unser Portfolio steht: von digitalen Plattformen wie Sdui bis zu hochinnovativen Life-Science-Unternehmen wie Tubulis. Es geht um Schlüsseltechnologien, die international wettbewerbsfähig sind und morgen den Unterschied machen.

Welche Bedeutung hat die Industrieanbindung für den HTGF – gerade im aktuellen Marktumfeld?

Gerade 2025, in einem insgesamt sehr schwierigen VC-Jahr, in dem sich viele Fonds zurückgezogen und Investitionen stark reduziert haben, war das Zusammenspiel mit Industriepartnern besonders wichtig. In Bereichen wie Chemie und Industrial Biotech, in denen es weniger klassische VC-Investoren gibt, spielt Corporate Venture Capital seit jeher eine zentrale Rolle. Zur Industrieanbindung organisieren wir spezialisierte Pitch- und Vernetzungsformate in Life Science, Agritech, MedTech, Digital Health und Chemie. Gleichzeitig arbeiten wir stark mit thematischen Clustern im Portfolio. Dadurch können wir über mehrere Beteiligungen hinweg Muster erkennen, Lernkurven aufbauen und diese Erfahrung gezielt an Startups und Investmentmanager zurückspielen.

Welche technologischen Trends beobachten Sie aktuell besonders genau?

Wir sehen derzeit weniger völlig neue Themen, dafür ein klares Revival der Industrial Biotech, etwa über fermentationsbasierte Ansätze für Spezialchemikalien oder Kosmetik-Inhaltsstoffe. Entsprechend haben wir im vergangenen Jahr mehrere Investments in diesem Feld getätigt. Zudem gewinnt das Thema Enzyme wieder deutlich an Dynamik und tritt in eine neue Entwicklungsphase ein.

Wie fällt die aktuelle Erfolgsbilanz des HTGF aus?

Insgesamt ist unsere Erfolgsbilanz sehr stabil. In den zuletzt äußerst herausfordernden Jahren war der Exit-Markt stark eingeschränkt, was wir jedoch als zyklische Phase verstehen, die den gesamten Markt betrifft. Ungeachtet dessen konnten unsere Portfolio-Unternehmen in 2025 Anschlussfinanzierungen in Höhe von mehr als 1,2 Mrd. EUR einsammeln, davon mehr als 90 % privates Kapital. Beispiele hierfür sind Tubulis mit einer Series C über 344 Mio. EUR, die weltweit größte Finanzierungsrunde für einen privaten ADC-Entwickler, sowie Avelios Medical, das mit 30 Mio. EUR eine der größten Digital Health Series A Finanzierungen Europas, angeführt von Sequoia Capital, abgeschlossen hat.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Urs Moesenfechtel.

Autor/Autorin

Redaktionsleiter Plattform Life Sciences at  | Website

Urs Moesenfechtel, M.A., ist Redaktionsleiter der Plattform Life Sciences und gehört zum Redaktionsteam der Kapitalmarkt-Plattform GoingPublic (GoingPublic, HV Magazin, www.goingpublic.de). Urs beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themenfeldern Biotechnologie und Bioökonomie und war u.a. bereits als Wissenschaftsredakteur für mehrere Forschungseinrichtungen tätig.