Bildnachweis: faCellitate.

Polymerlösungen von faCellitate können Zellkulturen individuell anpassen. Die Polymerbeschichtungen erzeugen eine vollsynthetische, biologisch relevante Zellkulturmatrix für 3D-Zellkulturen, die Arzneimittelforschung, toxikologische Studien und die Stammzellenforschung. faCellitate entstand als Venture-Projekt der Chemovator GmbH, dem Geschäftsinkubator des BASF-Konzerns.

Plattform Life Sciences: Frau Dr. Schwartz; wie kam es zur Gründung von faCellitate? Welche Idee stand dahinter?

Dr. Véronique Schwartz: Die Idee des Ventures faCellitate entstand als Initiative des Forschungsbereichs Advanced Materials & Systems der BASF SE. Die BASF besitzt ein breit angelegtes Portfolio an Materialien mit oberflächenaktiven Eigenschaften und es stellte sich heraus, dass man durch den Einsatz spezieller Materialbeschichtungen positive Effekte bei Zelluntersuchungen erzeugen kann. So können Zellen durch innovative Beschichtungen beispielsweise in biologisch relevanten gewebeähnlichen Umgebungen kultiviert werden. Das Material Know-How und die Expertise der BASF lässt sich damit unmittelbar für die biomedizinische Forschung nutzen. Die Idee von faCellitate war geboren.

Mit dieser Idee bewarb sich unser interdisziplinäres Forschungsteam aus Chemikern und Biologen 2018 erfolgreich beim neugegründeten „Chemovator“, dem internen Geschäftsinkubator der BASF, und wir werden dort seitdem bei der kommerziellen Umsetzung der Technologie unterstützt.

Bitte erläutern Sie die Idee hinter der Chemovator GmbH, dem Geschäftsinkubator der BASF. Welche Intention verbindet der Chemiekonzern mit Chemovator?

Komplementär zur bestehenden Innovationslandschaft der BASF können BASF-Mitarbeiter ihre Ideen aus der Chemielandschaft im geschützten Raum des Chemovators zu skalierbaren und investierbaren Geschäftsmöglichkeiten entwickeln. Seit der Gründung im Jahr 2018 bietet der Chemovator ein unkonventionelles Start-up-Umfeld mit kreativem Freiraum. Die Intention liegt vor allem dabei Innovationen und Ideen, die über das Tagesgeschäft hinausgehen, in dem zweijährigen Programm zu fördern und neue Wachstumsmöglichkeiten für BASF zu erschließen – von der frühen Validierungsphase bis zur erfolgreichen Kommerzialisierung.

Die Polymerlösungen von faCellitate sind in der Lage, Zellkulturen individuell anzupassen. Quelle: faCellitate

Durch neue Industriestrukturen, komplexere Kundenansprüche, Konkurrenztechnologien und Megatrends wie Digitalisierung wird das Geschäftsmodell der traditionellen Chemieindustrie zunehmend hinterfragt. An der Nahtstelle zwischen traditioneller Industrieexpertise und Startups können neue Ansätze entstehen, die es ermöglichen, außerhalb der bestehenden Strukturen zu experimentieren und neue Märkte zu erschließen.

Unterstützt werden die „Intrapreneure“ dabei von externen Unternehmern mit Gründer-Expertise, die den Ventures als Coach, Mentor und Netzwerker zur Seite stehen. Auf diese Art können neuartigen Geschäftsideen, Produkte und innovative Dienstleistungen entkoppelt vom Mutterkonzern schnell und flexibel zu Portfolioerweiterungen für BASF (Spin-in) oder Ausgründungen (Spin-off) entwickelt werden.

faCellitate hat kürzlich mit BIOFLOAT, einer Beschichtung für verbesserte 3D Zellkultur, sein erstes Produkt auf den Markt gebracht. Was hat es mit BIOFLOAT auf sich?

