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Er sei noch nie so stolz gewesen, Teil der deutschen Biotech-Szene zu sein. So die Eingangsworte von Oliver Schacht, Präsident des Branchenverbandes BIO Deutschland, anlässlich der heutigen Präsentation des Biotechnologie-Report 2020 von EY. „Deutsche Biotech-Unternehmen arbeiten derzeit mit Hochdruck an Diagnostika, Impfstoffen und Therapien gegen das neuartige Corona-Virus, so Schacht im Rahmen der Präsentation, die aufgrund der aktuellen Situation erstmals per Video- beziehungsweise Telefonkonferenz abgehalten wurde.

Branche mit zweistelligen Wachstumsraten 2019 bei Umsatz, Beschäftigtenzahl und F&E

Die Biotechnologie-Branche in Deutschland hat sich laut Biotechnologie-Report 2019 deutlich dynamischer entwickelt als in den Vorjahren. Fast in allen Bereichen erreichten die Unternehmen zweistellige Wachstumsraten: Der Umsatz stieg um zehn Prozent auf 4,87 Mrd. EUR, die Zahl der Beschäftigten um 16 Prozent auf 33.706 Beschäftigte und die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sogar um 21 Prozent auf 1,79 Mrd. EUR.

Biotechnologie-Report: Drei Leuchttürme tragen den Trend

Getragen wurde die Entwicklung vor allem durch die börsennotierten Unternehmen, die den Umsatz um 18 Prozent, die Zahl der Beschäftigten um 26 Prozent und die F&E-Ausgaben um 58 Prozent steigerten. Bei den Zahlen macht sich allerdings auch bemerkbar, dass BioNTech seit vergangenem Jahr an der Börse gelistet ist – und zusammen mit Qiagen und Evotec allein für 40 Prozent des Gesamtumsatzes verantwortlich ist.

Das sind Ergebnisse des Deutschen Biotechnologie-Report 2020 der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY in Kooperation mit dem Branchenverband BIO Deutschland.

Der Studienautor und Leiter des deutschen Life Science Centers von EY, Dr. Siegfried Bialojan, kommentiert die Zahlen: „Insbesondere die enorme Steigerung der F&E-Ausgaben ist ein gutes Zeichen. Denn in der Vergangenheit ist es der deutschen Biotechnologie-Branche zu selten gelungen, die vorhandenen Pferdestärken auf die Straße zu bringen. Sprich: Innovative Ideen in konkrete Anwendungen umzusetzen.“ Gerade die aktuelle SARS-CoV-2-Pandemie zeige, wie wichtig es sei, vielversprechende Ansätze effizient und schnellstmöglich zum Patienten zu bringen.

Oliver Schacht, hofft auf eine weitere Bestätigung des Positivtrends in den kommenden Jahren: „Um das volle Potenzial der Biotechnologie wirklich zu heben, brauchen wir ein nachhaltiges, gesundes und innovatives Wachstum der deutschen Biotechnologiebranche.“ Das hieße aber auch, dass man verbesserte Rahmenbedingungen für die Finanzierung über Eigenkapital und insbesondere Venture Capital benötige, „sowie insgesamt ein funktionierendes Ökosystem für nachhaltigere Unternehmensfinanzierung“, so Schacht.

Finanzierung erreicht zweithöchsten Wert aller Zeiten – 61 Prozent allein für BioNTech

Nach dem Rekordjahr 2018 erreichte die Finanzierung den zweithöchsten Wert aller Zeiten. So konnten die deutschen Biotechs nach dem starken Jahr 2018 erneut mehr Risikokapital einwerben: Das Gesamtvolumen stieg laut Biotechnologie-Report um knapp ein Viertel auf 479 Mio.EUR – allerdings machte davon allein die 290 Mio.-EUR-Finanzierung von BioNTech 61 Prozent aus. Im Gegensatz zum Vorjahr trugen 2019 zudem zwei Börsengänge im Gesamtwert von 191 Mio. EUR zum Finanzierungsvolumen bei – auch hier war BioNTech mit seinem 141 Mio. EUR schweren IPO maßgeblich für die Summe verantwortlich.