Seit Jahrzehnten werden Zellexperimente in zweidimensionaler Zellkultur auf Kunststoff- oder Glasoberflächen durchgeführt. Die zweidimensionale Anordnung der Zellen führt zu unerwünschten Begleiterscheinungen und geringer Reproduzierbarkeit klassischer Zellexperimente.

Aktuell spielt sich hier ein tiefgreifender Paradigmenwechsel ab: Die Welt der Zellexperimente wird dreidimensional. Wir beobachten, dass sich beispielsweise kugelförmige 3D-Sphäroide zunehmend zum Modell der Wahl für die Arzneimittelforschung, toxikologische Studien, Stammzell- und Krebsforschung und andere Krankheitsmodelle entwickeln. Der Schlüssel ist, die Zellen in einer Umgebung zu kultivieren, welche die Bildung von 3D-Sphäroiden fördert und ihre natürliche Umgebung im Organismus nachahmt, wodurch ein biologisch korrekteres Modellsystem entsteht.

Genau das leistet BIOFLOAT von faCellitate. Es sorgt für eine zuverlässige, gleichmäßige Sphäroidbildung selbst bei Zellarten, die für die 3D-Kultur nur schwer zugänglich sind. Dadurch sind die Ergebnisse besser reproduzierbar, für die Humanbiologie von höherer Relevanz und Risiken beim Übergang von der präklinischen zur klinischen Forschung werden verringert.

Außerdem gelten Ergebnisse aus 3D-Zellexperimenten als physiologisch repräsentativ für den Menschen und sind zum Teil sogar relevanter als Experimente aus Tierversuchen. Das Ziel von faCellitate ist daher die Anzahl der für Arzneimittelforschung erforderlichen Tierversuche zu reduzieren und gleichzeitig Zeit und Kosten zu sparen.

In welchem Marktumfeld bewegt sich faCellitate mit seinem Produkt? Adressiert das Projekt einen klaren Wachstumsmarkt?

Der Zellkulturmarkt umfasst neben Säugetierzelllinien und Stammzellen auch alle zugehörigen Geräte und Reagenzien, mit denen Zelluntersuchungen im Hochdurchsatz durchgeführt werden. Hierbei ist der 3D-Zellkulturmarkt eines der am stärksten wachsenden Segmente mit einem Marktvolumen von 1,4 Mrd. USD in 2019 und einer Wachstumsrate von 11,3 Prozent. Die Umstellung von konventioneller 2D-Zellkulturtechnik, bei der Zellen auf flachen Kunststoffoberflächen herangezüchtet werden, auf 3D-Techniken eröffnet ein umfangreiches Spektrum an Möglichkeiten, die Aussagekraft von Zellmodellen effizienter zu gestalten und die Lücke zwischen in vitro Zellmodellen und Lebendmodellen zu überbrücken.

Ein Ausblick: Wo steht faCellitate in den nächsten ein bis zwei Jahren?

Die BIOFLOAT-Beschichtung ist der erste Schritt zum Aufbau eines breiten und flexibel anwendbaren Portfolios, welches für unsere Kunden in der Zellforschung gezielt individuelle Oberflächenbeschichtungen zur Verfügung stellt. Neben der Positionierung als „trusted partner“, wird im nächsten Jahr auch eine neue Oberflächenbeschichtung marktfähig. Besonders in der Gen- und Stammzelltherapieforschung sehen wir großes Potential für uns. Unser langfristiges Ziel ist es, für die Life Science-Forschung individuelle und zuverlässige neue Lösungen zu bieten und uns als starker Forschungspartner zu etablieren. Wir freuen uns auf diese aufregende, herausfordernde und spannende Zeit.

Plattform Life Sciences: Frau Dr. Schwartz, vielen Dank für das interessante Gespräch!

Das Interview führte Holger Garbs.

Über den Autor

Holger Garbs ist seit 2008 als freier Redakteur für die GoingPublic Media AG tätig. Er schreibt für die Plattform LifeSciences und das VentureCapital Magazin.