Siegfried Bialojan kommentierte die Zahlen: „Wieder einmal zeigt sich das alte Problem, dass Kapital vor allem einzelnen Leuchttürmen zu Gute kommt – nach Abzug der Ausnahmefinanzierungen bleibt für die Gesamtbranche nur ein eher bescheidener Betrag übrig. Die beiden Börsengänge fanden zudem in den USA statt und nicht in Deutschland.“ Nach wie vor fehle in Deutschland ein in der Breite funktionierendes Kapitalökosystem. Insbesondere in den USA könnten Biotech-Unternehmen mit einer höheren Visibilität auf mehr Risikokapital und bessere Börsenverläufe hoffen, so Bialojan.

Professionelle Translation soll Risiken reduzieren und Finanzierung verbessern

Um die Finanzierungssituation in Deutschland zu verbessern, spricht sich Bialojan neben den seit langem geforderten verbesserten Rahmenbedingungen zur Eigenkapitalmobilisierung auch für eine professionellere Translation aus: „Die professionell begleitete Umsetzung von Ideen aus der Forschung in marktfähige Produkte kann die Risiken des Scheiterns reduzieren und damit gleichzeitig die Chancen auf Finanzierung erhöhen.“ Die Entwicklung von Wirkstoffen und Therapien sei teuer und langwierig. Umso wichtiger sei es, schon in der Frühphase unternehmerisch zu denken. Helfen könnten hierbei beispielsweise Inkubatoren oder Plattformen, die Forschungsabteilungen mit potenziellen Geldgebern in Verbindung bringen. „Gelingt es so, das unternehmerische Risiko zu minimieren, könnte dies einen weiteren wichtigen Nebeneffekt bewirken: einen Anstieg der eher verhaltenen Gründungsdynamik in der Branche.“

Bialojan verwies in der Präsentation der Studie allerdings auf die unterschiedliche Ausrichtung der Inkubatoren und ähnlicher Einrichtungen in Deutschland. Während Einrichtungen wie das BioMedX Heidlberg, Evotec Bridge in Hamburg oder der LSI Bonn vor allem akademische Projekte identifizieren, evaluieren und maturieren, definieren sich etwa der CoLaborator von Bayer, der Merck Accelerator oder die derzeit in Planung befindlichen BioLabs in Heidelberg als Start-up Inkubatoren.

Globale Allianzen mit Dominanz deutscher Biotech-Innovationen

Bei den Fusionen und Übernahmen spielten deutsche Biotechs 2019 eher eine Nebenrolle. Zwar stieg – vor allem dank sechs Mega-Deals (Volumen über 500 Mio. USD), die zusammen 147 Mrd. USD ausmachten – das M&A-Gesamtvolumen im Biotech-Sektor in Europa und den USA um 28 Prozent auf 189 Mrd. EUR. Allerdings taucht in der M&A-Statistik (Deals ab 100 Mio. USD) nur ein einziges deutsches Biotech-Unternehmen auf: Breath Therapeutics aus München wurde für knapp 500 Mio. EUR vom italienischen Konzern Zambon übernommen.

„Während das M&A-Geschehen US-dominiert bleibt“, so Bialojan, „sind europäische und gerade auch deutsche Biotechs aufgrund ihrer starken Ausrichtung auf innovative Technologieplattformen weniger im Fokus als mögliche Übernahmekandidaten. Stattdessen nehmen vor allem deutsche Biotech-Unternehmen wie Immatics, CureVac, Medigene und Evotec herausragende Positionen bei den internationalen Allianzen ein.“

Corona-Krise kann Internationalisierung weiter begünstigen

Die aktuelle Corona-Krise könnte die Internationalisierung der heimischen Biotechnologie weiter begünstigen: „Viele deutsche Biotech-Unternehmen arbeiten derzeit mit Hochdruck an Diagnostika, Impfstoffen und Therapien gegen das neuartige Corona-Virus.“, ergänzt Oliver Schacht. „Sollte einem deutschen Unternehmen tatsächlich der Durchbruch gelingen, wird dies sicherlich zu einer noch höheren internationalen Visibilität führen – und könnte der Branche zu einem weiteren Wachstumsschub verhelfen.“

Über den Autor

Holger Garbs ist seit 2008 als freier Redakteur für die GoingPublic Media AG tätig. Er schreibt für die Plattform LifeSciences und das VentureCapital Magazin.